Vertäfelte Wände, geblümte Sitzkissen, alte Geweihe: In Walter Schabels Ochsen geht es zu wie früher – und das gut. Die 70 Plätze sind fast immer reserviert. Foto: factum/Granville

Toast Hawaii, Kutteln, Rostbraten: Der Ochsen erinnert Zeiten, die längst vergangen erscheinen. Doch in dem Gasthaus in Neckarrems dauern sie an. Ein Glück.

Remseck - Morgens um halb zehn sieht man Walter Schabel normalerweise nicht am Stammtisch sitzen. Mit gefalteten Händen auf dem runden Bauch und bereit, über das riesige Schwein zu reden, dessen Foto an der Wand hängt, den zwei Stuhlbeinen im Rahmen daneben und manch anderes. Normalerweise steht Walter Schabel morgens um halb zehn seit drei Stunden in der Küche. Schält Kartoffeln, füllt Maultaschen, schneidet Rostbraten zurecht. Alles eben, was für das Gelingen des Tages wichtig ist.

Eine Attraktion am Fluss

Irgendwie hat das was: remsauf, rems-ab machen sich Bürger und Meister, Landschaftsgestalter und Künstler Gedanken darüber, wie sie ihren Fluss attraktivieren können. Und dort, am Remsufer in Remseck-Neckarrems gibt es seit ewigen Zeiten jemanden, der das Verweilen am Fluss extrem attraktiv macht – und von dem man sich wünscht, dass er das lange nach der Remstal Gartenschau 2019 noch tut: Walter Schabel, Fleischermeister und Ochsen-Wirt, 71 und schwäbisch-zuversichtlich: „Hoffa m’r, dass es no a bissle hebt.“

Die betagten Tische, die grobstoffigen Vorhänge, die ausgestopften Wildschweine und Rehgeweihe an der Wand – wie früher. Man muss das mögen, auch die geblümten Sitzkissen und karierten Tischdecken, den Lärm im Gastraum, wenn es voll ist, und wo man dann unerwartet Tischnachbarn bekommen kann. Wie man auch einen speziellen Magen für einige der Gerichte braucht: Toast-Hawaii, saure Kutteln, Ochsenmaulsalat. An der Speisenkarte hat Walter Schabel so wenig geändert wie an der Einrichtung, seit er den Ochsen inklusive Metzgerei 1974 von seinen Eltern übernommen hat. Der größte sichtbare Eingriff war der Tausch des Holzbodens im Gastraum gegen Fliesen nach einem verheerenden Hochwasser Anfang der 70er Jahre.

Werbung hat der Wirt nicht nötig

Als Schabel vor eineinhalb Jahren krankheitshalber die Karte und die Öffnungszeiten reduzierte, war das Wehklagen groß. Als er das Angebot wieder hochfuhr, brauchte er keine Werbung. Die Wirtschaft ist voll, die Gäste kommen aus allen Ecken der Region und loben, wahlweise, den besten Rostbraten, den besten Kartoffelsalat, den besten Jägerbraten, die besten Maultaschen. „Die Leute sollen sich daheim fühlen“, sagt der Hausherr, bei dem sich einst Konrad Kujau und Matthias Sammer wohlfühlten oder Horst Köhler und Gotthilf Fischer – und der sein persönliches Wirtschaftswunder geschafft hat.

Das Lamm – zu, der Adler – geschlossen, Löwe, Rebstöckle, Ratsstube – es war einmal. Außer dem Ochsen gibt es in Neckarrems keine Wirtschaft mehr. Und wer darum weiß, wie viele Gasthöfe schließen, allein weil sich die Plackerei niemand mehr antun will, ist doppelt froh, dass Walter Schabel jeden Tag in seinen Ochsen stapft, obwohl seine Füße arg schmerzen, und seine Frau schon lang zu Hause bleiben muss.

Ein Eber namens Seppl macht bis heute Eindruck

Walter Schabel ist Mitglied im Obst- und Gartenbauverein, ein Bäumchen hat er noch nie gepflanzt. Er ist Mitglied im Albverein, groß gewandert ist er noch nie. Wie er auch noch nie gekickt hat und gerudert ist, aber selbstverständlich ist er Mitglied beim VfB Neckarrems und im Schifferclub. Die holzgetäfelten Wände im Schankraum sind dekoriert mit Wimpeln, Pokalen, Zeitungsartikeln und Fotos seiner Vereine, die, ist ja klar, was es zu besprechen oder feiern gab, im Ochsen besprachen oder feierten. Wenn es bis nachts um drei dauerte, dann dauerte es eben bis nachts um drei. Walter Schabel stand früh am nächsten Morgen trotzdem in der Küche. 100 Stunden-Wochen waren bei ihm keine Ausnahme. Wer die Relikte aus diesen Zeiten anschaut, erkennt, dass die Gäste ihren Wirt mindestens so schätzten wie er sie.

Die gerahmten Stuhlbeine zum Beispiel. Sie stammen von einem Ausflug des Stammtischs nach Südtirol. Walter Schabel war auch dabei. Eines Abends, beim Lachen, versichert der runde Mann, ist sein Stuhl zusammengebrochen. Die Kameraden haben heimlich die Beine eingepackt und sie ihm später als Andenken geschenkt. „Wir haben schöne Zeiten gehabt“, sagt Walter Schabel, der inzwischen auch schon mal um neun am Abend Feierabend macht.

Beruhigendes zum Abschied

Die Zeit ist um. Im Reservierungsbuch steht eine Trauergesellschaft, 70 Personen. Und davor müssen die Gäste vom Mittagstisch bedient werden. Das volle Programm für Walter Schabel und seine fünf Mitarbeiter. Aber halt, bitte kurz noch: Was hat es mit dem riesigen Schwein auf dem Foto auf sich? Walter Schabel lächelt. Also gut. Das Schwein, erzählt er, ist der Seppl. Der Seppl war ein besonders prächtiger Eber. 402 Kilo brachte er auf die Waage, und gefolgt hat er aufs Wort. Wenn der Bauer rief „Komm“, dann kam der Seppl. Ob zurück in den Stall – oder hinein in den Viehhänger. Das Tier beeindruckt Walter Schabel noch heute, 50 Jahre nachdem er Salami, Schinken und Bratwurst aus ihm gemacht hat.

Der Wirt drückt dem Besucher die Hand. Wie er das mit seinen Gästen immer macht. „Kommet Se wieder“, sagt er. Walter Schabel hat nicht vor, den Ochsen zu verlassen. Sehr beruhigend.

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