Die Urnenwand auf dem Echterdinger Friedhof Foto: Christoph Kutzer

Pflegeleichte und kostengünstige Gräber werden immer beliebter. Ist das nur eine Modeerscheinung?

Filder - Wer an einen Friedhof denkt, hat meist Grabsteine vor Augen, eingefasste Gevierte mit individueller Bepflanzung oder Kränze auf frischer Erde – vielleicht noch eine kleine Urnenwand, ein sogenanntes Kolumbarium. Dieses Bild könnte sich in den kommenden Jahren verändern. Der Grund: Immer mehr Menschen lassen sich nach dem Tode einäschern.

Bei den Angehörigen steigt die Nachfrage nach pflegefreien Bestattungsformen. „Von 342 Bestattungen im Jahr 2018 waren 66 Prozent Urnenbestattungen“, erklärt Gerd Maier, der Leiter des Ordnungsamts Leinfelden-Echterdingen, das für die Friedhöfe zuständig ist. „Wenn wir davon ausgehen, dass die Zahlen auf diesem Niveau bleiben, verringert sich natürlich der Platzbedarf.“ Andernorts sieht der Urnen-Prozentsatz ähnlich aus. Katholische Hochburgen ausgenommen.

Teilanonyme Grabstätten und Kolumbarien

Ein dauerhafter Rückgang an Erdgräbern würde das Gesicht der Friedhofsanlagen massiv beeinflussen. Größere Grünflächen mit teilanonymen Grabstätten und Kolumbarien könnten tonangebend werden. Auch Bestattungen außerhalb des Friedhofs würden aktuell beliebter, weiß Maier. Neue Alternativen erweiterten die Auswahl an Bestattungsformen. „Auf dem Waldfriedhof Stetten haben wir nun etwa einen Baumhain“, sagt er. Auf einem Rasen sind Bäume gepflanzt, um die ringförmig Urnenbeisetzungen möglich sind.

Der Amtsleiter vermutet gesellschaftliche Gründe hinter der Abkehr vom Erdgrab. Ein verbreitetes Motiv ist die Kostenersparnis durch die Urne – sowohl bei der Beisetzung, als auch im Hinblick auf die Grabpflege. Auch die Vereinfachung der Pflegebedingungen für das Grab dürfte eine Rolle spielen. Die mobile Gesellschaft verändert Familienstrukturen. Die Hinterbliebenen leben oft weit vom Friedhof des Verstorbenen entfernt. Das macht Angebote wie die Versorgung von Urnengemeinschaftsfeldern durch Arbeitsgemeinschaften verschiedener Friedhofsgärtner attraktiv.

Lockerung der Friedhofspflicht

Eine Vereinfachung des Totengedenkens würde auch die Lockerung der Friedhofspflicht mit sich bringen. In einer durch die Verbraucherinitiative Bestattungskultur Aeternitas beauftragten Forsa-Erhebung zeigten sich 71 Prozent der Befragten der Idee gegenüber aufgeschlossen, Urnenasche entnehmen und privat verwahren zu dürfen. Auch befürwortet eine große Mehrheit Erleichterungen bei der Umbettung von Urnen. Warum sollte man stundenlang zur Grabstätte fahren, wenn sich die Toten in den nahen Friedhof überführen ließen? Offenbar findet sich unsere gesamte Sepulkralkultur im Wandel.

Für die Planung von Kirchhöfen hat die Zunahme an Urnenbestattungen durchaus Vorteile, wie Gerd Maier feststellt: „Die Friedhofsverwaltung wird durch die aktuellen Entwicklungen einfacher. Der Druck durch Platzmangel ist praktisch nicht mehr vorhanden.“

Abgelaufene Gräber werden nach Möglichkeit planerisch zusammengeführt. Eine Beplanung durch das Grünflächenamt kann im Anschluss ebenso erfolgen wie die Schaffung neuer Erdgräber. Wer weiß: Vielleicht harren sie ihrer Wiederentdeckung? Der Amtsleiter hält das nicht für ausgeschlossen: „Niemand weiß, wie lange der derzeitige Trend anhält“, gibt Gerd Maier zu bedenken. „Vielleicht handelt es sich ja doch nur um eine Modeerscheinung.“

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