Nebenarm des Rheins? Amazonas-Dschungel? Nein, Butzengraben in Böblingen. Michael Peters steuert seinen Amphibien-Bagger über den See und holt Schlamm von dessen Boden. Foto:  

Mehr als 3600 Kubikmeter Schlamm müssen aus dem Butzengraben in Böblingen geholt werden. Das wird mittels Amphibienbagger und einer Spezialfirma bewerkstelligt.

Für gewöhnlich sind es vor allem Karpfen, die im Butzengraben tief gründeln auf Nahrungssuche. Kein Wunder, wenn ihr Fleisch etwas muffig schmecken würde. Doch seit ein paar Wochen gründelt einer mit, dessen Tun (nicht nur) den Karpfen gefallen dürfte. Der heißt Michael Peters und ist Seen-Bewohner, bis das Gewässer spätestens zu Pfingsten vom Schlamm befreit ist, der es seit vielen Jahren plagt.

 

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Der Baggerführer hat viele Zuschauer am See

Peters, Vorarbeiter in Diensten des Unternehmens Vebiro aus Sachsen-Anhalt, steuert einen Schwimmbagger. „Truxor 5“ heißt das Amphibiengerät, das ausschließlich in Schweden gebaut wird und ähnlich charaktervoll wie sein Kapitän ist. Vorne hat die qua Lufttanks schwimmfähige Maschine eine Schnecke, die Material vom Boden löst. Per Hydraulikpumpe wird dieser Schlamassel abgesaugt. Immer unter der kundigen Hand von Michael Peters, der damit über das gestaute Gewässer tuckert. „Jetzt fahr’n wir über’n See, jetzt. . .“ – ungefähr so wie in dem alten Kinderlied.

Vielen Spaziergängern und noch mehr Radlern und Radpendlern bleibt das Tun von Michael Peters nicht verborgen, obwohl viel Geäst den Blick ein wenig versperrt.

Peters, 52, ist mindestens so spannend wie der Bagger unter seinem Führersitz. Das liegt schon allein an seiner Erscheinung. Wegen seiner Vollglatze erinnert der Mann aus Könnern in Sachsen-Anhalt an Telly Savalas, der in den legendären „Kojak“-US-Krimi-Episoden einst Gangster hinter Gitter gebracht hat. Wahlweise habe er in seiner Firma aber auch den Spitznamen „Meister Proper“, grinst der kernige Kerl mit einer Portion Selbsthumor, die man im Leben mitunter ganz gut brauchen kann. Was bei Peters „janz jut“ heißen würde, denn für Schwaben berlinert der Mann, weil er ja nur anderthalb Stunden von der Bundeshauptstadt entfernt wohnt. Und unsereins kleine phonetische Unterschiede eh nicht heraushören würde.

Aufträge von der Nordsee bis zum Bodensee

Untersuchungen sagen, wie tief Michael Peters buddeln muss, um Schlamm anzusaugen. Der Rest seien Erfahrungswerte, erzählt er. Das berühmte „Popo-Meter“. Stoße er auf die See-Sohle, merke er das an Reaktion, Geräusch, Vibration, „wie jesacht“.

Michael Peters ist gelernter Metallbauer mit Maschinenerfahrung. Sein auf Gewässersanierungen spezialisierter Arbeitgeber Vebiro wollte ihn ursprünglich deshalb in der Werkstatt einsetzen für Reparaturen. Weil Peters aber gerne draußen ist und ein naturverbundener Mensch, kommt er jetzt in ganz Deutschland herum als Baggerführer. Ruhrpott, Küste(n), Bodenseeraum . Geht was kaputt, weiß sich so einer zu helfen. Ist’s was Elektrisches, weiß er, wo es Hilfe gibt. Dagersheims Elektriker Eckhard Spengler war schon vor Ort an der Baustelle an der Schwippe: „An Starkstrom wag ich mich nicht.“ Auf seinen „Truxor“ schon. Dessen Sitz hat ein Verdeck als Sonnen- wie Regenschutz. Und Peters, praktisch ganzjährig draußen, stets die richtige Kleidung an – Schwimmweste inklusive. „Meine Firma stellt alles – auch die Sonnencreme“, sagt Peters trocken und fährt sich übers Haupt, das glänzt und glatt ist wie ein Baby-Popo.

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3600 Kubikmeter fäulnisbehafteter Schlamm sollen bis Ende Mai/Anfang Juni ausgeschlurft und über lange Rohrleitungen in die „Trocknungsanstalt“ unterhalb der Gottlieb-Daimler-Straßenbrücke gepumpt sein. Dort wird diesem Gemisch so weitgehend das Wasser entzogen, dass 2200 Tonnen Trockengut entstehen. Rechgut und getrockneter Schlamm holt ein Laster in Containern ab. Das Wasser geht zurück in den See.

100 Mal macht sich ein Lkw-Fahrer dann auf den Weg zu verschiedenen Deponien, wo das Material eingebaut wird. „Keine Sorge, hier passiert alles gemäß den gesetzlichen Vorschriften“, erklärte jetzt bei einer Führung Martin Güthle. Der Umweltschützer im Böblinger Rathaus überwacht das Ökoprojekt, das rund 1,3 Millionen Euro kosten wird. Dass zu der Begehung 20 Leute erschienen, hat nicht nur Güthle überrascht. Auch Mister Proper Michael Peters. Die Schwaben seien „echt neugierig“, strahlte der 52-Jährige übers Kehrwochen-Stammland. Auch in ihrer Böblinger Pension fühlen sich die vier Vebiro-Köpfe unter der Woche pudelwohl, bevor’s wochenends in die 530 Kilometer entfernte Heimat geht.

Ökologische Aufwertung für den Butzengraben

Schöner Schlamassel
 In etwa zwei Meter Tiefe des Butzengraben-Sees hat sich über viele Jahre eine mehr als einen Meter starke Sedimentschicht abgesetzt. Dieser Schlamm muss raus, damit das Gewässer wieder sauber ist. Das ist umso wichtiger, weil die Klimaverschiebung heißere Sommer erwarten lässt. Nicht, dass der „Stau“-See umkippt.

Zweiter Schritt
 Die Sanierung des Weihers ist nur der erste Schritt, dem ein zweiter folgen soll – wann auch immer. Das Fachbüro Häberle in Rottenburg erstellt eine Machbarkeitsstudie, die klären soll, wie der Überlauf des benachbarten Regenrückhaltebeckens künftig in den Butzengraben gelangt. Ein belebter Bodenfilter ähnlich einem Schilfgebiet ist angedacht. Dafür müsste der See nach seiner Sanierung erst trockengelegt werden.

Neue Gesetze
 Nach der jetzt gültigen Wasserrahmenrichtlinie wäre ein aufgestautes Gewässer wie der Butzengraben nicht mehr erlaubt, weil es ein Wanderungshindernis für Wasserorganismen ist.