Dass viele Hochbetagte, die in häuslicher Umgebung gepflegt werden oder im betreuten Wohnen leben, beim Impfen zunächst außen vor bleiben, stößt auf Kritik. Das baden-württembergische Sozialministerium nennt die Gründe.
Stuttgart - Das Sozialministerium von Manfred Lucha (Grüne) verteidigt sich gegen Vorwürfe aus der Pflegebranche, keine Strategie zur Impfung Hunderttausender Hochbetagter im betreuten Wohnen und in häuslicher Pflege zu haben. „Der aktuelle Impfstoff lässt das noch nicht flächendeckend zu“, sagt eine Sprecherin. Erst müssten leichter handhabbare Impfstoffe auf dem Markt sein.
Grund dafür: Der derzeit ausgeteilte Biontech-Impfstoff muss wegen des aufwendigen Kühlverfahrens gleich nach Öffnung der Ampulle verimpft werden. Würde man betagte Menschen individuell zu Hause aufsuchen, müsste man die angebrochene Flasche schon nach einer Impfung wegwerfen. Dazu ist der Stoff zu wertvoll. Insofern verspricht sich das Ministerium von anderen Impfstoffen – wie dem von Moderna – eine Erleichterung.
Konzentration auf stationäre Heime
Derzeit verfügt das Land über 45 Mobile Impfteams. Erst mit der Inbetriebnahme der Kreisimpfzentren gegen Ende Januar stehen 145 Teams bereit. Wegen der begrenzten Kapazitäten liegt der Fokus zunächst auf den knapp 100 000 Pflegebedürftigen in stationären Heimen.
Beim betreuten Wohnen, wendet das Sozialministerium ein, handele es sich hingegen nicht um gemeinschaftliche Wohnformen. Die Bewohner nähmen allgemeine Unterstützungsleistungen in Anspruch, lebten sonst aber selbstständig – sie könnten über ihre Sozialkontakte und Schutzmöglichkeiten entscheiden. Die Versorgung immobiler Menschen im betreuten Wohnen soll somit spätestens im Rahmen der Regelversorgung durch die Hausärzte erfolgen. Ein Hintertürchen wird aber offen gehalten: „Sofern beim Impfen in stationären Pflegeheimen oder ambulant betreuten Wohngemeinschaften Impfdosen übrig bleiben, die andernfalls verworfen werden müssten, können sie an Bewohner des betreuten Wohnens oder an Beschäftigte von ambulanten Pflegediensten verimpft werden – sofern diese sich in der direkten Nähe befinden“, heißt es.
Spahns Ziel ist „nicht realistisch“
Das Ziel von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), bis Ende Januar alle Pflegeheime mit Impfungen zu versorgen, „sehen wir, Stand heute, nicht als realistisch an“, betont das Lucha-Ministerium. Die Versorgung sei komplex – unter anderem, weil mit den Betreuern der Bewohner ein Arztgespräch geführt werden müsse. „Auch versuchen viele Zentrale Impfzentren, eine möglichst gerechte Verteilung zwischen Pflegeheimen, anderen über 80-Jährigen und dem medizinischen Personal zu realisieren.“