Normalität wie in Vor-Corona-Zeiten wird es auch nach der vollständigen Öffnung von Kitas und Grundschulen noch nicht geben Foto: factum/Archiv

Am 29. Juni öffnen Kindertagesstätten und Grundschulen in Ludwigsburg wieder für alle – allerdings unter Pandemiebedingungen. „Vom Regelbetrieb sind wir noch weit weg“, sagt Sozialbürgermeister Konrad Seigfried. Eltern müssen sich weiterhin auf Einschränkungen einstellen.

Ludwigsburg - Welche Familie sehnt sich diesem Augenblick wohl nicht entgegen? Am 29. Juni sollen wieder alle Kinder ihre Kita oder ihre Grundschule besuchen können. Am Donnerstag haben der Erste Bürgermeister Konrad Seigfried, die Leiterin des Fachbereichs Bildung und Familie, Renate Schmetz, und der geschäftsführende Schulleiter Bernhard Bleil der Presse vorgestellt, unter welchen Bedingungen die Rückkehr der Kinder ablaufen soll – und bei dieser Gelegenheit gleich die Erwartungen gedämpft, dass bald alles so sein wird, wie es vor Mitte März war. Die Eltern müssen sich auf eingeschränkte Betreuungszeiten, knappes Personal und abgespeckte Angebote einstellen.

Willkommen zurück

Die 4200 Plätze in allen 72 von der Stadt, Kirchen oder anderen Trägern betriebenen Kindergärten und Kindertagesstätten sollen vom 29. Juni an wieder zur Verfügung stehen. Vereinzelt werde das allerdings „sehr schwierig“, sagt Renate Schmetz. Denn einerseits gebe es beim Personal weiterhin gefährdete Gruppen wie etwa Bedienstete mit Vorerkrankungen. Bei ihnen müsse der medizinische Dienst entscheiden, ob und unter welchem Schutz sie mit den Kindern arbeiten könnten. Andererseits seien bekanntermaßen ohnehin nicht alle Stellen besetzt, und Krankheitsfälle kämen auch dazu. „Wir können öffnen, aber nicht in der ursprünglichen Bandbreite bei den Öffnungszeiten“, so Schmetz. Sie nennt das Beispiel einer Einrichtung, in der sieben von elf Angestellten Vorerkrankungen haben. „Mit Azubis kriegen wir zwar eine Gruppe zusammen. Aber wir können die Einrichtung nicht in gewohntem Maß betreiben.“ Ziel sei es, allen Eltern ein Betreuungsangebot machen zu können.

An der Untergrenze

Um die flächendeckende Wiedereröffnung zu bewerkstelligen, erlaubt das Land, dass der Mindestpersonalschlüssel in den Kindergärten und Kitas um 20 Prozent unterschritten werden darf. Um die Aufsicht dennoch gewährleisten zu können, müssen die Träger auf Auszubildende und FSJler zurückgreifen. „Trotzdem: Die Mitarbeiter haben Belastungsgrenzen, wir müssen mit dem Personaleinsatz sehr verantwortungsvoll umgehen“, sagt der Erste Bürgermeister.

Auf Abstand

Viele Kitas und Kindergärten müssen umstellen: Diejenigen, die ein offenes Angebot haben oder mit Ateliers arbeiten, sind nun gezwungen, zur Vermeidung von Covid-19-Ansteckungen auf ein System mit festen Gruppen überzugehen. „Auch wenn der beste Freund dann in einer anderen Gruppe ist“, so Schmetz. Die Einrichtungen müssen den Ablauf so regeln, dass die Gruppen einander nicht begegnen. Innerhalb ihrer Gruppen müssen die Kinder nicht auf Distanz zueinander oder zu den Erziehern gehen, für die Erwachsenen untereinander gilt allerdings weiterhin die 1,5-Meter-Abstandsregel.

Systemrelevanz zählt nicht mehr

Wenn alle Kitas wieder öffnen, fällt die Notbetreuung für Eltern in systemrelevanten Berufen weg. „Es gibt keinen Grund mehr, Eltern zu privilegieren“, sagt Renate Schmetz. Das kann bedeuten, dass Eltern, die ihre Kinder seither in der Notbetreuung untergebracht hatten, nun mit kürzerer Betreuung in ihrer Regel-Kita zurechtkommen müssen.

Keine Gebührenbefreiung

Von der Idee, Eltern wegen des eingeschränkten Angebots weiterhin von den Gebühren zu befreien, hält Konrad Seigfried nichts: „Das wäre eine Gießkanne, die ich für völlig unangemessen hielte.“ Während manche Eltern um ihre wirtschaftliche Existenz bangten, hätten andere keine beruflichen Einschränkungen und bekämen ihr Gehalt normal weiter. „Soziale Gerechtigkeit muss über andere Transferleistungen laufen“, findet Seigfried. Zudem habe die Stadt durch die Gebührenbefreiung in der Corona-Zeit im Monat eine Million Euro weniger eingenommen. Das Land habe zwar je 714 000 Euro zurückerstattet. Trotzdem summierten sich die Verluste, und die Infrastruktur müsse aufrecht erhalten werden.

Wieder jeden Tag zur Schule

Auch alle Grundschüler dürfen Ende Juni wieder an den Start. Unterrichtet werde aber nur das Kerncurriculum: Mathe, Deutsch und Sachkunde, berichtet Bernhard Bleil. Auch die Grundschulen müssen penibel darauf achten, dass die festen Klassenverbände unter sich bleiben und einander nicht begegnen. Zeitliche Staffelung oder die Nutzung verschiedener Eingänge sollen dabei helfen. Erklärtes Ziel ist, dass alle Grundschüler an fünf Wochentagen jeweils vier Stunden Unterricht haben. „Ein gewisser Anteil an Kindern ist ganz schlecht durch die Corona-Zeit gekommen. Um die machen wir uns die größten Sorgen“, sagt Bleil. Gerade für sie sei die Rückkehr in die Schule wichtig. „Die Ganztagsgrundschulen werden einen abgespeckten Ganztag mit zwei Nachmittagen anbieten“, so Bleil. Für Familien, die zusätzlich eine Spätbetreuung gebucht haben, will die Stadt das Angebot möglichst aufrecht erhalten, garantiert aber nichts.

Ein fragiles Konstrukt

Die Eltern müssen versichern, dass sie ihr Kind zuhause lassen, sobald es Symptome hat, die auf eine Covid-19-Infektion hindeuten könnten. Bestätigt sich eine Covid-19-Erkrankung, muss die ganze Gruppe in Quarantäne. „Das wird für viele Familien eine Riesenherausforderung“, befürchtet Konrad Seigfried. „Eine verschniefte Nase hat ein Kind schnell mal. Dann könnte das jetzt schon fragile Konstrukt wieder zusammenbrechen. Wir bewegen uns auf dünnem Eis.“

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