Inès und Hans-Jürgen Stritter genießen ihre neue Wohnung. Bis auf ein paar wenige Stücke haben sie alle Möbel aus dem alten Haus hergegeben. Foto: Simon Granville

Inès und Hans-Jürgen Stritter haben ihr Haus verkauft und sich eine Wohnung gekauft – mit Anbindung an ein Pflegeheim. Das Loslassen war nicht einfach. Die Freunde reagierten unterschiedlich. Warum hat das Ehepaar dennoch diesen Schritt gewagt?

Marbach - Sie haben ihr Haus und vor allem ihren Garten geliebt und sich in Oberstenfeld wohlgefühlt. Der Blick zur Burg, genügend Platz, lieb gewonnene Nachbarn – was will man mehr? Gerade nach dem Abschied aus dem Berufsleben, wenn endlich genügend Zeit für die Hobbys bleibt. Und gerade, wenn Kopf und Körper noch agil sind. Das Haus verkaufen und in eine Wohnung im Dachgeschoss eines Pflegeheimes ziehen? Inès und Hans-Jürgen Stritter haben diesen Schritt vor etwas mehr als einem halben Jahr gemacht – und ihn bisher nicht bereut.

 

„Wir wollten eine Entscheidung darüber treffen, wo und wie wir unseren letzten Lebensabschnitt verbringen, wenn wir im Kopf noch klar sind“, erzählt der 72-Jährige, der aufgrund familiärer Erfahrungen im Laufe der Jahre immer tiefer in die Thematik eingestiegen ist und sich zusammen mit seiner Ehefrau nicht nur in Pflegeheimen ehrenamtlich engagiert, sondern auch Mitglied der Marbacher Projektgruppe Demenzfreundliche Stadt ist. „Mit der Mutter meiner Frau haben wir dasThema Demenzvon A bis Z durchlebt und wissen was es bedeutet, wenn man den Alltag nicht mehr alleine meistern kann.“

Schon mit 60 denken sie über den Umzug nach

Nur ja nicht den richtigen Zeitpunkt verpassen, um noch selbst entscheiden zu können, wo man den Lebensabend verbringt. Das ist Beiden schon seit vielen Jahren wichtig. Es muss um die 60. Geburtstage herum gewesen sein, erinnern sich Inès und Hans-Jürgen Stritter, als für sie klar war: Bis 70 wollen wir „unter Dach und Fach sein“. Wichtige Kriterien für den Schritt in eine neue Umgebung und damit fast in ein neues Leben: Die Wohnung muss eine Terrasse oder einen Balkon haben. Das Modell des betreuten Wohnens rückt immer stärker in den Fokus.

Die gebürtigen Stuttgarter würden gerne wieder etwas näher an die Landeshauptstadt rücken. Beide sind Liebhaber des Balletts und besuchen viele Kulturveranstaltungen. Marbach wäre die Stadt ihrer Wahl. Günstig gelegen an der S-Bahn. „Aber die Wohnungen dort sind schweineteuer“, sagt der 72-Jährige.

Verkleinerung schreckt anfangs ab

Ein Objekt in Asperg kommt in die engere Auswahl – wird dann aber wegen der Größe und des Zuschnitts wieder verworfen. „Wenn man in ein Betreutes Wohnen geht, hat man in der Regel maximal 60 Quadratmeter zur Verfügung, und das hat uns abgeschreckt. Wir wussten nicht, wo wir mit unseren ganzen Sachen hin sollen“, erklärt seine Frau. Die Doppelhaushälfte in Oberstenfeld hat 135 Quadratmeter und allein schon aus den Nachlässen von Tanten und den Eltern stapeln sich Kartons voller Erinnerungen im Keller.

