Als der Kindergarten den Ganztagesplatz für ihren autistischen Sohn in einen Halbtagsplatz umwandelt, muss Familie L. einen Plan B organisieren. Der neue Betreuungsplatz bei einer Tagesmutter in Calw ist teuer – auch weil Weil der Stadt nicht am TAKKI Plus-Programm teilnimmt.
Eineinhalb Jahre ging der jetzt fünfjährige Luis in die städtische Kindertagesstätte Farbklecks in Merklingen. Doch im April 2024 wandelte die Kita plötzlich die Ganztagesbetreuung des Kindes aus betrieblichen Gründen in einen Halbtagsplatz um. Die Kita-Leitung argumentierte, dass Luis trotz Integrationskraft überfordert sei und eine Gefahr für sich und andere darstelle. Unter anderem hatte der Junge in Stresssituationen andere gebissen. In einem Schreiben, das unserer Redaktion vorliegt, heißt es, dass eine rechtliche Grundlage für die Änderung der Betreuungszeiten vorliege, der Rechtsanspruch auch bei reduziertem Angebot erfüllt werde und die Trägerseite keine Fristen einzuhalten habe.
„Wenn die pädagogischen Fachkräfte in den Einrichtungen feststellen, dass eine Überforderung des Kindes vorliegt und es trotz Integrationskraft, die auch nur stundenweise da ist, nicht geht, ist eine Reduzierung der Betreuungszeiten unser letztes Mittel“, erklärt Tanja Kübler, Amtsleiterin für Jugend und Soziales der Weiler Stadtverwaltung. „Es handelt sich hierbei um ganz seltene Einzelfälle.“ Dass das für betroffene Eltern eine große Herausforderung darstelle, sei dabei allen Beteiligten bewusst. Dennoch stehe das Kindeswohl im Vordergrund. In vergleichbaren Fällen habe eine Stundenreduzierung vielen Kindern gutgetan.
Störung fester Abläufe
Auch für die Familie L. stellte die plötzliche Reduzierung der Betreuungszeit eine Katastrophe dar. „Ich hatte Angst, meinen Job zu verlieren“, erinnert sich die Mutter Jenny L. zurück. „Aber noch größere Sorgen hat es mir bereitet, was das alles für unseren Sohn bedeutet.“ Denn bei Luis wurde ein atypischer Autismus diagnostiziert. Zudem besteht der Verdacht auf ADHS, auch eine soziale Desintegration und eine Sprachentwicklungsverzögerung liegt bei ihm vor. Im Alltag zeigt sich das vor allem darin, dass dem Jungen feste Abläufe ganz wichtig sind. „Es reicht schon, wenn die Zahnpasta nicht die richtige Farbe hat, damit für ihn eine kleine Welt zusammenbricht“, berichtet seine Mutter. „Es gibt aber auch ganz viele schöne Momente mit ihm, weil er einen besonderen Blick auf Dinge hat. Auf einer Blumenwiese fasziniert ihn zum Beispiel nicht die größte oder bunteste Blüte, sondern das kleinste, feinste Samenkorn.“
Für Luis sei es hart gewesen, plötzlich nicht mehr gemeinsam mit den anderen Kindern in der Kita zu Mittag essen zu dürfen. Er habe sich ausgestoßen und in seinen Routinen gestört gefühlt. Daher haben die Eltern das Kind auch ganz aus der Einrichtung genommen. Die Enttäuschung darüber, wie das alles gelaufen ist, sitzt noch immer tief. „Dass mein Sohn sehr betreuungsintensiv ist, weiß ich natürlich“, betont Jenny L. „Aber es kann doch nicht sein, dass für ihn kein Platz in der Kita ist. So funktioniert Inklusion nicht.“
Nun glücklich bei der Tagesmutter
Dass die Betreuung von Luis klappen kann, zeigt sich nun bei einer Tagesmutter in Calw, von der Luis seit September betreut wird. „Wir sind so glücklich, dass Luis sich richtig wohlfühlt und nun aufblüht“ schwärmt seine 42-jährige Mutter. „Die Tagesmutter weiß auf Kinder mit speziellen Bedürfnissen einzugehen. Wir zahlen einen stolzen Preis dafür – doch das ist es wert!“
Hohe Betreuungskosten, da Förderung fehlt
Denn abgesehen von den Fahrtkosten nach Calw zahlt Familie L. bei der Tagesmutter monatlich 567 Euro für die Betreuung an vier Werktagen – und damit doppelt so viel wie vorher für den Kitaplatz. Dass die gesamten Kosten von der Familie getragen werden müssen, hängt auch damit zusammen, dass Weil der Stadt – anders als andere Nachbarkommunen – nicht am Takki-Plus-Programm des Landkreises teilnimmt. Denn mit dem landkreisweiten Modell für über Dreijährige würde der Differenzbetrag vom städtischen Kitaplatz zum Preis bei der Tagesmutter getragen werden. In Weil der Stadt ist Takki nur für unter dreijährige Kinder möglich. „Da wir Anfang der 2000er Jahre schon viele Ganztagsplätze hatten, hat sich die Tagespflege in Weil der Stadt nicht so etabliert“, erklärt Tanja Kübler. Etwa 30 Kinder unter drei Jahren seien aktuell im Takki-Modell untergebracht. Für ältere Kinder gebe es zu wenig Bedarf. Für Jenny L. ist das ärgerlich und sie rechnet vor: „Würden wir in Leonberg wohnen, müssten wir nur 148 Euro zahlen und in Weissach wären es 216 Euro.“
Dankbar ist die Mutter ihrem neuen Arbeitgeber. Denn das Familienunternehmen aus Hausen war stets unterstützend und hat ihr ermöglicht, flexibel im Homeoffice arbeiten zu können. Sehr geholfen habe der Familie auch der Rutesheimer Verein „Mein Herz lacht“. Hierbei handelt es sich um eine Selbsthilfe-Community für Eltern von Kindern mit Beeinträchtigungen.
Jenny L. hofft, dass sich beim Thema Inklusion in Weil der Stadt künftig etwas tut. „Für uns ist das gut, aber teuer ausgegangen“, resümiert sie nachdenklich. „Ich würde mir wünschen, dass niemand das erleben muss, was wir in den vergangenen Monaten durchgemacht haben. In Weil der Stadt muss ein größeres Bewusstsein für Inklusion entstehen.“ Das scheint man in der Stadtverwaltung ähnlich zu sehen. Denn Ende Januar wurde eine neue Stelle ausgeschrieben. Die Stadt sucht eine heilpädagogische Fachberatung in Teilzeit, die eine fachliche Beratung im Bereich der Kindertageseinrichtungen bezogen auf den Schwerpunkt Inklusion ausfüllen kann.