Die Stuttgarter Pflegeheime, wie hier der Filderhof in Vaihingen, sind zu. Foto: Jürgen Bock

In Pflegeheimen herrscht ein Besuchsverbot. Familien werden getrennt, Ältere sollen geschützt werden. Viele Betroffene reagieren mit Verständnis, es spielen sich aber auch herzzerreißende Szenen ab.

Stuttgart - Ältere und kranke Menschen gelten als besonders gefährdet durch das Coronavirus. Deshalb schotten sich die Pflegeheime in Stuttgart seit einigen Tagen ab. Es gilt ein Besuchsverbot. Das ist eine Extremsituation sowohl für die Bewohner und das Personal als auch für die Angehörigen. „Das ist ein schwerer Eingriff. Wir haben normalerweise sehr offene Häuser – aber jetzt gehen die Rollläden runter. Wenn man daran denkt, was das für die Menschen heißt, da muss man schlucken“, sagt Bernhard Schneider, Hauptgeschäftsführer der Evangelischen Heimstiftung. Sie betreibt in Baden-Württemberg fast 90 Pflegeheime.

„In dieser Zeit der Einschränkung müssen alle zusammenrücken“, betont Schneider. Die Stimmung sei vielerorts gedrückt. Die Pflege- und Betreuungskräfte wüssten jetzt aber um ihre Verantwortung. Bei der Evangelischen Heimstiftung versucht man, den ausbleibenden Besuch zumindest ein bisschen zu ersetzen. Die Seelsorger, die sonst nur unter der Woche kommen, sind jetzt auch am Wochenende in den Häusern. In diversen Einrichtungen werden Tablets eingesetzt, damit Bewohner über entsprechende Programme ihre Angehörigen sehen können. „Das ersetzt natürlich nicht das persönliche Handhalten, ist aber vielleicht eine kleine Kompensation“, so Schneider.

Aus manchen Häusern werden geradezu herzzerreißende Szenen geschildert. „Bei uns gibt es ein Ehepaar, das über 90 Jahre alt ist. Der Mann lebt außerhalb und musste jetzt seiner dementen Frau erklären, dass er nicht mehr kommen darf“, erzählt die ­Bewohnerin eines Stuttgarter Pflegeheims. Nicht nur dort seien Tränen geflossen.

Große Belastung für das Personal

Auch Sabine Bergmann, Geschäftsführerin des städtischen Eigenbetriebs Leben und Wohnen mit rund einem Dutzend Einrichtungen, kennt die angespannte Lage. „Als wir am Freitag die Schließungen umgesetzt haben, war das auch für das Personal eine Extremsituation“, erzählt sie. Man habe vielen Besuchern Erklärungen liefern müssen. Die Reaktionen seien recht unterschiedlich ausgefallen, aber insgesamt trügen es die Leute mit Fassung. Das bestätigt Sabine Reichle vom Stuttgarter Caritasverband: „Die Angehörigen gehen sehr verständnisvoll mit der Situation um und beachten die Besuchsverbote.“ Ähnliches hört man aus vielen Häusern, die allesamt abgeschlossen sind und mit Hinweisen versehen.

Eingesperrt werden die Bewohner allerdings nicht. „Das wäre Freiheitsberaubung“, sagt Sabine Bergmann. Wer will und kann, darf die Häuser verlassen. Manche treffen sich außerhalb mit Angehörigen. Im Sinne des Erfinders ist das aber natürlich nicht. Deshalb versuche man, diese Ausflüge auf ein Minimum zu reduzieren. Öffentliche Veranstaltungen sind überall abgesagt, interne Termine für die Bewohner finden aber meistens statt, um Abwechslung zu bieten und die Abläufe aufrechtzuerhalten.

Doch neben der Besuchssituation ist auch die Lage beim Personal angespannt. Zwar berichten alle großen Träger, dass sie bisher noch keine bestätigten Corona-Fälle sowohl bei den Mitarbeitern als auch bei den Bewohnern haben, allerdings läuft manches schon im roten Bereich. „In einigen Häusern ist die Lage angespannt“, sagt Sabine Bergmann. Das liegt zum einen an Ausfällen wegen anderer Erkrankungen, zum anderen daran, dass Rückkehrer aus Risikogebieten oder Mitarbeiter, die entsprechende Kontakte hatten, zu Hause bleiben müssen.

Notfallpläne bei Personalausfall

Falls sich die Personalsituation verschärft, gibt es überall Notfallpläne. Man könnte Personal umschichten, heißt es bei der Caritas. Bei der Evangelischen Heimstiftung ist vorgesehen, Urlaube zu verschieben, Zwölf-Stunden-Schichten zu schieben, Auszubildende aus der Theorie in die Einrichtungen zu holen und im Notfall sogar Ruheständler zu reaktivieren.

In den Häusern gelten extreme Hygienebestimmungen. „Man muss aber sagen, dass wir hervorragende Fachkräfte haben, die im Hinblick auf virale Infekte ohnehin sehr gut geschult sind“, betont Schneider. Es werde darauf geachtet, dass Schutzkleidung und Desinfektionsmittel vorhanden seien. Allerdings geht er davon aus, dass es über kurz oder lang auch für die Heime Lieferengpässe geben könnte. „Deshalb appellieren wir dringend an die zuständigen Behörden, uns bei der ausreichenden Versorgung zentral zu unterstützen“, so Schneider.

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