Lesen Sie hier mit Plus: Privat wohnen, gemeinschaftlich leben

Im Frühjahr 2018 stößt das Paar auf eine Anzeige in der Marbacher Zeitung. Im Stadtteil Rielingshausen wird ein Pflegeheim gebaut. Ins Obergeschoss kommen Eigentumswohnungen. Das Interesse ist geweckt. Als auch noch klar ist, dass die auf 72 Quadratmeter ausgelegte Zwei-Zimmer-Wohnung auf 93 Quadratmeter vergrößert werden kann, wenn man aus einem Teil der Dachterrasse einen Wintergarten macht, schlagen die beiden zu.

Freundeskreis reagiert unterschiedlich

Vor dem Umzug im Oktober 2020 heißt es dann ausmisten. Vor allem Hans-Jürgen Stritter muss dafür große emotionale Hürden nehmen. „Meine Frau kann eher loslassen als ich“, sagt er. In Oberstenfeld war ein ganzes Zimmer mit seinem Plattenarchiv belegt. 9000 Scheiben zählten dazu – viele verbunden mit besonderen Erinnerungen. Etwa die von Neil Diamond. „Als er das erste Mal in Stuttgart auftrat, durfte ich abends mit ihm essen gehen“, sagt der ehemalige Unternehmer und gerät ins Schwärmen. Alle Platten werden an einen Händler verkauft. „Das sind dann schon Einschnitte, die brutal sind.“ Bis auf Teppiche, einen Sessel und einen Schlafzimmerschrank verschenken Stritters alle ihre Möbel.

Der Neuanfang war hart, aber richtig. „Wir sind voll im Glück“, sagt Hans-Jürgen Stritter. Ein Glück, das ihnen anzusehen ist. Der Freundeskreis reagiert anfangs gespalten. Die einen fanden den Schritt der beiden „toll und mutig“, die anderen fremdeln mit der Entscheidung. „Es fühlt sich gut und richtig an“, sagt Hans-Jürgen Stritter und strahlt. Auch am neuen Wohnort Rielingshausen fühlen sie sich wohl. Sie schätzen die Nähe zur S-Bahn, die Bushaltestelle direkt vor der Haustür oder das Ruftaxi. In ein paar Minuten sind sie in der Natur.

Corona erschwert Begegnungen

Corona erschwert im Moment noch die persönlichen Begegnungen und doch haben die beiden sich schon gut eingelebt und – wie könnte es bei dem umtriebigen Paar auch anders sein – die ersten Ideen, wie ein Miteinander von Pflegeheimbewohnern und den Bewohnern der Wohnungen aussehen könnte. Im Moment könnte das Paar Essen und Hausarbeitsdienste in Anspruch nehmen.

Notfallknöpfe in den Wohnungen gibt es nicht. „Aber da sind wir dran, dass die installiert werden“, sagt Hans-Jürgen Stritter. Jetzt muss nur noch die Baustelle aus der Endlosschleife kommen, damit die Terrasse zum Sommer hin auch endlich nutzbar ist. Denn eines ist für Inès und Hans-Jürgen Stritter besonders wichtig: Ein guter Start in den Tag mit einem ausgiebigen Frühstück. Am besten auf der Dachterrasse.

Wie wohnen Senioren?

Die Seniorenhaushalte weisen hinter den 60-bis unter 65-Jährigen die höchste Eigentümerquote auf. Während von allen deutschen Haushalten lediglich 46 Prozent im eigenen Haus oder der eigenen Wohnung leben, sind es bei den Senioren fast 55 Prozent.

Viele Senioren möchten möglichst lange selbstbestimmt leben. Dafür gibt es alternative Wohnformen – etwa der Umzug in Betreutes Wohnen, in eine Senioren-Wohngemeinschaft, oder in betreute Wohngemeinschaften, in der hilfe- oder pflegebedürftige ältere Menschen zusammenleben, so genannte Pflege-WGs. Darüber hinaus leben in Mehrgenerationenhäusern je nach Konzept ältere und jüngere Menschen, körperlich beeinträchtigte oder auch nicht körperlich beeinträchtigte zusammen.