Ulrich Thiel speist am Freitag mit Frank-Walter Steinmeier im Schloss Bellevue in Berlin. Der Bundespräsident dankt dem Waiblinger damit für sein ehrenamtliches Engagement.
Ein bisschen erstaunt war Ulrich Thiel schon, als er Mitte November ein Kuvert mit dem Bundespräsidialamt als Absender aus dem Briefkasten zog. Im Umschlag steckte eine Einladung von Frank-Walter Steinmeier zum Neujahrsempfang im Schloss Bellevue nebst Mittagessen. „Ich bin gespannt, was es gibt“, sagt Ulrich Thiel, der bereits weiß, dass mit ihm rund 60 Frauen und Männern aus ganz Deutschland die Ehre zuteil wird, an diesem Freitag mit dem Bundespräsidenten zu speisen und zu plaudern.
Alle Gäste haben sich „um das Gemeinwohl in besonderer Weise verdient gemacht“, heißt es auf der Internetseite Steinmeiers. Manche engagieren sich gegen Antisemitismus, für Suchtkranke oder den Katastrophenschutz. Der 80-jährige Ulrich Thiel ist seit fast elf Jahren bei der ehrenamtlichen Schuldnerbegleitung aktiv. Diese bietet im Waiblinger Familienzentrum Karo zweimal pro Woche eine offene Sprechstunde für Menschen an, die in finanziellen Nöten sind.
Als Ulrich Thiel im Mai 2013 sein Ehrenamt aufnahm, bildete er mit einer Kollegin ein Berater-Duo. Inzwischen ist das Team auf sieben angewachsen – drei Frauen und vier Männer engagieren sich in der ehrenamtlichen Schuldnerbegleitung, welche die städtische Schuldnerberatung ergänzt. Wenn der Schuldenberg allerdings so hoch ist, dass nur noch eine Privatinsolvenz in Betracht kommt, verweisen Ehrenamtlichen auf die städtische Beratungsstelle, die in solchen Fällen zuständig ist. Ansonsten leisten die Freiwilligen gerne tatkräftige Hilfe. „Wir hatten alle etwas mit Geld zu tun und kennen uns damit aus“, sagt Ulrich Thiel. Er selbst war bis zu seinem Ruhestand Leiter der Stadtkasse Stuttgart.
Manche bringen stapelweise ungeöffnete Rechnungen
Nach seiner Pensionierung suchte er eine Beschäftigung und stieß schließlich auf die ehrenamtliche kostenfreie Schuldnerbegleitung – eine Tätigkeit, die ihm sofort zusagte. Bei seinem Ehrenamt erlebt er immer wieder, dass Ratsuchende mit mehreren Plastiktüten in die offene Sprechstunde kommen – prall gefüllt mit ungeöffneten Rechnungen, Mahnungen und Schreiben von Behörden. „Wir machen die Briefe auf, sortieren die Post und verschaffen uns einen Überblick“, erzählt Ulrich Thiel. Die Unterlagen heften die Berater in einem Ordner ab, den sie den Besuchern mitgeben – mit dem Auftrag, künftig Schreiben und Unterlagen darin abzulegen. Das klappt manchmal, manchmal auch nicht.
Berater kündigen unnütze Versicherungen
Die Ehrenamtlichen stellen auch einen Haushaltsplan für die Verschuldeten auf, schauen sich deren Einnahmen und Ausgaben an, kündigen unnütze Versicherungen auf und füllen immer öfter Anträge auf Wohngeld oder einen Kindergeldzuschlag für die Klienten aus. Bei Präventionsveranstaltungen klären Ulrich Thiel und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter Jugendliche zum Thema Schulden auf. In dieser Altersgruppe seien diese meist eine Folge von Handyverträgen, berichtet der Berater.
Nach Berlin reisen Ulrich Thiel und seine Frau bereits einen Tag vor dem Empfang. „Am Donnerstag gibt es eine Führung durch Schloss Bellevue“, sagt der Waiblinger. Zum Neujahrsempfang mit anschließendem Mittagessen am Freitag sind ausschließlich die Ehrenamtlichen eingeladen, für ihre Begleitung gibt es als Alternativprogramm eine Tour durch das Reichstagsgebäude.
Offene Sprechstunde
Hilfe
Die ehrenamtliche Schuldnerbegleitung bietet dienstags von 10 bis 12 Uhr und donnerstags von 15 bis 17 Uhr eine kostenlose offene Sprechstunde an. Sie findet im Waiblinger Karo-Familienzentrum, Alter Postplatz 17, statt (0 71 51/982 24 89 12; E-Mail: schuldnerbegleitung@waiblingen.de).