Echtes Fühlen: die Künstlerin Marina Abramovic Foto: Wonge Bergmann

Marina Abramovic ist so berühmt wie ein Pop-Star. Jetzt macht die Performance-Künstlerin ein Musik-Experiment an der Alten Oper in Frankfurt. Bevor die Besucher ins Konzert dürfen, müssen sie mehrere Stunden Konzentrationsübungen absolvieren.

Frankfurt - Zimperlich war Marina Abramovic noch nie. Jahrzehntelang hat sie immer neue Torturen erdacht, um sich in ihren Performances selbst Schmerz zuzufügen. Sie hat sich vor Publikum den Bauch aufgeritzt. Sie zerkratzte sich mit einer Metallbürste Haare und Gesicht oder forderte die Museumsbesucher auf, mit ihr zu tun, was sie wollen – was einige willig taten, sie quälten und verletzten. Dann wieder tauschte Marina Abramovic mit einer Prostituierten die Existenz oder ließ eine Schlange über ihren Körper kriechen. Auch die nächste Aktion hat sie bereits ersonnen: Bei einer Ausstellung 2020 in London will sich sie sich mit einer Million Volt unter Spannung setzen lassen, um dann mit ihren Fingerspitzen eine Kerze zu löschen. Mit den erlittenen Torturen will die Performancekünstlerin dem Publikum beweisen: Man kann Schmerzen standhalten. Für sie selbst war es aber immer auch der Versuch, ihre leidvolle Kindheit zu überwinden.

Inzwischen ist Marina Abramovic ein Weltstar, eine Marke. Das Magazin „Time“ kürte sie 2014 zu einem der hundert wichtigsten Menschen des Jahres. Deshalb waren die Karten für „Anders hören“ auch sofort ausverkauft. Von diesem Mittwoch bis Sonntag macht sie in Frankfurt ein Experiment, das „völlig verrückt“ ist, wie sie selbst sagt. Sie will das Konzertpublikum in der Alten Oper dazu bringen, sich auf ganz neue und intensive Weise auf die Musik einzulassen. Wer eines der Konzerte mit dem türkischen Pianisten Fazil Say, der Violinistin Carolin Widmann und dem ­Cellisten Nicolas Alt­staedt besuchen will, musste sich verpflichten, vorab auch an einem Workshop mit Abramovic und ihrem Team teilzunehmen.

Reiskörner zählen oder Staub fegen

Die Regeln bei der Vorbereitung sind streng: Smartphones, Computer, Uhren müssen im Schließfach weggeschlossen werden. Auch auf ein Gläschen Sekt vorab muss man verzichten. Denn Marina Abramovic und ihr Team werden den Besucherinnen und Besuchern Konzentrations- und Achtsamkeitsübungen verordnen. Vielleicht müssen sie mehrere Stunden lang Reiskörner zählen, auf der Stelle Staub fegen oder einfach nur dastehen und über Kopfhörer dem lauschen, was es heute so selten gibt – absoluter Stille.

Dreieinhalb Stunden dauert das ungewöhnliche Training, mit dem Martina Abramovic das Publikum sensibilisieren will, damit es die Musik danach intensiver und bewusster erlebt als je zuvor. „Die Leute gehen in großartige Konzerte und machen dann doch nur Fotos und verschicken Nachrichten“, sagt Abramovic, „aber wenn man ständig aufs Handy schaut und seine Sorgen ins Konzert mitbringt, kann man die Musik nicht wirklich aufnehmen.“ In Frankfurt soll das anders werden. Die Besucherinnen und Besucher sollen die Musik „in absoluter Ruhe und innerer Einkehr aufnehmen“.

Viele, die ihr in die Augen blickten, fingen an zu weinen

72 Jahre alt ist Marina Abramovic inzwischen, eine freundliche, zugewandte Person mit einer enormen Ausstrahlung, die die Menschen unmittelbar in ihren Bann zieht. 750 000 Neugierige kamen 2010 ins New Yorker Museum of Modern Art, um sie bei ihrer Performance „The Artist is present“ zu erleben. Drei Monate lang saß sie täglich sieben Stunden schweigend und bewegungslos im Ausstellungsraum an einem Tisch. Den Besuchern, die sich ihr gegenübersetzten, schaute sie einfach nur in die Augen – ausdauernd und konzentriert. Für die Teilnehmer war es ein ganz besonderer Moment, viele begannen zu weinen , andere lächelten beseelt, weil Marina Abramovic ihnen das gab, was wohl vielen fehlt: volle Aufmerksamkeit, oder, wie die Künstlerin es nennt, „bedingungslose Liebe“.

Bei dieser Performance, zu der die Besucher in Scharen strömten, wurde Abramovic bewusst, dass sie offensichtlich auch Menschen jenseits des klassischen Museumspublikums erreichen und ihnen etwas geben kann, was in unserer Zeit selten geworden ist: Gemeinschaft und direkter Austausch. „Die Menschen sind müde, Dinge einfach nur anzuschauen oder anzuhören, sie wollen lieber Teil von etwas werden“, sagt Abramovic, zu der inzwischen Tausende Fans aller Altersgruppen pilgern. Auf der ganzen Welt ist sie heute mit der „Abramovic-Methode“ unterwegs, die sie in Beijing, Schanghai, London oder New York in Museen oder auch auf Kunstmessen praktiziert.

Die Künstlerin war bei Schamanen in der Lehre

Bei ihren Schmerzenszenarien trainierte Abramovic die radikale Selbstbeherrschung von Körper und Geist, sie war aber auch bei tibetischen Mönchen und bei Schamanen in der Lehre. Die Übungen sind von diesen Erfahrungen inspiriert und sollen für die Kunst sensibilisieren. Deshalb lässt Abramovic ihre Schüler in Zeitlupe gehen, den Raum mit verbundenen Augen wahrnehmen, Farben anschauen oder einem anderen in die Augen blicken. Mit buddhistischer Meditation, wie Mönche sie betreiben, habe die Abramovic-Methode aber nichts zu tun, sagt sie. „Es ist eine künstlerische Methode, um Kunst anders betrachten zu können“, meint die Performerin. „Wenn du als Bäcker ein gutes Brot backst, bist du kein Künstler. Wenn man in der Galerie Brot backt, ist es Kunst.“

Als Marina Abramovic noch Professorin an der Hochschule der Künste in Braunschweig war, fuhr sie regelmäßig mit ihrer Klasse aufs Land. Fünf Tage ohne Essen, Zigaretten, Alkohol, ohne Bücher und Kontakt zur Außenwelt. „Cleaning the house“ nannte Abramovic das, eine „harte körperliche Übung, die an die Grenzen geht“, aber auch „die eigene Kraft“ deutlich mache. In Frankfurt dürfen die Besucher während des Konzerts immerhin essen, trinken und frei herumlaufen, eine Erfahrung besonderer Art wird es aber auf jeden Fall sein. Auf dem Programm stehen Werke verschiedenster Epochen, Genres, musikalischer Regionen – wobei Marina Abramovic überzeugt ist, dass allzu viel Wissen über Komponisten, Stile und Epochen beim Hören eher stört. „Intellektuelles Rezipieren ist kein ganzheitliches Erfahren“, sagt sie, „bei uns geht es um echte Gefühle, um ein direktes, unverblümtes, offenes Fühlen.“

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