Japanisches Glückssymbol: Winkekatze Foto: /

Neue Schuhe, Schokolade, mehr Sex – jedem hilft was anderes, um glücklich zu sein. Aber wenn es so einfach wäre, warum gibt es dann so viele Unglückliche?

Das Streben nach Glück ist eine Angelegenheit, die Menschen weltweit vereint. Keiner würde wohl sagen: Unglücklichsein ist mega! Aber das Glücksempfinden ist individuell. Den einen macht die Liebe glückselig, den anderen ein Festmahl mit guten Freunden. Mancher ist glücklich, wenn er einfach gesund ist, jemand anderes braucht dafür erst neue Schuhe, guten Sex oder den Geruch von frisch gemähtem Gras.

 

Zumindest glauben viele zu wissen, genau dies oder das zum Glück zu brauchen. Dennoch gelingt es mitnichten jedem, sein Glück zu finden. Da stellt sich die Frage: Braucht es eine Begabung zum Glück?

Genetische Faktoren spielen eine Rolle

„Talent per se benötigt man wohl nicht“, sagt Professor Timo Lorenz, Organisationspsychologe an der Medical School in Berlin. „Aber es gibt Hinweise auf eine Veranlagung; darauf, dass genetische Faktoren Einfluss haben auf unser Glücklichsein. Es gibt Leute, die von Grund auf positiver sind und resilienter gegenüber negativen Einflüssen.“

Diese Menschen haben also vermutlich von Natur aus mehr Sonne im Herzen – genauer gesagt: mehr glücklich machende Botenstoffe wie Dopamin und Serotonin im Gehirn. Sie laufen heiter gestimmt durchs Leben, während andere Trübsal blasen oder gar todunglücklich sind. Einem Menschen mit Depressionen zu sagen: „Nun lächle doch mal, denk doch mal an was Schönes“, ist in etwa so, wie jemanden mit Beinbruch zu bitten: „Jetzt humple doch mal nicht!“

„Alles, was wir erleben, passiert in unserem Gehirn“, erklärt Lorenz. „Wie wir wahrnehmen, was wir denken, was wir fühlen. So auch das Glücksempfinden. Würde jemand unser Gehirn entfernen, bliebe nicht viel von uns übrig.“

Wo keine Botenstoffe sind, kann kein Glücksgefühl entstehen, doch längst sind nicht alle gesunden Personen automatisch glücklich. Das könnte daran liegen, dass die Ansprüche vieler Menschen sehr hoch sind: „Wir haben eine Vorstellung von Glück als Euphorie und Ekstase“, meint Gabriele Liesenfeld, Autorin des Buches „Pia und das Glück“ und Glückstrainerin. „Aber Glück bedeutet eben auch einfach eine innere Gelassenheit, ein Gesamtzustand von Zuversicht, Kindlichkeit, Hoffnung und Selbstwirksamkeit.“

Ungünstigerweise wird in der heutigen Gesellschaft Glück oft mit Beliebtsein, mit der Eins in Mathe, der Beförderung im Job oder zig Klicks und Likes in den sozialen Medien in Verbindung gebracht. Bleiben solche Erfolge aus, deprimiert das viele.

„Ich muss schon selbst dafür sorgen, dass es mir gut geht und dass ich mich wohlfühle“, sagt Liesenfeld. „Die äußeren Umstände sind nicht verantwortlich für mein Glück oder Unglück. Der innere Zustand hingegen ist verantwortlich für deine äußeren Umstände. Es ist doch natürlich, dass jeder für sich selbst sorgen muss, damit es ihm gut geht.“

Ein solches Verhalten kann einem allerdings schnell als Egoismus ausgelegt werden. Denn: Wenn ich will, dass es mir gut geht und ich glücklich bin, dann kann das durchaus bedeuten, dass ein anderer dadurch unglücklich ist.

Und so ist Timo Lorenz auch kein Befürworter der These, nach der jeder seines Glückes Schmied sei. „Keiner von uns ist allein für sein Glück verantwortlich, denn wir leben ja nicht in einer Blase, sondern Glücklichsein ist eine systemische Sache.“

Man muss gesehen und geschätzt werden von Eltern, Partnern, Arbeitgebern oder Lehrern; Stärken und Schwächen müssen anerkannt und man darf weder über- noch unterfordert werden, denn all das ist mitverantwortlich für unser Befinden.

Somit wäre Glück ein gesamtgesellschaftliches Thema: „Wollen wir eine psychisch gesunde Gesellschaft sein, dann muss diese Gesellschaft Themen wie Armut thematisieren“, rät Lorenz. „Denn wer sich Sorgen machen muss, ob er die Miete bezahlen kann, dessen Denken ist sehr eingeschränkt.“

Wer sich vornimmt, achtsamer und somit glücklicher zu leben, ist chancenlos, wenn der Chef ihm immer mehr Arbeit reindrückt. Wer stets gemessen wird an seinem Output, der ist ständig unter Stress. Dieser macht nicht nur nicht glücklich, sondern auch krank. Lorenz: „Wir müssen uns also selbst fragen: Kümmern wir uns um Menschen in Not, um ein gutes Miteinander? Kreieren wir selbst eine Gesellschaft, in der wir gern leben würden?“

Nur seines eigenen Glückes Schmied?

Der Mensch ist demnach auch für das Glück der anderen verantwortlich – und er ist gut beraten, anderen Gutes zu tun. Das beginnt mit gegenseitigem Respekt. Wären alle glücklich und würden sich alle respektiert fühlen, gäbe es wohl kaum Konkurrenz und Kriege. Und so nutzen Populisten und Terroristen das Unglück für sich: „Wenn ich Menschen gegen etwas aufwiegeln möchte, dann gehe ich nicht hin und mache sie zufrieden“, gibt Lorenz zu bedenken.

Gerade deshalb sei es wichtig für jeden, seinen Platz in der Gesellschaft zu finden, fügt Gina Schöler von der Initiative „Ministerium für Glück und Wohlbefinden“ und Autorin des Buches „Glück doch mal!“ hinzu. Glück sei leider stark unterbewertet. „Vor allem im Bildungs- und Unternehmenskontext. Neben Wertschätzung fehlen oft Vertrauen und ein offener Umgang mit psychischer Gesundheit.“

Wenn sich aber – wie es scheint – viel zu wenige um das Glück der anderen kümmern, muss man es wohl doch selbst in die Hand nehmen. Glückstrainerin Schöler rät dazu, ins Tun zu kommen und die Komfortzone zu verlassen; Psychologe Lorenz empfiehlt neben Dankbarkeit die Selbstreflexion: Was kann ich? Was will ich? Worin finde ich Sinn? Wer tut mir gut und wer nicht? Welche Ressourcen und welche Alternativen habe ich? „Der Weg zum Glück ist jedoch schon bei zwei Personen ganz unterschiedlich. Und nun multiplizieren Sie das mal mit 80 Millionen oder sogar sieben Milliarden.“