Ein freundliches Miteinander zeigt sich auch darin, dass man sich seinen Mitmenschen zuwendet. Foto: picture alliance/dpa/Patrick Pleul

Sich selbst Gutes zu tun, scheint keineswegs glücklich zu machen. Der Bestsellerautor René Borbonus rät in seinem neuen Buch zu einer vermeintlich altmodischen Tugend: Freundlichkeit.

Man kann Stimmungsaufheller schlucken, sich betrinken oder kiloweise Schokolade und Süßigkeiten in sich hineinstopfen. Es gibt einige beliebte Strategien, mit denen Menschen ihre Laune heben wollen. Die einen versuchen auch, die unangenehmen Gefühle wegzumeditieren, die anderen lenken sich mit Computerspielen ab. Dabei kann man sein Gehirn viel einfacher dazu bewegen, Oxytocin, Serotonin und Dopamin auszuschütten, die für Wohlbefinden und Glücksgefühle zuständig sind: Man muss freundlich sein.

 

Es ist schon erstaunlich. Da lebt man in einem Land, in dem zwar nicht alles perfekt funktionieren mag, die Menschen aber friedlicher, wohlgenährter und freier leben können als an den meisten Flecken dieser Erde – und doch hält es ein Bestsellerautor für nötig, sie an eine alte Tugend zu erinnern: Freundlichkeit. Gerade ist das neue Buch des Kommunikationsexperten René Borbonus erschienen: „Über die Kunst, ein freundlicher Mensch zu sein“.

In einer Gesellschaft, die die Selbstverwirklichung an oberste Stelle gesetzt hat, wirkt der Ratgeber wie aus der Zeit gefallen, denn René Borbonus holt so altmodische Begriffe aus der Mottenkiste wie Demut, Höflichkeit oder Rücksicht. Und wenn er empfiehlt, Danke zu sagen oder sich auch mal zurückzunehmen, dann fühlt man sich in Zeiten versetzt, als der Volksmund den Menschen noch Regeln eintrichterte wie: „Was du nicht willst, das man dir tu’, das füg auch keinem andern zu.“

Freundlichkeit ist nicht nur ein ideeller Wert

Doch René Borbonus hätte es nicht zum Bestsellerautor gebracht, wenn er ein altmodischer Moralapostel wäre, der meint, das früher alles besser war. Er ist im Gegenteil ganz in der Gegenwart zu Hause. Er beschäftigt sich mit Kommunikation im Berufsleben, berät Manager und Politiker, die vor wichtigen Auftritten stehen, und hat mit seinem Buch „Ich zähle jetzt bis drei!“ einen Bestseller gelandet. Und er weiß, wie der moderne Mensch tickt: Er tut Dinge lieber, wenn sie ihm selbst nutzen.

Freundlichkeit ist keineswegs nur ein rein ideeller Wert. Auch in unserer kapitalistischen Gesellschaft, die vor allem auf den eigenen Profit ausgerichtet ist, spricht ein gewichtiges Argument für Freundlichkeit: Sie rechnet sich pekuniär. Das weiß jeder Kellner, der mehr Trinkgeld bekommt, wenn er seine Gäste aufmerksam und nett bedient. Jedes Lächeln macht sich da zumeist in barer Münze bezahlt.

Freundlich zu sein rechnet sich, meint René Borbonus. Foto: communico GmbH

99 Tipps hat René Borbonus zusammengetragen, um nicht nur das Leben der anderen angenehmer zu machen, sondern auch das eigene Wohlbefinden zu steigern. Dazu gehört, sich nicht unerbittlich durchsetzen zu wollen und auf Dominanz und Unbeugsamkeit zu setzen, sondern die Meinung des anderen zu respektieren, weil nur das zu einer „funktionierenden Beziehung“ führe. Oder Dankbarkeit, die ein effektives Mittel gegen Unzufriedenheit sei. Da das Belohnungszentrum im Gehirn durch Dankbarkeit stimuliert werde, „fühlt Dank sich nicht nur gut an, sondern wirkt auch negativen Empfindungen wie Neid oder Zynismus entgegen“, erklärt Borbonus.

Man kann auch mal Fremden etwas schenken

Der „vielleicht effektivste Stimmungsaufheller“ ist aus seiner Sicht aber Großzügigkeit. „Denn was man an guten Gefühlen ins Universum investiert, bekommt man in der Regel postwendend zurück.“ Also: dem Paketboten Trinkgeld geben oder anderen mal einen Kaffee ausgeben. Bornobus geht aber noch weiter. Wenn er mit dem Auto den Brenner überquert, begleicht er jedes Mal die Mautgebühr für seinen Hintermann mit – versehen mit einer kleinen Grußbotschaft, die die Kassiererin diesem überreicht. Mit solch anonymen Gaben ist er offenbar nicht der Einzige – eine amerikanische Stiftung hat sich explizit zur Aufgabe gemacht, solche „spontanen Gesten der Freundlichkeit“ zu initiieren. Im Grunde ist das meiste, was der Autor rät, bekannt – etwa dass es guttut, anderen Komplimente zu machen. Ein Akt der Freundlichkeit sei auch, „die eigene Wortwahl zu hinterfragen“ und sich „mit der Haltung und der Verletzbarkeit Betroffener auseinanderzusetzen“. Auch das in manchen Betrieben grassierende Duzen hält er für unhöflich – zumindest dort, wo es eher „als Daumenschraube“ eingesetzt werde und Konzernvorstände ihre Vorgaben lieber im „Kumpelton“ durchsetzten.

Eine der Botschaften von Borbonus wird aber sicher ergebnislos verhallen: „Präsenz ist nicht einfach eine trendige Achtsamkeitsübung für gestresste Führungskräfte mit dem Ziel der innerbetrieblichen Leistungsoptimierung“, schreibt er, „Präsenz ist die Voraussetzung für geteiltes Leben.“ Doch trotzdem werden Menschen auch weiterhin lieber auf ihre Handys schauen als ins Gesicht ihrer Kollegen und dennoch werden Eltern auch künftig aufs Smartphone starren, wenn sie mit ihren Kindern unterwegs sind.

Glück erreicht man an ehesten im Austausch mit anderen

So einfach und bekannt manches klingen mag, offenbaren die Appelle, dass die Individualisierung unserer Gesellschaft, das Streben nach Wohlstand, Erfolg, Perfektion nicht zwangsläufig glücklich zu machen scheinen. Im Gegenteil könnte das ständige Kreisen um das eigene Ich sogar Ursache für die Unzufriedenheit unserer Tage sein. Denn: „Nur im Spiegel anderer Menschen erkennen wir, dass wir wirken und Spuren hinterlassen“, schreibt Borbonus und verweist auf eine sozialpsychologische Studie, die gezeigt hat, dass sich freiwilliges Helfen psychisch und physisch positiv auswirkt. „Freundlichkeit ist nicht nur schön – sie ist auch sehr klug.“

Deshalb konfrontiert der Sozialpsychologe Tom Postmes, der im niederländischen Groningen Professor ist, seine Studierenden auch immer wieder mit demselben Szenario: Ein Flugzeug muss notlanden und füllt sich mit Rauch. Im ersten Fall fragen die Insassen einander, ob es ihnen gut geht. Wer Hilfe braucht, darf zuerst raus. Im zweiten Szenario kämpft jeder für sich allein. Panik bricht aus, Menschen werden niedergetrampelt. Man muss nicht lange nachdenken, welche Strategie erfolgreicher ist.

René Borbonus: „Über die Kunst, ein freundlicher Mensch zu sein“, Econ Verlag, 240 Seiten, 15 Euro.