Dem Handwerk fehlt es nicht an Aufträgen – aber an Material. Holz, Kunststoffe oder Stahl sind extrem knapp. Foto: dpa/Nicolas Armer

84 Prozent der Handwerksbetriebe in Deutschland müssen Aufträge wegen Lieferengpässen verschieben oder stornieren. Die Preise steigen. Zudem fordern Kunden immer häufiger Auskünfte zum Impfstatus der Mitarbeiter.

Berlin/Stuttgart - Der Wunsch des Kunden ist für den Stuckateur aus der Stuttgarter Region etwas Neues. „Unsere Mitarbeiter müssen alle zwei Tage einen Schnelltest machen, damit sie auf die Baustelle dürfen“, erzählt er. Das lässt sich machen – bei einem anderen neuen Trend dagegen wird es deutlich schwieriger. Denn manche Auftraggeber fragen inzwischen den Impfstatus der Handwerker ab. Den allerdings dürfen die Chefs nicht erfahren. Es würden deswegen bereits vereinzelt Aufträge zurückgezogen, teilt der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) mit. „Es kann nicht sein, dass die Unkenntnis über den Corona-Impfstatus zu einer spürbaren Gefährdung der Auftragslage unserer Betriebe führt“, kritisiert ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer.

Die Situation für die Betriebe ist derzeit ohnehin angespannt. Das liegt aber nicht an der Nachfrage. Die steigt nämlich. Dafür fehlt es an etwas anderem Wesentlichen: dem Material. Corona hat dafür gesorgt, dass weltweit Lieferketten zusammengebrochen sind. Logistikprobleme und hohe Nachfrage nach einigen Rohstoffen – zum Beispiel nach Holz in den USA – tun ihr Übriges. Seit Monaten steigen deshalb die Preise, manche Produkte sind kaum noch zu bekommen. Und die Lage verschlechtert sich weiter. Das zeigt die neuste Umfrage des Zentralverbands unter seinen Betrieben.

Kurzarbeit wegen Materialmangels

Demnach geben 84 Prozent von ihnen inzwischen an, wegen Lieferengpässen Aufträge verschieben oder gar stornieren zu müssen. Für Kunden bedeutet das oft monatelange Wartezeiten oder deutlich höhere Preise. Drei Prozent der Unternehmen haben derzeit sogar Beschäftigte in Kurzarbeit, weil sie zwar Aufträge hätten, aber kein Material. „Der Mangel ist dramatisch. Bei manchen Produkten ist gar nichts mehr da“, sagt ein Sprecher der Handwerkskammer Region Stuttgart. Problematisch seien neben Holz auch Stahl, Kunststoffe, Elektronikkomponenten und Dämmstoffe. Eine Entspannung sei derzeit – anders als noch im Frühsommer erhofft – nicht absehbar.

Doch für die Betriebe gibt es noch ein anderes Problem. Für sie werden viele Aufträge unwirtschaftlich, wenn sie die Erhöhungen nicht weitergeben können. In dieser Hinsicht sei besonders ärgerlich, dass gerade die öffentliche Hand viele Betriebe im Regen stehen lasse. „Bei öffentlichen Ausschreibungen müssen Preisgleitklauseln genutzt werden, die den Betrieben in einer Ausnahmesituation wie der aktuellen wirtschaftliche Planungssicherheit geben“, fordert Wollseifer. Nur so könnten sie dauerhaft überleben.

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