Produktionsstart des neuen EQS in der Factory 56 in Sindelfingen: Produktionsvorstand Jörg Burzer, Werkleiter Michael Bauer, Forschungsvorstand Markus Schäfer und Betriebsratsvorsitzender Ergun Lümali (von links) erwarten eine hohe Nachfrage für den neuen Luxusstromer. Foto: /Mercedes-Benz

Gute Nachrichten aus dem Mercedes-Werk: Schon die klassische S-Klasse lastet die Factory 56 derzeit voll aus, sodass eine Nachtschicht hinzukommt. Nun soll auch noch das neue Luxus-Elektrofahrzeug die Beschäftigung sichern.

Sindelfingen - Dieselskandal- und Absatzkrise, Umbrüche in der Mobilität, die Millionen verschlingen und obendrein noch eine Pandemie: Es ist noch nicht lange her, da bangten viele, dass auch der Daimler in Sindelfingen schwer gebeutelt werden würde. Zumindest wurde ein blaues Auge befürchtet. Kurzarbeit gab es ja tatsächlich. Doch die jüngsten Nachrichten aus dem Werk, größter Produktionsstandort im weltweiten Verbund, sind außerordentlich positive. Der neue Elektro-Luxusliner EQS habe eine hohe Nachfrage generiert, sagte am Dienstag Jörg Burzer, Produktionsvorstand der Mercedes-Benz AG. Seit Mittwoch ist „Job No. 1“ der Mercedes-Submarke vom Band gerollt, sodass die Serienproduktion des Status-Stromers sukzessive hochgefahren werden kann.

 

50 000 Bestellungen für die klassische S-Klasse

Kaum dass man in Sindelfingen mit der Factory 56 die modernste Automobil-Fabrikationshalle in Betrieb genommen hatte, kam im September 2020 auch von dort die neue S-Klasse auf den Markt. Und: schlug ein. Das ist so geblieben. Die gegenwärtigen Bestellungen für den teuren Verbrenner und die Hybrid-Variante taxiert Jörg Burzer auf 50 000 Stück. Das lastet die Halle 56 bestens aus. „Wir fahren unter Volllast“, freute sich in einem Zoom-Round-table auch Betriebsrats-Vorsitzender Ergun Lümali. 50 000 Fahrzeuge - das ist keine ganze Jahresproduktion, lässt sich Jörg Burzer nicht in die Karten schauen: „Aber Sie haben recht, es ist auch nicht viel darunter.“

Gute Zahlen also für jenes teure Flaggschiff im Mercedes-Portfolio. Hinzukommt, dass es das nun auch in seiner Elektro-Variante gibt. Es ist erst wenige Wochen her, dass die Weltpremiere des EQS durch die Medien gegangen ist. Und nimmt man die Reaktionen als Gradmesser, dürfte dem teuersten Stromer ein guter Stern beschieden sein. Youtuber und Autotester überschlagen sich mitunter schier gar über die Features, mit denen die Sindelfinger den nobelsten ihrer E-Pkw ausgestattet haben - von der mutmaßlich 770 Kilometer weiten Reichweite bis hin zum Hyper-Screen, der einmal quer über die Fahrzeuginnenseite reicht. Die Videos haben rasch mal 500 000 Zugriffe, eines sogar 2,5 Millionen. Neugier in der Welt der Autofans ist also allemal garantiert. Kaufimpulse bei der Kundschaft auch.

Die E-Klasse-Montage ruht wegen Halbleiter-Mangel

Und so bietet Daimler Sindelfingen derzeit ein bizarres Kontrastprogramm. Während die Montage der E-Klasse in Halle 36 mangels Halbleitern augenblicklich stockt und das Werk für die Beschäftigten dort Kurzarbeit angemeldet hat, läuft die Produktion in Halle 56 auf Hochtouren. Die 1500 Beschäftigten in der Früh- und der Spätschicht haben alle Hände voll zu tun. Weil nun noch der EQS hinzukommt, steht man in Sindelfingen unmittelbar vor der Einführung einer dritten, also Nachtschicht. Spätestens mit der Verkaufsfreigabe für den EQS am 15. Juni will man soweit sein, sie umzusetzen. Wie hoch qualifiziert und flexibel „die Mannschaft“ in Sindelfingen das alles selbst in schwierigen Pandemiezeiten schultere, sei bewundernswert, anerkennt nicht nur Jörg Burzer. Das lobt auch und vor allem Arbeitnehmer-Vertreter Ergun Lümali.

Lümali rechnet mit 800 bis 900 zusätzlich Beschäftigten in der riesigen neuen „digitalen“ Fabrikhalle. Wie genau sie sich zusammensetzen, ist derzeit wohl noch Sache von Absprachen und Verhandlungen. Dafür kommen Freiwillige aus der ruhenden E-Klasse-Montage in Frage, die die Halle wechseln; aber auch Personal, das ansonsten in der Antriebe-Strang-Produktion in Untertürkheim schafft. Auch von Zeitarbeitskräften in der Arbeitnehmerüberlassung ist die Rede. Ergun Lümali meldet denn auch schon mal vielsagend lächelnd an, „dass diesbezüglich unsere Forderung nach Festeinstellung auftauchen wird“.

Lümali sagt auch ausdrücklich, dass man sich wegen der Chip-Abhängigkeit aus Asien unbedingt Gedanken machen müsse über Fertigungsmöglichkeiten in Deutschland beziehungsweise Europa. Oder, wie bei den Batterien zuletzt, über neue Kapazitäten im eigenen Hause. Die S-Klasse- und EQS-Produktion darf wegen Bauteilemangels möglichst nie zum Erliegen kommen. Die Fahrzeuge gelten nicht nur als Spitze in der Qualität. Mit ihnen ist auch richtig Geld verdient. Weder die S-Klasse noch der EQS werden irgendwo anders im weltweiten Produktionsnetz montiert. Sie sind die letzten, die aus Sindelfingen stammen - vom ersten Federstrich bis zum Finish und Export in alle Welt.

Der neue Luxusstromer soll gut fürs Marken-Image sein

Die wichtigsten Absatzmärkte für den EQS dürften identisch sein mit denen der Verbrenner-/Hybrid-Variante. Da führt China, eindeutig. Danach kommen die USA beziehungsweise Deutschland/Europa, Korea, Japan und so weiter. Wie hoch der Anteil der Luxuslimousine mit den Akkus im Unterboden sein wird, vermag Produktionschef Jörg Burzer nicht vorauszusagen. Durchaus möglich, dass der eine oder andere statt des konventionellen Motors lieber auf den Batteriebetrieb setzt, was sich dann absatztechnisch gegeneinander aufheben respektive bei den Produktionszahlen die Waage halten würde. Aber natürlich rechnet man im Werk Sindelfingen damit, dass der EQS ein zusätzliches Plus bringt und wegen seiner Features das Image der Marke dort hebt, wo man den Daimler bisher nicht gesehen hat - etwa im Lager der Tesla-Fans. Auch ein Einstiegsmodell wie der jüngst vorgestellte EQA dürfte dadurch im Absatz beflügelt werden.

Noch geheim: Wie viel Daimler für den EQS aufruft

Preise für seinen Nobel-Stromer nennt Daimler noch nicht. Im Netz kursieren Zahlen um die 120 000, 130 000 Euro. Das wären dann noch mal 25 000, 35 000 Euro mehr als der Einstieg in die konventionelle S-Klasse Aber wie hat doch ein vom EQS total angefixter Auto-Youtuber gesagt? „Das ist ein Fahrzeug für die Oberklasse, ganz klar. Aber auch die muss man ja in die Elektroklasse rüberziehen.“