47 Cent bekommt Toni Giuliano für eine Retoure, 60 Cent gibt’s für eine Paketausgabe, ferner Provision für Brief- und Paketmarken. Foto: Kathrin Wesely

Paketshops sprießen wie Pilze aus dem Boden. Die Sache rechnet sich für die Händler. Drei Geschäftsinhaber von den Fildern erklären, wieso.

Stuttgart/Filder - Zitronen aus Sizilien, Nudeln aus Neapel, Tomatensoße aus Bari, Briefe und Pakete von und nach Deutschland. Die diversen Paketshops, die nationale Sendungen betreuen, werden meist von Inhabern kleiner Läden oder Fachhändlern betrieben. Zum Beispiel von Toni Giuliano in Heslach, der italienische Spezialitäten verkauft. „Das ist eine Win-Win-Situation“, sagt der 39-Jährige. Seit Jahren schon betreibt er im Laden Paketshops – erst im Auftrag von DPD, dann GLS und jetzt für DHL. Die Vergütung der Dienstleistungen sei dabei nicht unbedingt der wichtigste Faktor. 47 Cent bekommt Giuliano für die Retoure, 60 Cent gibt’s für eine Paketausgabe, ferner Provision für Brief- und Paketmarken. „In guten Monaten habe ich damit die Ladenmiete raus, in den sehr guten vor Weihnachten etwas mehr.“

Das Schuhhaus gibt Pakete mit Schuhen aus

Auch beim Toto-Lotto- und Zeitschriftenladen von Dorit Moliner in Echterdingen springt mit dem Paketservice die Ladenmiete heraus. „Es läppert sich.“ Durchschnittlich 1000 Hermes-Pakete gehen monatlich in dem Lädchen über die Theke, und so steht praktisch immer Kundschaft im Laden. „Oft nehmen die Leute noch gleich ein Päckchen Zigaretten mit oder spielen Lotto“, sagt Moliner. Im Degerlocher Schuhhaus Schmidt ist es zwar eher die Ausnahme, dass ein Paketkunde noch gleich ein paar Schuhe mitnimmt, aber: „Es bringt schon arg viel, dass die Leute überhaupt reinkommen“, sagt die Geschäftsführerin Christa Müller. Während sie hinten im Lager nach einem Paket sucht, hat der Kunde Gelegenheit, die Auslagen zu studieren. Manche, so Müller, haben ihren Laden überhaupt erst durch den Paketservice entdeckt. Persönlich schätzt sie an dem Zusatzgeschäft, „dass es menschlich so bereichert“, auch wenn mal ein Rüpel hereinstolpert, so wie neulich der Herr, der polterte, weil er ohne Ausweis das Paket für seine Frau nicht ausgehändigt bekam. Ein Paketshop sieht zwar weniger amtlich aus als ein Postschalter, aber es gelten dieselben Regeln.

Das Schuhhaus Schmidt ist nicht der einzige DPD-Paketshop in Degerloch. Gleich um die Ecke, an der Falterstraße, ist schon der nächste. Gott sei Dank, sagt Müller: Einer allein könne die Flut an Paketen kaum bewältigen. „Die Leute kaufen immer mehr im Internet, auch Schuhe.“ Das nerve schon, wenn man im eigenen Laden stehe und die Schuhpakete der Onlinehändler über den Tresen reiche. Begünstigt werde die Internet-Bestellerei dadurch, dass der Kundschaft oft das Porto erlassen werde, selbst bei der Retoure. Toni Giuliano glaubt, dass damit irgendwann Schluss sein wird. Wenn die Kundschaft mal ans bequeme Onlineshopping gewöhnt worden sei, würden die Händler für das Porto andere Saiten aufziehen.

Die Preise für die Zustellung werden explodieren

Giuliano liegt gar nicht so falsch. Die Logistik-Experten der Strategieberaterfirma Oliver Wyman sagen voraus, dass schon in den nächsten zwei Jahren die Zustellung nach Hause zum Luxus werden wird. Durch die rasant wachsende Menge an Paketen würden nämlich auch die Personalkosten in die Höhe schnellen. Bisher verhindere ein knallharter Wettbewerb, dass die Preise für die Zustellung explodierten. Das Schlachtfeld sei die sogenannte letzte Meile.

Die letzte Meile hat eine steile Karriere hingelegt. Vom Fachbegriff ist sie zum Schlüsselwort für Logistiker, Stadtplaner und zur verkehrspolitischen Kampfvokabel aufgestiegen. Sie bezeichnet die letzte Etappe der Zustellung bis zur Haustür des Bestellers. Sie ist das Nadelöhr der Warenbestellung im Internet. Hier quälen sich die Zusteller mit ihren Transportern durch zugeparkte Wohngebiete, um am Ende nie völlig verrichteter Dinge die übrigen Pakete in der Zustellbasis oder im Paketshop abzuliefern. All das ist höchst zeit-, personal- und energieaufwendig und verstopft überdies die Straßen. Die wachsende Flut ist laut Expertenmeinung nur mit zusätzlichen Lieferfahrern zu stemmen, an denen schon jetzt Mangel ist. Neues Personal lasse sich nur mit besserer Bezahlung ködern, sodass sich die Zustellkosten bis 2028 etwa verdoppeln dürften.

Multi-Drop-Zustellung heißt die günstige Alternative: Pakete werden an Paketautomaten und -shops geliefert. Der Besteller holt sie ab und erledigt die letzte Meile selbst. Dafür braucht es Läden wie die von Toni Giuliano, Dorit Moliner und Christa Müller. Hier spielt die Zukunftsmusik. Für die Läden ist der Paketservice eine wirtschaftliche Stütze. Er sichert Ladenmieten und schickt Kundschaft vorbei. Auf diese Weise hilft der Onlinehandel, der so viele lokale Händler in die Knie zwang, den kleinen Läden vor Ort.

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