Karolingische Minuskeln und ein Fall aus dem 19. Jahrhundert – in der Kornwestheimer Außenstelle des Landesarchivs Baden-Württemberg lassen sich besondere Dokumente entdecken.
Michael Aumüller kann mit einer ganzen Reihe an Superlativen aufwarten. „13 Millionen Unterlagen haben wir hier, insgesamt 163 Kilometer Akten, davon sind aber nur zehn Kilometer für die Öffentlichkeit zugänglich“, berichtet der Leiter des Grundbuchzentralarchivs Kornwestheim stolz. Das älteste Schriftstück ist ein Blatt aus einer Klosterhandschrift von 1150, das als Bucheinband verwendet wurde. Das älteste vollständig erhaltene Dokument ist ein Eigentumsverzeichnis aus dem Jahr 1509.
Versteckt sind diese Schätze hinter dem Eingang zum Reich von Michael Aumüller und seinen Mitarbeitern – in einer unscheinbaren Ecke im Innenhof der Bauten 3, 4 und 5 im Salamander-Areal. Was nach verstaubter Aktenarbeit klingt, entpuppt sich als hochkomplexes System, in dem die Geschichte der Region lagert – geordnet, verwaltet und abrufbar.
„Wie bei Amazon“
Seitlich vom Publikumsbereich mit Infotheke, Vortragsraum und Lesesaal fällt ein Aufzug kaum ins Auge – er ist vor allem für den Archivleiter und seine Mitarbeiter gedacht. Er führt direkt zu einigen der größten historischen Schätze der Region.
„Es funktioniert bei uns ein wenig wie bei Amazon“, erklärt Aumüller, nachdem er aus dem Aufzug gestiegen ist und einen schmucklosen grauen Raum mit Betonboden und Regalen betritt. Ähnlich wie beim Onlinehändler lagert hier das, was von den „Kunden“ zurückgegeben wurde.
Dabei handelt es sich keineswegs um Ausschussware. Im Gegenteil: Das Transportgut ist sehr wertvoll. Seit den 2010er-Jahren werden in Kornwestheim zentral alle Grundbuchakten aus Baden-Württemberg nach 1900 gelagert. Die „Kunden“ sind Mitarbeiter von Gemeinden. Wenn in ihrem Zuständigkeitsbereich Grundstücke den Besitzer wechseln, müssen sie die entsprechenden Unterlagen hier anfordern – vor Ort sind sie nicht mehr verfügbar.
„Wir müssen viele Restaurierungsarbeiten fremd vergeben.“
Michael Aumüller, Leiter des Grundbuchzentralarchivs Kornwestheim
Ein Kurierdienst steuert dafür täglich das Salamander-Areal an. Zehn Mitarbeiter sind damit beschäftigt, die Akten zu holen und später wieder einzuordnen. Zur schnellen Orientierung stecken in den Unterlagen schmale Zettel in verschiedenen Farben.
Das System der angrenzenden Archivräume wirkt zunächst einfach: Die Gebäude sind farblich und nach Stockwerken gegliedert, lange Gänge führen zu nummerierten Magazinräumen. Dort reihen sich hohe Regale aneinander, unterteilt in Abschnitte und Fächer, in denen die Akten lagern. „Am Ende ist es eine mehrstufige Zuordnung“, sagt Aumüller. Gerade schieben zwei Mitarbeiter schwere Wagen vorbei. „Die legen am Tag zwischen acht und zehn Kilometer zurück.“ Aumüller selbst nutzt lieber einen der Scooter am Aufzug, verrät er mit einem Augenzwinkern.
Mini-Staubsauger für alte Dokumente
Auch die historischen Dokumente, die noch heute immer wieder beim Ausmisten alter Privathäuser in ganz Baden-Württemberg entdeckt und nach Kornwestheim gebracht werden, werden hier so gut wie möglich aufgearbeitet. In der Reinigungswerkstatt befreit Archivmitarbeiter Jannis Illsinger ein altes Schriftstück mit einem dünnen Rohr, das an einen Mini-Staubsauger erinnert, vom Staub der Jahrhunderte.
Nebenan, in der Restaurierungswerkstatt, zeigt Archivleiter Aumüller alte Schriftstücke, an denen nicht nur der Zahn der Zeit, sondern auch der Holzwurm oder Flammen von Bränden genagt haben. „Wir müssen viele Restaurierungsarbeiten fremd vergeben, weil wir hier nur einen Fachmann dafür haben“, bedauert Aumüller diesen Fachkräftemangel.
Fertig restauriert lagern die Dokumente bei konstant 18 Grad und 50 Prozent Luftfeuchtigkeit. Darunter sind auch die ältesten Stücke des Archivs. Neben einem Einband aus einer alten Klosterschrift von 1150 in der Schrift „karolingische Minuskel“ sowie dem ältesten erhaltenen Gesamtdokument von 1509, ist Michael Aumüller bei der Lektüre der alten Schriften besonders ein Bericht über eine Magd aus dem Jahr 1864 aufgefallen.
Die Überschrift „Kindsmord“ klingt nach einem reißerischen historischen Krimi. Doch dahinter steckt eine tragische Geschichte. Sicher sei mit „Kindsmord“ eine Abtreibung gemeint gewesen, so Aumüller. „Früher wurden in den Dokumenten nicht nur Besitztümer reicher Bauern vermerkt, sondern auch, wenn jemand Schulden gemacht hat.“ Was es für eine Magd im 19. Jahrhundert bedeutet hat, 236 Gulden für die Gerichtskosten und 720 Gulden für die Zeit im Gefängnis aufzutreiben, mag man sich heute nicht mehr vorstellen.
Im Archiv in Kornwestheim werden solche Schicksale zwar nicht groß erzählt – sie stehen aber da, festgehalten in den Akten. Vergessen wird hier nichts.