Beste Freundinnen – in jedem Alter. Foto:  

Manche Freundschaften halten ein ganzes Leben lang – und nichts kann sie erschüttern. Weder Entfernungen noch andere Freundschaften.

Stuttgart - Du liebe Güte, wie sieht die denn aus? Irritierte Abwehrreaktion auf das Erscheinungsbild einer der beiden besten Freundinnen – das war vor mehr als 30 Jahren, die erste Begegnung. Schwarz gefärbte Haare mit leuchtend blauer Strähne, knallroter Lippenstift, ein Mörder-Dekolleté, enge schwarze Hosen, schwarze Lederjacke, schwarze Stilettos. Dunkle Augen, mit Kajal dick schwarz umrandet. Irgendwie gnadenlos. Von Beruf Dekorateurin. Und total cool. So, wie man selbst gern gewesen wäre. ​

Der Gesprächsstoff geht nie aus

Es ist ein eher zufälliges Zusammentreffen bei einem Hobby-Fotoshooting in einem dunklen, feuchten Gewölbekeller. Was man eben mit 20 in den Achtzigern so gemacht hat in seiner Freizeit, als Internet, Facebook, Instagram und Co. noch in weiter Ferne ­waren und das Leben rein analog bewältigt werden musste. Im Laufe der Fotosession erstes vorsichtiges Beschnuppern. Gar nicht so blöd, was sie von sich gibt. Ein Alphatierchen – und keinen Zweifel daran lassend. Die Fotos werden super, der Nachmittag ist toll. Witzige Leute kennengelernt. Viel gelacht und rumgealbert, vor der Kamera alle möglichen Posen ausprobiert.

Nach dieser Premiere gibt es immer wieder Treffen. Erst in längeren Abständen, dann häufiger, eine Zeit lang sogar fast ­täglich. Gegenseitige Besuche zu Hause. Stundenlange Telefonate. Der Gesprächsstoff geht nie aus. Themen: Klamotten, ­Partys, Jungs, manchmal auch der Job. In welche Disco man am Wochenende gehen soll und wer mitkommen darf. Worüber Frau so redet mit 20 in den Achtzigern. Geplänkel. Als sie mal bei der Lokalzeitung hereinschneit, fragt der damalige Chef, Herr P., hinterher mit leuchtenden Augen: „Wann kommt ‚die Schwarze‘ wieder vorbei?“

Irgendwann geht es ans Eingemachte. Nun wird Tacheles geredet. Dass der So­undso gar nicht geht, findet sie, ein Loser sei er. Und er sehe schrecklich aus. Benehmen könne er sich auch nicht. Er habe kein Rückgrat und keinen Humor. Sie lässt kein gutes Haar am neuen Freund. Ein Gefühl von ­Niedergeschlagenheit breitet sich aus.

Die zweite beste Freundin

Und weil sie gerade schon mal dabei ist, folgt gleich ein Rundumschlag: Das Leben funktioniert überhaupt ganz anders, doziert sie, dieses ewige Anpassen an die Eltern, den Chef, die Kollegen sei feige. Derweil wird es immer später, sehr spät sogar, die Flasche Rotwein und die Schachtel Zigaretten sind längst leer, wie das eben manchmal so war mit 20 in den Achtzigern. Am Ende des Abends ist man mindestens einen Kopf ­kleiner. Aber gleichzeitig auch um einige ­Er­kenntnisse reicher. Sieht vieles mit anderen, mit ihren Augen. Sie ist wirklich gnadenlos. Ein Spiegel, ein Korrektiv. Das Jüngste ­Gericht. Und das ist gut so.

Ungefähr ein Jahr später stößt die zweite beste Freundin dazu. Sie und „die Schwarze“ kennen sich schon länger. Sie ist der ­analytische Typ, arbeitet in der IT-Branche, messerscharfer Verstand, lebenslustig und trinkfest, gibt gerne die First Lady. Auch sie ist extrovertiert, investiert irre viel Geld (das sie selbst verdient) in Luxusartikel. Hat einen Schuhtick. Sie ist unbeirrbar, mit einer unglaublichen Selbstdisziplin. Arbeitet hart. Ist aber immer in Feierlaune. „Ich arbeite nicht für Geld, sondern für ein ­schönes Leben“ ist ihr Credo.

