Muhsin Acar beantwortet die Fragen der Besucher zur Moschee. Foto: Henning Maak

Der Arbeitskreis Kultur hat eine Besichtigung der Kornwestheimer Ayasofya Moschee organisiert. Die Besucher wurden mit den Räumlichkeiten und den religiösen Traditionen bekannt gemacht.

Stuttgarter Norden - Das war ja alles hochinteressant und sehr transparent“, lautete das Urteil einer Teilnehmerin nach der knapp zweistündigen Moscheeführung. Auch die Stammheimer Bezirksvorsteherin Susanne Korge, die den Besuch des Arbeitskreises Kultur im Rahmen ihrer Serie „Blick hinter die Kulissen“ organisiert hatte, zeigte sich äußerst zufrieden: „Heute hatten wir 24 Anmeldungen. So viele gab es noch nie.“ Da die Moschee in unmittelbarer Nachbarschaft zu Stammheim liege, habe die Teilnehmer das Thema bewegt. „Der Austausch war wichtig, es wurden viele Ängste und Vorurteile abgebaut“, ist sich Susanne Korge sicher.

Eine Führung auf Türkisch durch die Moschee

Die Mitglieder der Türkisch-Islamischen Union, die die Ayasofya Moschee betreiben, hatten sich viel Mühe gegeben, ihren Besuchern etwas zu bieten: Gleich drei Männer führten die Besucher durch das Gebäude, zudem war mit Abdulkadir Kartal ein leibhaftiger türkischer Imam dabei. Vorstand Recep Aydin führte die Besuchergruppe durch den Vorraum und erläuterte die auf Türkisch gehaltenen Listen hinter einer Glastafel: „Das sind die 516 Namen der Familien, die für die Moschee Geld gespendet haben“. Als Aydin auf die Frage, warum manche Namen rot unterlegt seien, antwortet, „die haben noch nicht bezahlt“, erntet er den ersten Lacher des Abends, dem noch viele weitere folgen sollten.

Aufmerksamkeit erregt auch eine Digitalanzeige über dem Gebetsraum, die entfernt an einen Börsensaal erinnert. „Hier werden unsere fünf täglichen Gebetszeiten angezeigt, die sich nach den Zeiten von Sonnenauf- und -untergang richten“, erklärt Muhsin Acar, der Dialogbeauftragte der Moschee. Bevor die Teilnehmer die eigentliche Moschee betreten dürfen, müssen sie ihre Schuhe ausziehen. „Versteht ihr jetzt, warum ich im Vorfeld geraten habe, keine Socken mit Löchern anzuziehen“, wirft Susanne Korge dazwischen – der nächste Lacher.

Imame und Priester haben den selben Ursprung

„Ab hier hat jeder nur noch im Sinn, eins mit dem Schöpfer zu sein“, erklärt Acar, als die Besucher den heiligen Raum betreten. Die Gäste werden eingeladen, sich auf dem weichen Teppich niederzulassen. „Wenn jemand nicht mehr hochkommt, helfen wir gerne“, wirft Recep Aydin ein und sorgt mit einem weiteren Lacher für unverkrampfte Stimmung. Abdulkadir Kartal präsentiert sich den Gästen in seinem hellweißen Imam-Gewand. Als er mit seiner klaren Stimme einen Gebetsruf simuliert und eine Eröffnungssure aus dem Koran rezitiert, liegt andächtige Aufmerksamkeit über dem Saal. „Das klingt nicht anders als ein Priester in einer Kirche“, wirft ein Teilnehmer ein. „Wir haben auch den gleichen Ursprung“, bestätigt Aydin. Gebetet werde derzeit auf Türkisch, da der Imam aus der Türkei komme, erklärt Muhsin Acar. „Da aber von Generation zu Generation immer weniger Einwandererkinder türkisch sprechen, könnte es sein, dass hier in 20 oder 50 Jahren auf Deutsch gebetet wird“, ergänzt er und sorgt gleich für einen weiteren Lacher: „Der Inhalt der persönlichen Gebete ändert sich. Früher habe ich für einen Fußball oder ein Fahrrad gebetet, mit inzwischen 51 Jahren kommt immer mehr das Thema Gesundheit vor“.

Woher denn die Bedrohung durch den Islam komme, die man bei Anhängern der Terrorgruppe ISIS spüre, eröffnet ein Besucher einen Reigen kritischer Fragen. Recep Aydin weicht nicht aus: „Von ISIS distanzieren wir uns, ISIS passt nicht zum Islam“, stellt er klar. Im Koran heiße es, wer einen Unschuldigen töte, der töte die ganze Menschheit. „Es geht vielen Gruppen nicht um Religion, es geht um Macht“, wirft eine Besucherin ein. „Geschichte wiederholt sich“, ergänzt ein anderer. Im Christentum habe es zum Beispiel die Kreuzritter gegeben, die auch nicht um der Religion, sondern um des Geldes Willen ihre Kämpfe geführt hätten. In Kornwestheim begegnen sich Christen und Muslime an diesem Abend in Offenheit und trinken zum Abschied passenderweise miteinander Tee.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: