Die Band „Uhujatz“ war Mitte April im Innenhof des Samariterstifts in der Oberen Stadt in Geislingen gratis aufgetreten, um für ein wenig Abwechslung im tristen Corona-Alltag zu sorgen. Foto: Markus Sontheimer

Die Pflegeheime sind nun wieder für Besucher geöffnet. Eine gute Nachricht für die Bewohner, die unter den Kontaktbeschränkungen gelitten haben. Für die Heime ist die Einhaltung der Hygienevorschriften allerdings eine echte Herausforderung.

Geislingen - Es ist ein Drahtseilakt“, sagt Thomas Franz, Heimleiter des Samariterstifts in der Oberen Stadt in Geislingen. Seit Montag sind wieder Besuche in den Alten- und Pflegeheimen erlaubt. Thomas Franz hat ambivalente Gefühle: Einerseits ist er glücklich, dass sich die Bewohner und ihre Angehörigen endlich wieder näher kommen dürfen, andererseits sieht er auch die Gefahr, dass von draußen das Coronavirus in das Pflegeheim eingeschleppt werden könnte.

„Natürlich“ wolle er alles dafür tun, das Risiko zu minimieren, sagt er. Aus diesem Grund müssen sich Menschen, die ihre Verwandten besuchen wollen, auf so manches einstellen. Dazu gehört, dass sie sich vorher schriftlich oder telefonisch anmelden müssen. Am Eingang des Samariterstifts erhalten sie eine hygienische Einweisung. Das Gebäude selbst dürfen sie nur mit Nasen-Mund-Schutz betreten.

Die Besuche dürfen 25 Minuten dauern

Im großflächigen Café hat das Pflegepersonal einen Besucherraum eingerichtet. Dort können drei Bewohner mit jeweils zwei Angehörigen sprechen. Jede Gruppe ist für sich, die Abstände zwischen ihnen sind groß, versichert der Heimleiter. Bewohner und ihre Verwandten haben dann 25 Minuten Zeit füreinander, können sich austauschen und das ersehnte Wiedersehen genießen. „Anschließend desinfizieren wir die Tische und die Stühle“, sagt Thomas Franz. Der Besucherraum wird auch gelüftet.

In den vergangenen Wochen seit der Schließung hat er beobachtet, wie einige der Senioren immer mehr in sich gekehrt sind. „Ihnen hat einfach die Nähe zu ihren Lieben gefehlt und nichts ersetzt die menschliche Nähe“, sagt Franz. Im Versuch, die Einsamkeit zu vertreiben, hatte das Pflegepersonal Ende April für zwei Wochen ein Besucherfenster eingeführt, das es ab heute nicht mehr geben soll. „Da sind bei den Wiedersehen viele Tränen geflossen. Es war bewegend, das zu sehen“, erzählt Thomas Franz. Das Angebot sei gut angenommen worden. Ein Höhepunkt während der Corona-Zeit war Mitte April das Gratis-Konzert der Jazzband „Uhujatz“  – alles unter Wahrung der Hygieneregeln und Sicherheitsabstände. Die Musiker hatten für die Senioren gespielt, um ihnen ein wenig Abwechslung in den Corona-Alltag zu bringen.

Furch vor der zweiten Ansteckungswelle

Nun dürfen Gäste also wieder die Pflegeheime besuchen und doch bleiben die zwiespältigen Gefühle: Thomas Franz hätte sich gewünscht, dass die Öffnung vielleicht erst in zwei Wochen gekommen wäre – „aber das ist eine politische Entscheidung“. Allgemein habe er die Angst, dass es eine zweite Ansteckungswelle geben könnte, wenn die Menschen zu sorglos werden.

Im Samariterstift Bronnwiesen in Geislingen-Altenstadt können Angehörige ihre Verwandten seit gestern im Café Wunderbar besuchen. Hier gibt es jetzt Platz für zwei Gruppen – Angehörige kommen von außen über die Terrasse, Bewohner müssen das Gebäude erst gar nicht verlassen, wie Uwe Glöckner, Regionalleiter der Samariterstiftung und Leiter des Pflegeheims in Altenstadt, erzählt.

Die Organisation der Besucherräume bedeutet beträchtlichen Aufwand

Auch in den Bronnwiesen müssen sich Angehörige vorher telefonisch oder per Mail anmelden, am besten am Tag vor dem Besuch, sagt Glöckner. Der Ablauf, auf den sich die Gäste einstellen müssen, sei dem in der Oberen Stadt sehr ähnlich. Insgesamt stecke hinter der Organisation der Besucherräume ein enormer Aufwand, erzählt der Regionalleiter. Das ginge allen Pflegeheimen so. Er merke das bei den täglichen Telefonkonferenzen mit den anderen Einrichtungen der Samariterstiftung, also jenen in Gingen, Wiesensteig und der Oberen Stadt in Geislingen. In den Gesprächen diskutiere man über die aktuelle Situation, über Lösungen und gebe einander Anregungen und Tipps. Anders als in der Oberen Stadt wird es aber weiter das Besuchsfenster geben, berichtet Uwe Glöckner. Zudem steht die Möglichkeit zur Videotelefonie bereit – „für alle, die weiter weg leben“, führt er aus. Unterschiedliche Angebote sollen bestehen bleiben, um zu verhindern, dass zu viele Besucher „direkt ins Haus kommen“. Ist daraus Skepsis zu hören?

Heimleiter: Öffnung ist wichtig, aber die Infektionsgefahr bleibt

Glöckner offenbart eine Gefühlswelt, die der seines Kollegen Franz ähnelt: „Auch bei mir schlagen zwei Seelen in einer Brust.“ Die Öffnung sei menschlich wichtig, aber die Infektionsgefahr bestehe weiterhin. Hat die Politik also eine falsche Entscheidung getroffen, als sie beschloss, Besuche schon wieder zuzulassen? „Falsch würde ich es nicht nennen“, betont Glöckner. Es habe etwas passieren müssen, aber auf die Heime seien schwere Aufgaben zugekommen. Er will aber keine Fehlinterpretationen aufkommen lassen: „Ich bin sehr glücklich, dass wir es mit besonnenen Angehörigen zu tun haben und dass die Kollegen so am Ball sind.“ Das mache die Arbeit leichter.

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