Das Dreiergespann gibt es bis heute

Drei Freundinnen, drei total unterschiedliche Menschen. Neben den beiden kommt man sich manchmal vor wie ein scheues, graues Mäuschen – selbst eher schüchtern damals, literatur- und kulturinteressiert. „Spießig“ – sagt „die Schwarze“. Drei Freundinnen mit total unterschiedlichen Lebensentwürfen. Und mit teilweise total unterschiedlichen Ansichten. Lustigerweise sind alle drei derselbe Jahrgang, 1963, Babyboomer. Kann das gutgehen? Um es vorwegzunehmen: Es geht gut, seit mehr als 30 ­Jahren. Das Dreiergespann gibt es bis heute.

Warum das so ist? Weil diese Frauenfreundschaft über vielem anderen stand und steht. Weder Flirts, Lebensabschnitts- oder Ehepartner, weder die eigenen Kinder noch der jeweils eigene, separate Freundes- und Bekanntenkreis hatten oder haben je den Hauch einer Chance, entscheidenden Einfluss zu nehmen auf diese Konstellation, die sich im Laufe der Jahre wie von selbst immer mehr verfestigt hat. Sie funktioniert deshalb so gut, weil in diesem inneren Zirkel folgende Dinge eine wichtige Rolle spielen: Zuneigung, Respekt, Toleranz, Zuverlässigkeit, ein ausgewogenes Verhältnis von Nähe und Distanz, Offenheit, gegenseitige Unterstützung. Die Tatsache, dass jede die beiden anderen bis aufs Blut verteidigen würde, egal, was sie ausgefressen hätten. Loyalität nennt man das.

Freundschaft kennt keine Entfernungen

Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass jede von den jeweils beiden anderen nahezu alles weiß. Da hat sich in den mehr als 30 Jahren so einiges angesammelt: Liebeskummer, Ehekräche (nebst Versöhnungen und/oder Trennungen), neue Partner, Schwangerschaft und Kinderkriegen, Krankheiten und Verletzungen, Jobwechsel, Ortswechsel, Figur- und Frisurprobleme, Erziehungs-, Finanz- und Weltanschauungsfragen, die politische Haltung, der Wandel der Gesellschaft, das Älterwerden. Wie sagt „die Schwarze“ manchmal provozierend? „Der Lack ist ab.“ Das kratzt aber alle drei kein bisschen.

Es gibt immer noch Zusammentreffen, bei denen es hoch hergeht. Und es gibt nach wie vor Kurzurlaube zu dritt oder die gemeinsam gefeierten runden Geburtstage – zuletzt der Fünfzigste. „Dresscode Black“ hieß das Motto der Party, die Gäste mussten im schwarzen Outfit erscheinen. Wie mit 20 in den Achtzigern. Ein herrliches Fest.

Dass „die Schwarze“ schon seit mehr als zehn Jahren in der Nordheide bei Hamburg wohnt und die analytisch veranlagte Freundin vor dieser Zeit ungefähr zehn Jahre ihren Lebensmittelpunkt in Berlin hatte – geschenkt! Freundschaft kennt keine Entfernungen. Alles eine Frage der Organisation.

Trennendes? Klar, gibt es auch

Natürlich gab und gibt es auch Trennendes. Etwa wenn eine Freundin temporär aus dem Triumvirat ausscheidet und eine Zeit lang ihr eigenes Süppchen kocht, ohne Einblicke zu geben. Dann ist eben mal ein paar Wochen Funkstille. Oder wenn eine Dinge tut oder Entscheidungen trifft, die die anderen beiden nicht gutheißen können. Bequem sind die Grundsatzdiskussionen darüber nie. Aber um Small Talk zu machen, braucht man keine Freunde.

Diese lange Freundschaft fühlt sich an wie ein gleichmäßiger warmer Strom im Leben, eine Konstante, die bleibt und trägt, auch wenn alles um einen herum zusammenbricht. Unlängst sagte einer der Gäste im „Nachtcafé“, als es in der TV-Talkrunde um Beziehungen ging: „Dauer ist durch nichts zu ersetzen.“ Das trifft zu.

Denn wie lange würde es brauchen, einem bisher fremden Menschen noch mal ganz von vorne zu erzählen, was man in der Vergangenheit alles erlebt hat? Lichtjahre! Wie lange würde es dauern, jemanden wenigstens annähernd kennenzulernen – mit all seinen Eigen- und Verrücktheiten, Marotten, Vorlieben, Stärken und Schwächen? Eben.

Deshalb: Ewige Treue. Wie schon mit 20 in den Achtzigern.

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