Der Größte: So kann man natürlich auch für seinen Stand werben Foto: factum/Granville

Verstopfte Straßen, nörgelnde Händler, doofes Wetter – trotz allem: Der Weihnachtsmarkt zieht immer. Warum eigentlich?

Ludwigsburg - Wenn der Engel seine Flügel über der B 27 ausbreitet, weiß man: Jetzt geht es los! Jetzt warnt die Polizei wieder vor fiesen Taschendieben und ihren neuesten Tricks. Jetzt sichert die Stadt den Marktplatz wieder vor Terroristen ab. Nicht mehr lange, dann hebt das Klagen von Einzelhändlern an, die sich von Buden gestört fühlen, und das Klagen von Budenbeschickern, die sich von der Stadt schlecht behandelt fühlen. Fehlt nur noch das Hupen der Autos, die auf den verstopften Straßen nicht weiter kommen. Spätestens dann ist auch die Zeit wieder gekommen, in der man sich fragen kann: Weihnachtsmarkt – warum? Also fragen!

Viel Ärger – und viel Freude

Die Jugendfarm zum Beispiel, die ärgert sich dieses Jahr wahnsinnig: Darüber, dass sie ihren angestammten Platz hinter der evangelischen Kirche aufgeben musste. Wegen der Menschenmassen, die der Verein anlockt, war dort allabendlich kein Durchkommen mehr. Sehr gefährlich! Ärgerlich ist das aus Sicht der Jugendfarm deshalb, weil ihr neuer Standort hinter der katholischen Kirche so abseits liege, dass er kaum zu finden sei. „Sehr schrecklich!“, sagt Karin Hirschka vom Jugendfarm-Verein. Man kann auch Eberhard Klünder von der Marktapotheke fragen, dessen Lieferanten während des Markts nicht bis vor die Ladentür fahren dürfen. Und die Zufahrt zur Tiefgarage des Gebäudes ist auch nur eingeschränkt möglich. „Sehr unpraktisch“, sagt der Apotheker. Fragen kann man auch Francesco Moro, den die Gäste der Almhütte wahnsinnig nerven, die vor seinem Restaurant am Marktplatz thront. Ständig torkelten sie auf die Toiletten für seine Gäste, verunstalteten sie und pöbelten rum. „Sehr lästig“, sagt der Gastronom.

Andererseits sagt Karin Hirschka, nun nach zwei Wochen am neuen Standort auch: „Langsam wird es besser!“ Vielleicht entwickle sich das ganze ja noch ganz gut. Und Eberhard Klünder sagt, dass Schimpfen nichts bringt – Reden muss man. Für Juni hat er schon einen Termin mit der Stadt vereinbart. Vielleicht, hofft der Apotheker, kann man die Buden in der Unteren Marktstraße ja anders ausrichten? Vielleicht erbaut ihn ja ein Blick in die Fußgängerzone: Der Juwelier Hunke, so was, ist allerweitestgehend verschont von Buden. Und wenn Franceso Moro weiter spricht, dann findet auch er klangvollere Worte: „Der Weihnachtsmarkt – ein dickes Plus!“ Weil er eben auch viele Kunden in seine Lokalität spült, die nicht so auf Glühwein und Rote stehen.

Weihnachtsmarkt also: Lasst uns froh und tapfer sein?

Das Wetter macht was es will

Die ersten Weihnachtsmärkte datieren vom Anfang des 14. Jahrhunderts. Damals hießen sie allerdings noch nicht Weihnachtsmärkte, sondern waren eher Messen, auf denen sich die Bürger zu Beginn des Winters mit Vorräten eindecken konnten. Später kamen Zuckerbäcker, Handwerker, Spielzeugmacher, die Bürger konnten sich also mit Geschenken für die Lieben eindecken. Und heute, heute gibt es auf Weihnachtsmärkten Lampen, die früher mal eine Kokosnuss waren, Ringe, die einst als Gabel auf einem Tisch lagen und Automaten, die Fotos der Besucher in weihnachtlicher Kulisse schießen.

