Ayhan Sertel mit seiner Mutter Cabidan und Vater Sevket. Das Familientrio betriebt das „Iss was“ in Winterbach. Foto: Gottfried Stoppel

Seit einem Vierteljahrhundert betreibt Ayhan Sertel zusammen mit seinen mittlerweile 88 und 85 Jahre alten Eltern einen Imbiss in Winterbach. Weil die Kraft der beiden nachlässt, sucht er Unterstützung.

Winterbach - Um 10.20 Uhr geht bei Ayhan Sertel die erste Bestellung über den Tresen. „Hallo, mein Großer“, wird der Kunde begrüßt, der seinen Döner wie immer ohne Zwiebeln nimmt. „Chef, haben wir Salat da?“, ruft Ayhan Sertel über seine Schulter. Vater Sevket schiebt ihm die frisch gezupften Blätter hin, dann wendet sich der 88-Jährige wieder seinem Schneidebrett zu. Neben ihm bereitet Mutter Cabidan den türkischen Tee zu, bringt den Samowar zum Laufen. Dann humpelt sie zu ihrem Stuhl – die neue Hüfte macht der 85-Jährigen zu schaffen.

Während Ayhan Sertel die Geschichte des familiengeführten Traditionsimbisses in Winterbach erzählt, schwingt der Papa das Messer. Zwiebeln, Paprika, Kalbfleisch werden zerkleinert und schließlich auf Holzstäbchen geschoben. Schaschlik gibt es heute als Tagesgericht. Wäre es nicht schöner, gemütlich daheim auf dem Sofa zu sitzen? Sevket Sertel schüttelt energisch den Kopf. Er will mit seinem Sohn weitermachen, „vielleicht bis 100“, sagt er und lacht. Was soll er daheim, wenn doch in dem kleinen Imbiss so viel mehr an Unterhaltung geboten ist. Oder um es mit den Worten eines jungen Mannes zu sagen, der wenig später an der Theke steht: „Bei Ayhan bekommst du nicht nur einen Döner, sondern ein Gespräch mit Döner. Er kann sich auf jeden einstellen.“

Der Imbiss in Winterbach ist gerade mal 25 Quadratmeter groß

Und das ist vermutlich das eigentliche Geheimrezept des Gastrobetriebs. Gerade einmal 25 Quadratmeter klein, ist der Imbiss im schnelllebigen Geschäft der Dönerbuden eine feste Größe, und zwar seit mehr als einem Vierteljahrhundert. Familie Sertel mag Fast Food verkaufen, aber schnell abgefertigt werden die Kunden deswegen noch lange nicht. „Ich möchte eine Wohlfühlatmosphäre“, sagt Ayhan Sertel, der eine weiße Kochjacke trägt und dazu zwei glitzernde Steinchen im Ohr.

Dazu gehört, dass der 56-Jährige genau weiß, wer seinen Döner wie isst. Dazu gehört die Musik, dazu gehört das Tässchen Tee, dazu gehört die Ghettofaust zum Abschied. Dazu gehört, dass er Pommes für den Geburtstag der sechsjährigen Nachbarin macht, dazu gehört der Anspruch an das, was über den Tresen geht.

„Das Dönerfleisch kann ich leider nicht selbst machen“, sagt Ayhan Sertel. Für eine eigene Wurstküche fehlt schlicht der Platz. Aber alles andere wird von dem Familientrio frisch zubereitet. Morgens gehen seine Eltern erst einmal auf Einkaufstour. Dann geht’s am Vormittag los mit den Vorbereitungen. Im Sommer gibt’s mal Spargel, im Winter Sauerbraten. Drei Soßen werden für den Döner angerührt, für die Vegetarier werden Falafel gemacht.

Vor 26 Jahren gab es noch viel weniger Döner-Imbisse

Vor 26 Jahren hat die Familie das „Iss was“ eröffnet. Da hatte Vater Sevket Sertel schon zwei Berufsleben hinter sich. Sattlermeister war er, hat beim Daimler gearbeitet, dann in der Frührente mit seinem Sohn eine Bäckerei in Schwieberdingen betrieben. „Aber wir wollten was Kleineres machen“, sagt Ayhan Sertel, der gelernter Koch ist.

Durch Zufall kamen sie nach Winterbach. Damals habe es noch nicht an jeder Ecke einen Döner-Imbiss gegeben. „Die Leute kamen aus Stuttgart, aus Esslingen zu uns“, sagt Ayhan Sertel. Die Zeiten seien leider vorbei, beklagen will er sich trotzdem nicht. „Wir haben 90 Prozent Stammkunden“, sagt er, der es ganz verrückt findet, dass ihm einige von Anfang an treu sind und mittlerweile mit ihren eigenen Kindern kommen.

Imbiss-Familie Sertel arbeitet zusammen und wohnt zusammen

Diese Begegnungen sind es, die ihn über den anstrengenden 13- bis 14-Stunden-Tag bringen. Früher hatte der Imbiss bis Mitternacht auf, „aber das schaff ich nicht mehr.“ Sonntags bleibt der Laden mittlerweile ganz geschlossen, „das ist unser Familientag“, sagt Ayhan Sertel, der mit seinen Eltern zusammenlebt. „Früher haben sie mich erzogen, jetzt kümmere ich mich um sie“, sagt der leidenschaftliche Segler, der selbst ledig ist. Es sei schwer, seinen Beruf und eine Beziehung miteinander zu vereinbaren.

Auch wenn die Eltern noch nicht ans Aufhören denken wollen, ewig werden sie ihm nicht mehr helfen können. „Ich suche seit einiger Zeit Unterstützung“, erzählt Ayhan Sertel, der gerne jemanden mit Kocherfahrung hätte, jemanden, der die Arbeit nicht scheut und hineinpasst in diesen besonderen Imbiss. „Nicht nullachtfünfzehn“, sagt er und grinst.

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