Eine Mehrheit aus CDU, Freien Wählern, AfD, FDP und Teilen der Grünen stimmte für einen Planungsstopp der Trassen durch das Stadtgebiet. Foto: Simon Granville

Der Traum von einer Straßenbahn durch die Barockstadt ist geplatzt. Zu groß war der Vertrauensverlust – die Zweckverbandsverantwortlichen ernteten deutliche Kritik.

Drei Stunden lang rangen die Ludwigsburger Stadträte am Mittwochabend um die Zukunft des wichtigsten Infrastrukturprojekts im Landkreis. Doch je näher die Entscheidung rückte, desto spürbarer legte sich Ernüchterung über Teile des großen Saal des Kulturzentrums. Grünen-, SPD- und Linken-Stadträte winkten zunehmend frustriert ab, manche schüttelten nur noch den Kopf – im Bewusstsein, wohin die Debatte unweigerlich führte: zum Ende des Traums einer Straßenbahn Lucie in Ludwigsburg. Und das, obwohl mögliche Schadensersatzforderungen in Millionenhöhe im Raum stehen und der Beschluss als offene Kampfansage an das Landratsamt und die Nachbarkommunen gilt.

 

Die entscheidende Debatte drehte sich im Kern um drei Anträge. Die Linke forderte ein klares Bekenntnis zur vollständigen Stadtbahnplanung mit den vorgesehenen Ästen durch das Stadtgebiet in die Oststadt und nach Pattonville – ein Anliegen, das ein Großteil der Grünen sowie die SPD leidenschaftlich unterstützten. „Wir haben 30 Jahre Diskussionen gebraucht, bis wir an diesem Punkt waren – jetzt drohen wir auf null zurückzufallen“, warnte SPD-Stadtrat Nathanael Maier.

CDU kritisiert Zweckverband

Zweitens lag der Antrag der Stadtverwaltung vor. Er sah vor, lediglich die Reaktivierung der Strecke zwischen Markgröningen und dem Ludwigsburger Bahnhof voranzutreiben. Die Planungen für die Trassen durch das Stadtgebiet sollten zehn Jahre ruhen, bis sich die städtische Finanzlage wieder verbessert habe.

Der dritte, entscheidende Antrag stammte von CDU, Freien Wählern und FDP. Wie die Verwaltung plädierten sie für die Mini-Variante – also ausschließlich die Reaktivierung. Anders als im Verwaltungsvorschlag sollte das Aus für die Trassen durch die Stadt und nach Pattonville jedoch sofort und endgültig besiegelt werden. CDU-Fraktionschef Klaus Herrmann übte teils scharfe Kritik am Zweckverband und warf den Verantwortlichen vor, durch Fehler, ständig neue Planungsdetails und mangelhafte Kommunikation Vertrauen im Gemeinderat und in der Bürgerschaft verspielt zu haben.

Emotionale Grabenkämpfe

Die Diskussion über die Anträge zerfaserte schnell. Die Freien Wähler wollten dem Zweckverband vorschreiben, entlang des Naturparks West nur eingleisig zu bauen, um die Umwelt zu schützen. Dann könne Lucie nur im Halbstundentakt fahren, hielten andere Stadträte entgegen. Zudem liege die Entscheidung über solche technischen Planungsdetails nicht beim Gemeinderat, sondern beim Zweckverband.

Ein weiterer Streitpunkt: das Geld. Die Grünen warnten, mit der Mini-Variante werde bereits investiertes Geld unwiederbringlich verloren sein. Oberbürgermeister Matthias verwies hingegen darauf, dass der Großteil der bisherigen Ausgaben ohnehin in die Planung der Reaktivierung geflossen sei – der finanzielle Schaden also überschaubar bleibe.

Was sich während der Debatte immer deutlicher abzeichnete, wurde gegen 21.30 Uhr Realität: CDU, Freie Wähler, AfD, FDP und Teile der Grünen stimmten dafür, sämtliche Trassenführungen durch das Stadtgebiet und nach Pattonville einzustellen. Zudem wurde beschlossen, dass der Zweckverband weitere Ausgaben für das Projekt Lucie stoppt. Damit ist das zentrale Element des Projekts – die Straßenbahn durch Ludwigsburg – faktisch beendet.

Das Ende der Westtrasse (rot) und Innenstadttrasse (gelb) waren inoffiziell bereits beschlossene Sache. Nun hat sich eine Mehrheit des Gemeinderats auch gegen die zwei Optionen in Richtung Oststadt und Pattonville beschlossen (rot und blau). Übrig bleibt die Reaktivierung der Gleise von Markgröningen zum Bahnhof (schwarz) Foto: Manfred Zapletal

Stadtbahn im Teufelskreis

Rund drei Jahre nach dem großen Beschluss des Landkreises sowie der Kommunen Ludwigsburg, Remseck, Markgröningen, Möglingen, Schwieberdingen und Pattonville für eine umfassende Stadtbahn bleibt nur die Reaktivierung des bestehenden Gleisbetts zwischen Markgröningen und dem Ludwigsburger Bahnhof übrig.

Hintergrund sind wachsende Sorgen über die Kosten in schwierigen Haushaltszeiten – aber auch ein schleichender Vertrauensverlust. Personelle Wechsel im Zweckverband, unerwartete Probleme mit 2022 beschlossenen Trassenvarianten sowie wiederholte Kommunikationsschwierigkeiten ließen den Rückhalt im vergangenen Jahr zunehmend schwinden.

Noch lange nichts in trockenen Tüchern

Interessant bleibt, was der wegweisende Beschluss im Gemeinderat bedeutet. Denn für den Zweckverband Stadtbahn ist dieser nicht bindend. Die Zweckverbandsversammlung aus Kreis und beteiligten Kommunen entscheidet über die Zukunft der Planungen. Gleichzeitig zwingt der Ludwigsburger Beschluss die Verbandsmitglieder in eine neue Realität. Denn wenn Ludwigsburg die metaphorischen Schranken vor seinem Stadtgebiet senkt, kann der Zweckverband die ursprünglich geplanten Trassen kaum weiterverfolgen.

Hinzu kommt eine Existenzfrage: Für Mitglieder wie Schwieberdingen, Remseck und Pattonville ergibt die weitere Zugehörigkeit im Zweckverband zum jetzigen Zeitpunkt wenig Sinn, wenn sie absehbar nie von Lucie erreicht werden.

Landrat Dietmar Allgaier und weitere Verantwortliche des Zweckverbands kündigten bereits an, den Gemeinderatsbeschluss nicht einfach hinzunehmen. Sie brachten sogar mögliche Schadensersatzforderungen ins Spiel – mit der Begründung, dass Landkreis und Kommunen im Vertrauen auf die vollständige Umsetzung längst Geld investiert hätten.

Dass das finanzielle Risiko der Schadensersatzforderungen während der gesamten Debatte am Mittwoch kaum eine Rolle spielte, ist bemerkenswert.