Derzeit auf den Bestseller-Listen Foto: Verlage

In Evie Woods’ „Der verschwundene Buchladen“ gelingt die Flucht vor der Gewalt, in Jo Nesbøs „Minnesota“ dagegen nicht, wie Bestseller-Kolumnist Markus Reiter herausgefunden hat.

Als ich Ende vergangenen Jahres mal wieder in meiner osthessischen Heimat war, wollte ich aus alter Verbundenheit eine Besorgung machen, und zwar in jener Buchhandlung, in der ich in jüngeren Jahren viel Taschengeld gelassen habe. Allein: Der Buchladen war weg. Verschwunden. Ersetzt durch ein Café, das sich auf Cupcakes spezialisiert hat.

 

Das war schon das zweite Erlebnis dieser Art. Einige Wochen zuvor hatte ich in Stuttgart den Buchhändler aufsuchen wollen, bei dem ich früher oft, in letzter Zeit seltener eingekauft hatte. Er war schon Jahre zuvor aus einer sehr exponierten Lage im Stadtzentrum in einen Hinterhof im Westen umgezogen. Und jetzt: verschwunden.

Buchläden als verwunschene Orte

Wenn das so weitergeht, wird es Buchhandlungen bald nur noch in Büchern geben, die man sich bei Amazon als E-Books herunterlädt. In diesen Büchern sind Buchläden dann keine betriebswirtschaftlich kalkulierenden Handelsunternehmen, die so profane Dinge wie Miete, Versicherungen und die Gehälter der Mitarbeitenden bezahlen müssen, sondern verwunschene Orte irgendwo am Rande der Welt oder in einem kuscheligen Pariser Arrondissement. Oder sie befinden sich – wie in Evie Woods’ „Der verschwundene Buchladen“ (Spiegel-Bestseller Belletristik Paperback Platz 16, Adrian & Wimmelbuchverlag, 464 Seiten, 15,95 Euro) – in Dublin, und zwar in der Nähe der Ha’penny Bridge.

Wobei: Eigentlich ist er da auch nicht, denn er ist ja verschwunden, „irgendwo zwischen Stadtplan und Magie“, wie das bekanntlich zum Schwärmen neigende ChatGPT den Kern des Romans zusammenfasst. Die Hilfe der KI musste ich in Anspruch nehmen, weil ich mich im letzten Drittel dieses literarischen Irrgartens verlaufen hatte. Da hatte ich schon den Mord an einem gewalttätigen Ehemann, eine Begegnung mit Hemingway und die Jagd nach allerlei literarischen Originalmanuskripten hinter mir. Am Ende war ich ChatGPT dankbar, als die KI mich fragte: „Soll ich dir eine Figurenkarte zu Der verschwundene Buchladen erstellen?“ – Ja bitte, mach das.

Es geht laut KI um Misogynie, Beziehungsgewalt und Neuanfang

Es tauchen darin auf: Opaline, die in den 1920er-Jahren vor einer ungeliebten Ehe zunächst nach Paris und danach nach Dublin flüchtet, um dort ein flirrend irreales Buchantiquariat zu eröffnen; Martha, die in der Gegenwart aus einer nicht minder ungeliebten Beziehung und dem kommt, was man einen bildungsfernen Haushalt nennt, und bei einer seltsamen ehemaligen Schauspielerin als Haushälterin anfängt; der Literaturwissenschaftler Henry, der in Dublin nach einem verschollenen Manuskript der Emily Brontë und nach eben jenem sich versteckenden Buchladen sucht. Diesen Personen ordnet die KI die Themen „Bücher als Reißleine“, Misogynie, Gewalt in der Beziehung, magischer Realismus, Identität und Neuanfang zu.

Ich bin mir sicher: Wenn man sich im biografischen und thematischen Wirrwarr zurechtfindet, ist das für viele Leserinnen ein ganz wunderbares Buch. Es wandle, wie der Verlag im Klappentext dichtet, „an der faszinierenden Grenze zwischen dem Alltäglichen und Übernatürlichen“ und enthülle dabei „die Magie, die sich in unserem gewöhnlichen Leben findet“. Das hätte ChatGPT nicht schöner schreiben können (hat es vielleicht).

Statt Buchläden verschwinden in den Vereinigten Staaten inzwischen Menschen. Sie werden von der Ausländerbehörde ICE auf der Straße oder am Arbeitsplatz geschnappt und dann wer weiß wohin verschickt. Zentrum der gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um diese superverschärfte Migrationspolitik war in den vergangenen Wochen der Bundesstaat Minnesota und dessen Metropole Minneapolis.

Bei Nesbø ist niemand wirklich sympathisch

Glückes Geschick ließ den norwegischen Autor Jo Nesbø seinen neuen Kriminalroman „Minnesota“ (Spiegel-Bestseller Belletristik Hardcover Platz 17, Ullstein, 416 Seiten, 24,99 Euro) um den ziemlich ramponierten Ermittler Bob Oz in Minneapolis ansiedeln. Dieser Oz ist im Grunde nur ein mittelmäßiger Detective, der nach dem Unfalltod seiner dreijährigen Tochter und der Trennung von seiner Frau psychisch nicht mehr auf die Beine kommt.

Darum stürzt er sich, obwohl suspendiert, in die Suche nach einem Mörder, der Waffenhändler und Gang-Bosse auf offener Straße hinrichtet. Als Nächstes könnte der Bürgermeister von Minneapolis dran sein, der sich von der Waffenlobby unterstützen lässt. Die Handlung ist von Nesbø geschickt konstruiert, und wie es sich für einen guten Krimi gehört, sind viele der Personen nicht das, was sie zu sein scheinen. Ganz nebenbei lernt man die Gewalt durchtränkte US-amerikanische Gegenwart kennen.

In Nesbøs Roman ist niemand so wirklich sympathisch, und ausgerechnet die, die am Anfang so wirken, offenbaren später ihre dunklen Seiten. In dieser harten Welt gibt es keinen magischen, verschwundenen Buchladen, in den man flüchten könnte. Für einen verschwundenen Waffenladen wäre man hingegen dankbar.