Timo Fischer (links) und Matthias Lorch haben sich für einen Ausbildungsplatz bei Pilz entschieden. Foto: Ines Rudel

Praktikantinnen und Praktikanten sind die Azubis von morgen und könnten damit auch gegen den Fachkräftemangel helfen. Für die Jugendlichen selbst sei ein Praktikum in einem Betrieb eine wichtige Erfahrung, meint die Arbeitsagentur Esslingen.

Praktikanten kochen Kaffee – diese Zeiten sind längst vorbei, korrigiert Markus Knorpp sofort. Praktikanten als Störer von Betriebsabläufen anzusehen und sie an den Kaffeeautomaten zu verbannen – das könne sich kein Betrieb mehr leisten, stellt der Teamleiter Berufsberatung bei der Esslinger Arbeitsagentur klar. Denn angesichts fehlender Bewerber für Ausbildungsplätze und Fachkräftemangel seien Praktikanten mittlerweile die händeringend gesuchten Auszubildenden und Arbeitskräfte von morgen. Und auch für die jungen Leute sei ein Praktikum unverzichtbar.

 

Das weiß auch Tim Briem. Er sei ein typischer „Corona-Jugendlicher“ gewesen, sagt er. Wie zwei Drittel seines Jahrgangs habe er nach dem Abitur am Wilhelms-Gymnasium in Stuttgart nicht gewusst, wie er seine berufliche Zukunft angehen solle. Wegen der Pandemie habe er keine Ausbildungsmessen besuchen können, Praktikumsmöglichkeiten seien stark eingeschränkt gewesen, die berufliche Orientierung habe gefehlt.

Der heute 21-Jährige hat daher ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) gemacht und eine Ausbildung im kaufmännischen Bereich begonnen. Doch die beruflichen Inhalte der Ausbildung seien anders gewesen, als er sie sich vorgestellt hatte – darum habe er die Lehre abgebrochen. Momentan absolviert der junge Mann ein Praktikum im Marketingbereich von Pilz in Ostfildern: „Man braucht dazu eine Vision. Meine ist es, mehr berufliche Erfahrungen zu sammeln.“

Berufswahl ist wie Autokauf

Das sei wichtig, ergänzt Markus Knorpp. Die Berufswahl vergleicht er mit einem Autokauf. Diese Kunden wüssten ungefähr, welche Marken sie wollten und was sie sich finanziell leisten könnten. Doch um sich endgültig zu entscheiden, müsse man mehrere Probefahrten machen. So seien vor dem Start ins Berufsleben auch meist mehrere Praktika nötig: „Sie sind ein zentraler Baustein, ohne den eine tragfähige Berufswahlentscheidung nicht getroffen werden kann“, sagt Knorpp.

Durch das praktische Erleben könnten sich Jugendliche ein Bild von Ausbildungsberufen und -betrieben machen. Durch Praktika könnten eigene Interessen und Fähigkeiten mit den Anforderungen einer Ausbildung abgeglichen werden: „Dadurch lernen sich Jugendliche selbst besser kennen und tun sich leichter mit einer reflektierten Berufswahl.“

Praktiker aus Personalabteilungen bestätigen den Ansatz. Ein Bewerber mit mehreren Praktika im Lebenslauf bekomme Bonuspunkte, erklärt Marco Ulrich von der Personalabteilung bei Pilz. Sogar wenn potenzielle Auszubildende ein Praktikum in einen völlig anderen Bereich gemacht hätten, beweise das ihre Auseinandersetzung mit der Berufswelt, Interesse an einer passenden Lehrstelle, Eigeninitiative und Engagement.

Benedikt Windaus, Ausbildungsleiter bei Pilz, verweist auf eine soziale Verantwortung der örtlichen Wirtschaft, junge Menschen auf ihrem Weg in die Berufswelt zu begleiten. Selbst wenn sich eine Praktikantin oder ein Praktikant nicht für eine Ausbildung im Betrieb entscheide, so habe sie oder er im Idealfall doch festgestellt, was ihr oder ihm gefalle – und was nicht.

Missverhältnis Bewerber und Lehrstellen

Durch Praktika könnte auch das Missverhältnis zwischen Bewerbern und offenen Stellen verbessert werden, meint Markus Knorpp. Im September vergangenen Jahres kamen im Kreis Esslingen 2246 Bewerberinnen und Bewerber auf 3467 Lehrstellen. Auch im Bereich der Geschäftsstelle Esslingen habe es ein Missverhältnis von 992 Interessenten auf 1592 freie Stellen gegeben. Durch als spannend empfundene Praktika hätten vielleicht mehr junge Menschen für eine Ausbildung als Alternative zum Studium gewonnen werden können, meint Markus Knorpp.

Eigene Stärken und Schwächen erkennen – auch dabei können Praktika helfen. In Folge der Coronapandemie würden viele Bewerberinnen und Bewerber sich und ihr Können falsch einschätzen, sagt Marco Ulrich von Pilz. Denn: „Während der Zeit der Lockdowns haben Schülerinnen und Schüler teilweise gute Noten bekommen, aber sie haben sie sich nicht verdient.“ Lehrkräfte hätten während der pädagogisch schweren Zeiten einen Coronabonus verteilt und die Noten nach oben geschraubt. Dadurch könne auch eine Studienbefähigung vorgegaukelt werden, die nicht vorhanden sei – was wiederum zu einem weiteren Rückgang der Bewerber um eine Lehrstelle führe.

Bei Pilz will man auf die schwierige Situation Antworten finden: Ein Praktikum sei nicht an einen bestimmten Zeitpunkt gebunden, sondern könne jederzeit begonnen werden, ergänzt Benedikt Windaus. Zudem sollen Onlinebewerbungen um eine Praktikumsstelle erleichtert werden. Und Praktikanten dürften sich ausprobieren und etwa an Drei-D-Druckern arbeiten. Praktikanten als Kaffeekocher, diese Zeiten sind vorbei. Heute sind sie eher smarte Planerinnen und Planer ihrer Berufswahl.

Praktika zur Berufsorientierung

Auswahl
 Das Riesenangebot kann einschüchternd sein: Es gebe 324 Ausbildungsberufe, sagt Markus Knorpp von der Arbeitsagentur Esslingen. Mit dieser großen Zahl seien viele junge Menschen bei der Berufswahl überfordert. Ein Praktikum könne eine wichtige Orientierungshilfe geben.

Abbrecher
 Die Quote der jungen Menschen, die ihre Ausbildung nicht beenden, ist hoch. Laut Markus Knorpp lag die Abbrecherquote im Jahr 2022 bundesweit in allen drei Lehrjahren bei 29,5 Prozent. 2021 waren es 26,7 Prozent, 2020 noch 25,1 Prozent. Praktika ermöglichten realistische Vorstellungen von Ausbildungsberufen und könnten somit die Abbrecherquoten senken.

Ausbildungswoche
Im Rahmen der Woche der Ausbildung von Montag, 11., bis Sonntag, 17. März, sind die Berufsberater der Agentur für Arbeit Esslingen verstärkt in allen Schulen unterwegs, um mit dem Slogan „#AusbildungKlarmachen“ für eine duale Ausbildung zu werben. Ebenso bieten die Berater von Dienstag bis Donnerstag jeweils von 14 bis 16 Uhr telefonische Sofortberatungen unter 07 11/93 93 09 30 an. Zudem gibt es ein breites Veranstaltungsangebot in der Region Stuttgart.

Informationen:
Mehr zur Woche der Ausbildung steht im Internet auf der Seite

https://www.arbeitsagentur.de/k/ausbildungklarmachen