Beim Leben inklusiv-Cup kochen die Emotionen hoch, doch hinterher sind alle glücklich. Foto: Kerstin Dannath Foto:  

Die Blutgrätsche hat hier nichts zu suchen – Rücksichtnahme ist beim integrativen Fußballturnier eines Oberboihinger Vereins angesagt. Die Veranstalter sind überzeugt: Sport ist der gesellschaftliche Motor für Inklusion.

Seit Tagen schon war René Liebler hibbelig: „Ich habe mich total auf das Turnier gefreut“, erklärt der 21-Jährige. Liebler ist Klient bei der sozialen Einrichtung Leben inklusiv, die bis vor einigen Jahren als Behindertenförderung Linsenhofen firmierte. Der Grund der Aufregung: Bereits zum neunten Mal hatte Leben inklusiv kürzlich zum integrativen Fußballturnier in die örtliche Ballsporthalle geladen. Und zum zweiten Mal ist Torwart Liebler mit dabei.

 

Insgesamt traten acht Teams beim Leben-inklusiv-Cup gegeneinander an. Das Besondere: Die Mannschaften bestanden aus Menschen mit und ohne Behinderung. Rekrutiert wurden die Spielerinnen und Spieler aus umliegenden Schulen, Ausbildungsbetrieben und Einrichtungen für Menschen mit Beeinträchtigung.

Sport verbindet – auch beim Leben-inklusiv-Cup. Foto: Kerstin Dannath

Kaum ein Lebensbereich eignet sich so gut als gesellschaftlicher Motor für Inklusion wie der Sport, meint Severine Hausmann vom Vorstand von Leben inklusiv: „Beim Sport kann man sich ohne Vorurteile begegnen. Keiner weiß im Vorfeld, wer welches Handicap hat. Im Laufe des Turniers wächst trotzdem eine Mannschaft zusammen – das ist gelebte Inklusion“, sagt sie.

Fußballturnier für alle in Oberboihingen

Probleme, das Teilnehmerfeld vollzubekommen, gab es keine: „Wir hatten erneut einen tollen Rücklauf“, freut sich Hausmann. Zwischenzeitlich habe man sogar überlegt, das Turnier zu vergrößern. Das scheiterte allerdings an den räumlichen Voraussetzungen. Viele der teilnehmenden Firmen sind Partner von Leben inklusiv, es gab aber auch neue Gesichter: „Wir nutzen das Turnier natürlich auch, um neue Kontakte zu knüpfen. Je mehr Firmen sensibilisiert werden, desto größer ist die Chance, dass vielleicht mal ein Praktikums- oder gar ein Ausbildungsplatz für einen unserer Klienten rausspringt.“

Metabo engagiert sich für Inklusion

Ein langjähriger Partner der sozialen Einrichtung ist etwa die Firma Metabo aus Frickenhausen, wo es eine feste Außenarbeitsgruppe bestehend aus Klienten von Leben inklusiv sowie einer weiteren Einrichtung von Menschen mit Beeinträchtigung gibt. „Es ist wichtig für uns, beim Leben-inklusiv-Cup Flagge zu zeigen“, sagt Ausbildungsleiter Jürgen Herrmann. Berührungsängste gibt es keine – auch nicht bei der Arbeit. „Wir machen im Betrieb keine Unterschiede bei unseren Mitarbeitern“, bekräftigt Herrmann. Das Konzept funktioniert – so war es etwa für Metabo-Azubi Denny Russo keine Frage, die Kickstiefel zu schnüren: „Ich spiele einfach gerne Fußball und finde es schön, das hier zusammen mit meinen Kollegen tun zu können.“ Dass dabei der Spaß nicht zu kurz kommt, ist ein weiterer Aspekt: „Ich freue mich schon, hier später gemeinsam mit allen zu feiern.“

Vereins-Fußballer lernen Rücksicht

Wie Metabo schickt auch die Johannes-Kepler-Realschule (JKR) aus Wendlingen seit Jahren ein Team zum integrativen Fußballturnier nach Oberboihingen. Zur neunten Auflage war es exakt dieselbe Mannschaft aus Neunt- und Zehntklässlern wie im Vorjahr: „Den Jungs hat der Leben-inklusiv-Cup 2024 so gut gefallen, dass sie unbedingt noch mal teilnehmen wollten“, sagt Lehrer Stefan Schullehner. Und abgesehen vom Coaching während des Turniers hatte Schullehner nicht viel zu tun: „Die Schüler haben alles selbst organisiert. Es war ihnen einfach wichtig, hier wieder dabei zu sein.“ Ein Grund sei sicherlich die Fröhlichkeit und Unvoreingenommenheit der Menschen mit Handicap: „Diese Freude ist einfach ansteckend.“ Und dass dabei pädagogisch gesehen auch die Erweiterung von sozialen Kompetenzen nicht zu kurz kommt, weiß Schullehner ebenso zu schätzen: „Rücksicht ist wichtig. So gehen die Schüler, von denen einige im Verein kicken, hier weniger hart in die Zweikämpfe.“

Auch die Begeisterung von Torwart René Liebler für den Wettbewerb hält an. Trotz 1:2-Niederlage zum Turnierauftakt ist der 21-Jährige weiter Feuer und Flamme: „Es ist einfach super, mal andere Leute zu sehen und mit ihnen gemeinsam Sport zu machen.“ Mehr Zeit für ein Interview kann Liebler allerdings nicht erübrigen – gleich steht die nächste Partie an, und fröhlich sein Team abklatschend saust er wieder runter von der Tribüne in Richtung Spielfeld.

Teilhabe wird großgeschrieben

Einrichtung
Der Verein Leben inklusiv ist ein regionaler Träger mit Angeboten für Menschen mit Behinderung und ihre Angehörigen in den Bereichen Wohnen, Arbeiten und Freizeitgestaltung. Hervorgegangen ist die 1969 gegründete Einrichtung aus einer privaten Elterninitiative.

Klienten
Rund 230 Menschen mit Behinderung werden in Frickenhausen, Linsenhofen und Oberboihingen in Arbeitsplätzen und unterschiedlichen Wohnformen, dem Begleiteten Wohnen in Familien, Förder-, Betreuungs- und Seniorengruppen sowie offenen Hilfen betreut.

Umzug Die Werkstatt von Leben inklusiv wird mit ihren rund 80 Mitarbeitern vermutlich im Sommer 2026 ins Neckarspinnerei-Quartier nach Wendlingen-Unterboihingen umziehen. Die Planungen laufen auf Hochtouren. „Es sieht gut aus, dass der Umzug pünktlich klappt“, kündigt Severine Hausmann vom Vorstand von Leben inklusiv an.