Der grüne Kandidat für den Ministerpräsidentenposten auf Stippvisite im Rems-Murr-Kreis: In Fellbach besucht er den Weltmarktführer Biosyn und inspiziert dessen neue Pelletheizung.
Die Firma Biosyn ist, was selbst in Fellbach wohl nicht jeder weiß, Weltmarktführer bei speziellen Arzneimitteln. 70 Prozent des Umsatzes erzielt der klassische Mittelständler, der am Heimatdomizil rund 70 Mitarbeiter beschäftigt, außerhalb von Deutschland. Vertreten ist er in 27 Ländern rund um die Erde, so der Kaufmännische Leiter Markus Last. Auf der Weltkarte im Besprechungsraum sind deshalb kleine Fähnchen auf allen Kontinenten eingesteckt.
Spezialisiert ist Biosyn auf hochdosierte Selenpräparate für die Intensivmedizin. „Sie sind ein Leuchtturm für die Stadt“, lobte die Fellbacher Oberbürgermeisterin Gabriele Zull bereits bei ihrem Antrittsbesuch vor etlichen Jahren.
Özdemir auf Riesenplakaten an der Einfahrtsstraße
Am Donnerstagnachmittag nun war ein anderer hochkarätiger Mensch zu Gast im Gebäude an der Schorndorfer Straße, direkt mit Blick auf den mittlerweile bundesweit bekannten Schwabenlandtower. Dass das Konterfei des Mannes überdies auf etlichen Riesenplakaten entlang der Einfahrtsstraße vom Remstal her hängt, ist speziell in diesen Tagen kein Zufall. Handelt es sich doch um Cem Özdemir, in der Berliner Ampelregierung als Bundeslandwirtschaftsminister tätig und aktuell grüner Kandidat bei der Landtagswahl am 8. März für die Nachfolge seines Parteifreunds Winfried Kretschmann als Ministerpräsident.
Bei seiner Biosyn-Ankunft – zuvor hat er die Reparaturen nach der Hochwasserkatastrophe im Wieslauftal begutachtet – verzichtet der grüne Politiker wegen einer Erkältung, die überdies seine Stimme merklich belegt, aufs übliche Handshake und begrüßt alle Anwesenden mit einem Ellenbogenstupser.
Der 60-Jährige, den man durchaus auch einige Jahre jünger schätzen kann, interessiert sich allerdings neben den Leistungen der Fellbacher Hightech-Biotechnologiefirma vor allem dafür, was im Souterrain so vor sich geht.
Denn im Untergrund des Gebäudes an der Schorndorfer Straße hat Biosyn im vergangenen Jahr umgerüstet und eine Pelletheizung installieren lassen. „Das Unternehmen hat auf diese Weise seine Wärmegewinnung von Gas auf Erneuerbare umgestellt“, erläutert Martin Bentele, Geschäftsführer des Deutschen Energieholz- und Pellet-Verbands mit Sitz in Berlin, der den Besuch Özdemirs in Fellbach organisiert hat. Grundsätzlich könne man konstatieren, so Bentele: „Pelletheizungen finden in Baden-Württemberg neben dem häuslichen Bereich zunehmend auch im gewerblichen Sektor Anklang – und der Rems-Murr-Kreis ist hierfür eine Vorzeigeregion.“
Installiert hat die Anlage in Fellbach das Unternehmen Moser Bad und Wärme mit Sitz in Backnang. Julia Moser hat vor zwei Jahren die Geschäftsführung des Familienunternehmens übernommen und hat auch die Einladung an Özdemir ausgesprochen. Und sie ist, wie Bentele erläutert, „eine erfahrene Heizungsbauerin, die einen durch das Deutsche Pelletinstitut geschulten Pelletfachbetrieb leitet“.
Im Heizungskeller erläutern Julia Moser und Seniorchef Harald Moser der Delegation die Feinheiten der Holzenergie. So wurde der alte Gaskessel aus dem Jahr 1991 durch die im April 2025 in Betrieb genommene Pelletheizung ersetzt. Die Investitionskosten für die Heizung betrugen gut 226.000 Euro, wobei es eine Förderung von rund 58.000 Euro gab.
Draußen neben dem Gebäude steht überdies ein Außen-Silo für die Lagerung von insgesamt 22,5 Tonnen Pellets, die unterirdisch in Richtung Heizung eingesaugt werden. Seit dem Start der neuen Anlage wurden 27 Tonnen an Pellets verbraucht, was ziemlich genau den Prognosen entspricht.
„Unser Beruf ist aktiver Umweltschutz“
Prompt fängt mitten in Mosers Ausführungen der lautstarke Saugvorgang an, im nur rund neun Quadratmeter großen Keller wird es nun auch für Özdemir etwas unverständlich. „Wir sind halt Kellerkinder“, scherzt Harald Moser und ergänzt dann ernsthaft: „Unser Beruf ist aktiver Umweltschutz.“
Draußen im Abstellraum entdeckt der mittlerweile wieder stimmlich zu Kräften gekommene Özdemir einen Feuerlöscher der Marke Minimax – und erinnert sich in einer launigen Anekdote, wie er einst als 17-Jähriger im heimischen Bad Urach im Werk der Firma, in dem auch sein Vater gearbeitet hat, rund drei Wochen am Fließband jobbte. „Ich habe alles gegeben, aber ich habe den Akkord nicht geschafft, abends war ich vollkommen fertig und bin nur noch ins Bett gefallen.“
Erst einige Zeit später offenbarte sich ihm dann sein Vater, dass er selbst es gewesen war, der dem Meister aufgetragen hatte: „Pack den Bub etwas härter an, damit er mal sieht, was ich jeden Tag so leisten muss.“ Eine bis heute wirksame väterliche Lektion, denn der Politiker, der sich gerne als „anatolischer Schwabe“ bezeichnet, sagt rückblickend: „Da hab’ ich g’merkt, wie mein Vadder sei’ Geld verdient.“
Özdemirs Offerte: Ein Pellet-Dessert zum Nachtisch
Als es zu Häppchen und Säften geht, entdeckt Özdemir noch einen zur Dekoration aufgestellten Korb mit Holzhackschnitzeln. „Hier gibt’s auch noch Nachtisch“, sagt er scherzhaft in die Runde. Doch komplett absurd wäre ein Pellet-Dessert wohl gar nicht. Denn der Hund der Familie, so Julia Moser, schnappt sich gelegentlich einige der herumliegenden, bis zu 25 Zentimeter langen Holzstäbchen und frisst sie auch – bislang ohne Folgen. „Das sind ja eigentlich auch nur Sägespäne.“
Nach knapp einer Stunde bricht der Özdemir-Tross wieder auf: zügig weiter nach Weinstadt zum Talk mit Wengertern. „Das waren sehr spannende Einblicke hier, das war klasse“, sagt er zum Abschluss in Fellbach. Biosyn-Marketingleiterin Michaela Ast gibt dem Rekonvaleszenten noch das passende Präsent mit auf den Weg: Selenase 100 XL, ein Nahrungsergänzungsmittel mit Selen zur Unterstützung des Immunsystems. Sicher ein willkommenes „Doping“ für Özdemirs vierwöchigen Wahlkampf-Endspurt.