Steffen Bühler ist seit 1992 Rathauschef in Besigheim, 2024 hört er auf. Foto: factum

Er regiert seit 27 Jahren im schönsten Weinort Deutschlands, in dem Vorfahren von Barack Obama wohnten. Steffen Bühler will nun noch die Vision einer Seilbahn an den Neckarsteillagen umsetzen.

Besigheim - Wer Steffen Bühler in diesen warmen Sommertagen durch Besigheim springen sieht, kann kaum glauben, dass der Mann schon 59 Jahre ist und über Ruhestand nachdenkt. „Das ist die viele Sonne hier“, sagt der Rathauschef und lächelt spitzbübisch. Seit 1992 regiert er den malerischen Ort an der Einmündung der Enz in den Neckar. Die 13 000-Einwohner-Stadt ist heute ein touristisches Kleinod mit vielen Cafés, Hotels und lebendigem Einzelhandel.

Dieser Erfolg hat viele Väter, und auch ein wenig Glück kam hinzu: Der frühere US-Präsident Barack Obama hat, wie sich kurz nach dessen Amtsantritt herausstellte, Vorfahren in Besigheim: Im 18. Jahrhundert lebte die Familie Wölfle in dem Örtchen, ein Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Großvater Obamas wurde nachgewiesen. „Das hat uns viele überregionale Medienanfragen beschert“, sagt Bühler. Etwa als der US-Präsident in Berlin war oder den Friedensnobelpreis erhalten hat. Plötzlich war Besigheim im ganzen Land ein Begriff. Der Fernsehsender MDR verlieh den Titel „schönster Weinort Deutschlands“.

27 Jahren ohne Skandale

Doch das alleine erklärt nicht den Erfolg. „Wir haben großartige Gastronomen und Geschäftsleute, die etwas voranbringen wollen“, sagt Bühler. Seinen eigenen Anteil will er nicht allzu groß herausstreichen. Doch der 59-Jährige hat ohne Skandale und Großkonflikte die Geschäfte stets solide und mit Humor verwaltet.

Vielleicht hilft das sonnige Gemüt und die leutselige Art, das kommunale Geschehen zu lenken. Bühler ist ein Netzwerker und gilt als kommunikativ, sitzt seit 25 Jahren im Kreistag und ist Sprecher aller Bürgermeister im Kreis. Geboren ist er in Crailsheim und in Heilbronn aufgewachsen. Eine leichte Sprachfärbung verrät die Herkunft aus der Kurpfalz. Der Vater war Eisenbahner: „Wir waren daher selbstverständlich im Eisenbahnsportverein.“

Ein anderer Regierungsstil im Rathaus

Nach dem Abitur ging es zur Bundeswehr und zum Studium der Verwaltungswirtschaft. Damit war eine kommunale Karriere vorgezeichnet, die nach einigen Stationen 1985 in Mundelsheim als Hauptamtsleiter begann, unter dem legendären Bürgermeister Hans Wetzel, der 36 Jahre im Amt war. Später wechselte Bühler nach Steinheim zum dortigen Rathauschef Alfred Ulrich. „Das waren noch Urgesteine vom alten Schlag“, erinnert er sich. Bühler pflegt einen anderen Stil, und hat doch viel über Strategie gelernt.

Einen ersten Anlauf für einen Chefposten unternahm Bühler 1991 in Oberstenfeld – unterlag aber Reinhard Rosner. Ein Jahr später klappte es in Besigheim bereits im ersten Wahlgang, Bühler obsiegte unter vier Aspiranten. „Ich habe von Anfang an versucht, viel bei den Vereinen und bei den Bürgern zu sein“, sagt der „Schultes“, wie es im Schwäbischen heißt. Im Jahr 2024 will er aufhören. „Dann sind es 32 Jahre, das reicht“, meint er, „wer jetzt um die 40 ist, hat immer nur den Bühler im Rathaus gesehen.“

Das Amt lässt wenig Freizeit

Dann bleibt mehr Zeit für Privates, das bei der 60-Stunden-Woche oft leidet. Die zwei Söhne mussten oft auf den Vater verzichten, wenn wieder eine Sitzung anstand. Mit seiner Frau hat sich Bühler jedoch ein Ritual geschaffen, das ein wenig Raum für Privatheit ermöglicht: „Wir gehen immer Freitagabend zwei Stunden zum Tanzportverein. Standard und Latein.“ Dabei, so die Regel, wird nicht übers Büro geredet. Auch beim Nachtreffen mit Freunden ist Bühler explizit nicht der „Herr Bürgermeister“. Ein Gefühl, das sich 2024 dauerhaft einstellen wird. Doch noch hat der umtriebige CDU-Politiker viel Spaß am Amt.

Hat sich die Kommunalpolitik in drei Jahrzehnten verändert? Ja, sagt Bühler. Durch die sozialen Medien seien die Bürgerkontakte direkter geworden. „Es wird mehr kritisiert, oft sind auch Partikularinteressen wichtiger“, sagt der 59-Jährige. Und nennt ein Beispiel: Kürzlich hat er um 3.15 Uhr in der Nacht auf der Facebook-Seite der Stadt gepostet, dass morgens das Freibad geschlossen ist. Die Reaktion kam prompt: „Eine Minute später hatte ich bereits die erste Reaktion.“

Natürlich gibt es auch Probleme im schönen Besigheim. Beim Großprojekt Enzpark mit zwei neuen Brücken und neu gestalteten Ufern klagen Anwohner, im Gemeinderat wurde oft fehlende Transparenz bei den Kosten beklagt.

Es gibt auch Probleme

Und zu Beginn seiner Regierungszeit musste Steffen Bühler sich aus einer lebhaften Debatte heraushalten: Weil er selbst Grundstückseigentümer in einem geplanten Baugebiet war, galt er als befangen – und war zur Untätigkeit verdammt. Auch bei einer großen Vision gehen viele Gemeinderäte nicht mit: einer Seilbahn in die Steillagen.

Das hängt mit der touristischen Erschließung der Weinberge zusammen. Bei der Himmelsleiter zwischen Besigheim und Walheim wurde ein Pavillon errichtet, eine Kanzel ermöglicht den Ausblick in die Weinberge. „Aber wie sollen ältere Menschen oder Eltern mit einem kleinen Kind dort hinkommen?“, fragt Steffen Bühler. Eine Seilbahn statt 150 Stufen würde helfen, glaubt er. Zwei bis drei Millionen Euro würde das kosten.

Die Seilbahn dauert noch

Nicht wenig Geld für die Stadt, die neben dem Tourismus von einem BASF-Ableger, Firmen wie dem Werkzeughersteller Komet und dem interkommunalen Gewerbepark Ottmarsheimer Höhe lebt. Zumal die Betriebskosten dazu kommen. Doch sogar der für Tourismus zuständige Minister Guido Wolf (CDU) ist angetan von der Seilbahn-Idee. Bühler macht sich aber keine Illusionen: „Ich werde die Seilbahn nicht mehr in meiner Amtszeit erleben. Ich will mir kein Denkmal setzen.“ Auch die Idee eines Aufzugs von der Tallage zum Gebäude der ehemaligen Oberamtsverwaltung steht im Raum.

Es ist also noch viel zu tun für den umtriebigen Sonnenkönig an Neckar und Enz. Sich woanders zu bewerben kam ihm nie in den Sinn. „Die Familie wollte immer hier bleiben“, sagt er. Die Natur, die malerische Fachwerk-Altstadt – und die nahen Städte zum Bummeln. Dieses Rezept fürs Glücklichsein gilt auch für den Ruhestand mit 64 Jahren, wenn die Amtszeit endet.

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