Im Schauraum des Ateliergebäudes im Dettinger Park in Plochingen ist alles im Fluss: die fliegenden Flechthäuser von Marc Dittrich und die Menschen ohne Kopf im Wasser von Isabelle Hannemann.
Die Schauraumbetreiber im Kulturpark Dettinger in Plochingen haben für ihr Veranstaltungsprogramm drei Monate lang special guests. Hauptakteur ist der in Deizisau lebende Künstler Marc Dittrich. Mit insgesamt drei Kunstschaffenden zeigt er in dem dreigeteilten Format unterschiedliche Ausdrucksformen zum Thema „Stadt Land Fluss“. Die jüngste Schau widmet sich dem Fluss im übertragenen Sinn. Zu sehen sind Dittrichs Flechthäuser aus verwobenen Laserprints in Kooperation mit der Malerei von Isabelle Hannemann. Beide Kunstschaffende arbeiten seriell in Werkgruppen.
Marc Dittrichs Kite Drachen hängen freischwebend im Raum. Die Hohlkörper sind aus bedruckten, hauchdünnen Papierstreifen gewoben, die Fotografien von Häuserfassaden zeigen das Innenleben aus federleichtem Balsaholz. Bei günstigem Wind könnten sie vermutlich fliegen. Daraus ergibt sich ein reizvoller Kontrast zwischen schweren Gebäuden und Windspiel, wie das berühmte Shell-Haus in Berlin, das mit seiner markanten Fassade zu den wichtigsten Bürohochhäusern der klassischen Moderne zählt. Durch Dittrichs Technik entstehen vergröberte Raster und Unschärfen, die zur optischen Verschiebung des Gebäudes führen.
Schmelzprozess mittels Heißgebläse
Doch dem Fassadensammler geht es nicht um bedeutende Gebäude. Er löst die starre Architektur trister Wohnblocks mit gesichtsloser, monotoner Fassade auf, indem er die Fotos mit Hilfe eines Lineals und Rollmessers akribisch in gleich breite Streifen schneidet. Diese verwebt er dann zu Installationen und Fotoreliefs und verwandelt sie so von der eindimensionalen Bildebene ins dreidimensional Plastische. Die Enden hängen frei fließend zu Boden und erden die Immobilien-Kites. Die gewobenen Bilder sind anfangs deckungsgleich. Durch den Webprozess entsteht durch die Materialstärke ein Versatz. Die Hochhäuser scheinen zu flimmern oder gar einzustürzen und entwickeln ein völlig neues Eigenleben.
Ein Hochhaus in Marseille schafft die thematische Brücke zur „kopflosen“ Malerei von Isabelle Hannemann. Für „Melt Marseille“ hat Dittrich den Fotodruck auf Folie übertragen. Beim Abziehen und Wegwaschen des Papiers entstanden Fehlstellen, die ergänzt wurden durch Wölbungen, Verformungen und Löcher, hervorgerufen durch den Schmelzprozess mittels Heißgebläse. Durch die Wärme kommt die Materialität zum Ausdruck, um die es Marc Dittrich in seinen Werken in erster Linie geht. Vier Jahre lang habe er an der Arbeit „herumgedoktert“, erzählt Dittrich. „Nie war ich zufrieden.“ Erst durch den Impuls, den er von Hannemanns Arbeiten erhalten hatte, konnte er die Schmelzarbeit sinnvoll fertigstellen.
Um den Auflösungsprozess geht es auch in Isabelle Hannemanns Bildern von den kopflosen Schwimmerinnen. Körper, die eintauchen, sich mit dem Wasser verbinden und sich darin auflösen. Dabei betrachtet die Künstlerin die Figuren aus der Tiefe eines Sees oder eines Meeres, weshalb die Köpfe, die sich über Wasser befinden, fehlen. Anstelle der Köpfe gibt es auf dem Wasser Oberflächenreflexionen.
Schwimmbilder von unbeschwerter Leichtigkeit
Der besondere Reiz der Bilder entsteht durch Auflösung in Spiegelungen, ähnlich wie bei Marc Dittrich. Letztlich scheinen die Figuren in Farbe zu schweben. Dittrichs Hochhäuser haben keine Bodenhaftung und Hannemanns Figuren brauchen keinen Boden unter den Füßen beim Schwimmen.
Wie Marc Dittrichs Fotoskulpturen zeichnen sich die Schwimmbilder durch eine unbeschwerte Leichtigkeit aus. Die Figuren fühlen sich offensichtlich wohl im grenzenlosen Wasser. Die fehlenden Gesichter sorgen dafür, dass nichts von der besonderen Atmosphäre ablenkt, die entsteht, wenn die Gedanken vollkommen frei sind.
Special Guests im Dettinger Park in Plochingen
Idee
Die dreiteilige Ausstellung „Stadt Land Fluss“ dauert insgesamt drei Monate, dabei kooperiert der Hauptakteur Marc Dittrich mit drei verschiedenen Kunstschaffenden. Den Auftakt machte er gemeinsam mit seinem Ateliernachbar Uwe Keller, der zu Dittrichs Fotoreliefs bearbeitete Aufnahmen von weggeworfenen Getränkedosen präsentierte. Die Arbeiten von Isabelle Hannemann und Marc Dittrich sind bis 17. November zu sehen. Die Schau mit special guests endet gemeinsam mit Lisa Handl, die Papierobjekte zum Thema „Land“ zeigt; Vernissage ist am 24. November, 11 Uhr (bis 23. Dezember). Ein Besuch im Schauraum kann per E-Mail an info@marcdittrich.de vereinbart werden (www.schauraum-plochingen.de).
Kunstschaffende
Marc Dittrich lebt in Deizisau. 1976 wurde er in Ruit geboren und studierte von 1999 bis 2003 Bildhauerei an der Stuttgarter Kunstakademie. Von 2013 bis 2016 hatte er ein Atelierstipendium des Landkreises Esslingen. Sein Atelier befindet sich auf dem Gelände des Drahtwerks am Nordseekai in Plochingen. Isabelle Hannemann wurde 1979 in Heidenheim an der Brenz geboren. Sie hat eine klassische Tanzausbildung und studierte in den Jahren von 1999 bis 2005 Malerei an der Kunstakademie Stuttgart bei der vor kurzem verstorbenen Malerin Cordula Güdemann sowie 2003 an der Accademia di Belle Arti die Brera in Mailand. Sie lebt in Leonberg und arbeitet dort in der ehemaligen Waschküche ihrer Großmutter.