Ministerpräsident Winfried Kretschmann war einer der ersten Besucher des Heidengrabenzentrums. Foto: Ines Rudel

Der Heidengraben bei Erkenbrechtsweiler (Kreis Esslingen) gehört zu den größten befestigten spätkeltischen Siedlungen in Europa. Darüber informiert das jetzt eröffnete Besucherzentrum. Das hat die Ausstellung zu bieten.

Auf der Wiese hinter einem aus Zweigen geflochten Zaun weiden Schafe und Ziegen. Über einem offenen Feuer köchelt eine Suppe im großen Topf. Menschen tragen geschäftig Kisten, Säcke und Fässer herbei. Im Hintergrund ist eine hohe Mauer aus Steinen und Holzstämmen zu sehen, die eine mächtige Siedlung umgibt. Am Torwächter kommt niemand vorbei – auch nicht Winfried Kretschmann. Doch dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten wird freundlich Eintritt in die sogenannte Elsachstadt, das Herzstück des Oppidums Heidengraben, gewährt.

 

Sein Weg führt entlang der Marktstände, an denen Tontöpfe, Holzgeschirr, Messer, Felle und Bekleidung feilgeboten werden, vorbei an einem reich mit Lebensmitteln gefüllten Vorratshaus sowie einem Spitzbarren und einer Drechselbank der fleißigen Handwerker. Schließlich steigt Kretschmann in einen Streitwagen und lässt sich, von zwei Pferden gezogen, durch die Stadt fahren – freilich nur virtuell.

So oder so ähnlich könnte das Leben der Kelten ausgesehen haben, die vor mehr als 2100 Jahren auf der Albhochfläche zwischen den heutigen Landkreisen Esslingen und Reutlingen siedelten. „Wir wissen es leider nicht so genau“, räumt Kretschmann ein. Denn die Kelten hätten keine schriftlichen Überlieferungen hinterlassen. Seiner Begeisterung über die neue Ausstellung tut dies keinen Abbruch: Was hier im Dreieck zwischen Erkenbrechtsweiler, Hülben und Grabenstetten entstanden ist, „das kann sich wirklich sehen lassen“, sagt der Ministerpräsident bei seinem Besuch in dem am Freitagabend eingeweihten Informationszentrum.

Das Oppidum Heidengraben war mit fast 17 Quadratkilometern eine der größten befestigten spätkeltischen Siedlungen Europas. Bis zu 20 000 Menschen sollen hier einst gelebt haben. An dem laut Kretschmann „besonders historischen Ort“ wurde ein kleines, feines Museum errichtet, das auf 350 Quadratmetern „die Welt der Kelten emotional erfahrbar macht“.

Wie wir wurden, was wir sind

Obwohl der Heidengraben zu den bedeutendsten archäologischen Fundstellen Deutschlands zählt, werden jedoch keine originalen Relikte präsentiert. Vielmehr lädt die von Andrea Häussler und Dieter Hagmann konzipierte und gestaltete Ausstellung mit zahlreichen 3-D-Animationen, Filmen und Mitmachaktionen zu einer virtuellen Zeitreise ein. Sechs Avatare von Kelten an Bildschirmen erzählen Begebenheiten aus ihrem Alltag. Auch auf den am Burrenhof entdeckten Bestattungs- und Sakralplatz aus der Bronze- und Eisenzeit, der deutlich älter ist als die Siedlung, wird eingegangen. „Hier sehen wir, was uns über Jahrtausende zu dem gemacht hat, was wir heute sind. Es ist wichtig zu wissen, was uns über Staatsgrenzen hinweg in Europa verbindet – gerade in diesen Tagen“, sagt Kretschmann.

Das Heidengrabenzentrum ist ein Pilotprojekt der 2019 von der Landesregierung beschlossenen Keltenland-Konzeption, mit der Baden-Württemberg sein reichhaltiges keltisches Erbe sichtbar und erlebbar machen möchte. Die Vernetzung der Keltenstätten untereinander soll Basis für ein gemeinsames, landesweites Konzept zur touristischen Vermarktung und zur Schaffung schulischer und außerschulischer Bildungsangebote sein. Die Idee dazu, blickt der Ministerpräsident zufrieden zurück, sei bei einem Rundgang über den Heidengraben entstanden.

Und sie half den drei Heidengrabengemeinden maßgeblich dabei, die ambitionierten Pläne für ein Informationszentrum endlich umzusetzen – erste Überlegungen dazu gab es schon vor 17 Jahren. 5,2 Millionen Euro hat der Neubau gekostet, das Land hat sich an den Kosten mit 1,75 Millionen Euro beteiligt, der Bund mit zwei Millionen Euro. Der Kreis Esslingen steuert 100 000 Euro bei, der Kreis Reutlingen 200 000 Euro. Den Rest tragen die drei Kommunen, die sich dafür in einem Zweckverband zusammengeschlossen haben. Dieser muss auch den Betrieb des Heidengrabenzentrums sicherstellen – erwartet werden etwa 35 000 Besucher pro Jahr. Ergänzt wird die Keltenpräsentation von einem Aussichtsturm in unmittelbarer Nähe und einem Erlebnispfad.

„Das ist ein großartiges Projekt, das weit über die Region strahlen wird“, ist der Reutlinger Landrat Ulrich Fiedler überzeugt. „Doch wenn wir wollen, dass die Leute kommen, müssen wir die Infrastruktur anpassen“, ergänzt Esslingens Landrat Heinz Eininger. Der Kreis, auf dessen Gemarkung das Heidengrabenzentrum liegt, arbeite mit Hochdruck dran, das Nahverkehrsangebot zu verbessern und Lücken im Radwegenetz zu schließen.

Das Erlebnisfeld Heidengraben

Heidengrabenzentrum
Das interaktive Museum am Burrenhof bei Erkenbrechtsweiler ist von Donnerstag bis Sonntag jeweils von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet für Erwachsene acht Euro, für Schüler, Studenten und Senioren sechs Euro. Für Kinder ab sechs Jahren sind fünf Euro zu entrichten, die Familienkarte kostet 20 Euro.

Heidengrabenturm
Der Aussichtsturm am Rand des Wanderparkplatzes Hochholz bietet einen Rundblick über das gesamte Gelände. Er kann kostenlos bestiegen werden, das Parken dort kostet pauschal fünf Euro.

Kelten-Erlebnis-Pfad
Der Der sechs Kilometer lange Wanderweg führt mit einer kostenfreien App entlang von neun Informationsstationen durch das spätkeltische Oppidum Heidengraben.

Keltenmuseum Heidengraben
Das Museum in der Ortsmitte von Grabenstetten war vier Jahre geschlossen, nach der Renovierung kann es jetzt sonntags wieder besucht werden. Gezeigt werden Fundstücke aus den Ausgrabungen