Wobei – weihnachtlich ist relativ. Erst, noch vor dem Totensonntag war das, war es sehr warm, dann stürmisch und dann kam der Regen. Und als der gemütliche Schnee kam, kam leider auch eine ungemütliche Kälte. Und jetzt wieder Regen. Wer in seinen vier Wänden nicht Schupfnudeln bräunt, eine Feuerwurst brutzelt oder Glühwein glüht, sitzt eingepackt in wärmenden Decken auf seinem Stühlchen, spielt mit einem Handy oder sortiert die Bestände. Also noch mal fragen: Weihnachtsmarkt – warum?

„Die Leute sind sehr freundlich“, sagt Ulrich Sauter, der Ausstecherformen in ungeahnten Variationen absetzt. „Es kommen gute Kunden“, sagt Toba Irion-Singh, der bunte Schals und Schweinchen aus Holz verkauft. „Die Leute kommen von überall her“, sagt Matthias Eigel, der als Toni-Maroni, na was wohl, Esskastanien röstet. „Die Menschen hier sind so herzlich“, sagt die Dame, die Kräutermischungen auf den Markt bringt. Und Monika Möller, die von morgens bis abends den Toilettenwagen neben der katholischen Kirche sauber hält, schwärmt: „Hier ist es ganz toll!“

Weihnachtsmarkt also: Süßer die Kassen nie klingeln?

Lob, Lob, Lob

Wenn es gut läuft, dann fahren täglich mehrere Busse in Ludwigsburg vor und spucken Wagenladungen aus der Schweiz aus und aus Italien und manchmal auch aus den Niederlanden. Wenn es gut läuft, reisen die Touristen sogar aus China an und aus Amerika. Wenn es gut läuft, halten sich auf dem Marktplatz bis zu 5000 Besucher auf. Genaue Zahlen gibt es nicht, weil sie nicht erfasst werden. Aber eine zufriedene Bilanz zieht die Stadt trotzdem Jahr für Jahr, die, wenn es gut läuft, bis zum Schluss Programmhefte in den Programmheftregalen auffüllen muss.

Also – ganz dringend mal die Leute fragen, die von überall herkommen und so freundlich und so herzlich sind. Weihnachtsmarkt – warum?

Weil, wie drei betagte Schulfreundinnen aus Tübingen feststellen, es dazugehört zur Adventszeit. Und weil der Markt in Ludwigsburg „ so hübsch klein und kuschlig“ ist. Weil, wie ein Ehepaar aus Stuttgart findet, das Angebot vielseitig ist und der Platz zwischen den Buden nicht so eng. „Gemütlich!“ Weil, wie ein Ehepaar aus Besigheim findet, auch die Darbietungen auf der Bühne ansprechend seien. „Einfach wunderschön!“ Weil, wie ein junges Ehepaar „aus der Umgebung“ gelernt hat, der Ludwigsburger Weihnachtsmarkt einfach der schönste sei. „Diese Kulisse – beeindruckend!“ Besonders natürlich nach Einbruch der Dunkelheit.

Weihnachtsmarkt also: O du selige?

Das Wasser kommt zu den Bäumen

15 Markttage sind vergangen. Die Polizei meldet einen Geldbeuteldiebstahl, für den Sicherheitsdienst gab es nichts Dramatischeres als ein paar Betrunkene zu entwirren. 14 Markttage folgen noch. Dann werden bei Nacht und Nebel alle 180 Buden abgebaut. Und die Engel, und auch die 20 Wasserbehälter, die, hübsch dekoriert, Terroristen bremsen sollen. Mit den 30 000 Litern Wasser werden dann Bäume gegossen und Kanalleitungen gespült. 14 Tage noch Trubel, Rubel, Heiterkeit. Fuad Waidi, einer der Sicherheitsmänner, sagt: „Mit Gottes Hilfe schaffen wir das!“

Weihnachtsmarkt: Alle Jahre wieder!

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