Berufsunfähigkeit galt lange als männliches Problem. Doch speziell bei jüngeren Frauen steigt die Wahrscheinlichkeit, ihre Arbeitsfähigkeit zu verlieren, massiv an.
München - Bei Frauen unter 40 Jahren hat sich die Wahrscheinlichkeit, berufsunfähig zu werden, seit 1997 um 30 Prozent erhöht. Das hat die Deutsche Aktuarvereinigung (DAV) als Verband der Versicherungsmathematiker in einer mehrjährigen Untersuchung ermittelt. Bei Männern dieser Altersgruppe ist dieses Risiko dagegen unverändert geblieben. Insgesamt werden Frauen in Deutschland damit nun bis zum Erreichen der Rente ungefähr so häufig berufsunfähig wie Männer, sagt DAV-Chef Herbert Schneidemann. Bislang galt Berufsunfähigkeit vor allem als männliches Problem. Die neue Entwicklung geht einher mit psychischen Erkrankungen als Hauptursache für Berufsunfähigkeit.
Nach Statistiken des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) waren 2018 rund 29 Prozent aller Fälle von Berufsunfähigkeit darauf zurückzuführen. Seitdem hat sich dieser Trend noch verstärkt. Das trifft vor allem Frauen mit ihrer im Vergleich zu Männern traditionell stärkeren Doppelbelastung durch Beruf und Familie. So waren nach GDV-Angaben vor drei Jahren ein Drittel aller Berufsunfähigkeiten bei Frauen auf Burnout zurückzuführen. Bei Männern betrug die Quote nur ein Viertel.
Psychische Erkrankungen an erster Stelle
Hinter psychischen Problemen rangieren Erkrankungen des Skelett- und Bewegungsapparats also zum Beispiel klassische Rückenleiden mit gut einem Fünftel und Krebs oder andere bösartige Geschwulste mit knapp einem Fünftel. In den 1990er Jahren standen noch körperliche Gebrechen an erster Stelle.
Es gibt spiegelbildlich aber auch positive Entwicklungen. Über 40-jährige sind in den vergangenen 24 Jahren in Deutschland weit weniger häufig berufsunfähig geworden, wobei es auch hier für Frauen weniger gut aussieht. Bei ihnen hat sich in diesem Altersbereich die Wahrscheinlichkeit, den eigenen Beruf nicht mehr ausüben zu können, um 36 Prozent verringert, bei Männern mit 45 Prozent deutlich stärker. „Darin spiegelt sich deutlich die Veränderung der Arbeitswelt wider“, erklärt Schneidemann. Körperliche Anforderungen im Beruf nähmen ab und damit auch Berufsunfähigkeit, was den Gegentrend bei psychischen Erkrankungen bei über 40-jährigen überkompensiert. Das erkläre auch eine andere Verbesserung.
Berufsunfähigkeit ist heute weniger endgültig
So ist Berufsunfähigkeit heute weniger endgültig als vor 24 Jahren – zumindest in den ersten beiden Jahren. In diesem Zeitraum nehmen heute 19 Prozent der Betroffenen ihren Beruf wieder auf. 1997 waren es nur elf Prozent. Wer allerdings heute drei bis zehn Jahre berufsunfähig war, bleibt es dann auch öfter. Heute schaffen es nur 16 Prozent zurück, vor 24 Jahren waren es 26 Prozent.
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Statistisch gesehen wird laut DAV in Deutschland jeder Vierte im Lauf seines Arbeitslebens mindestens einmal berufsunfähig. Nur gut ein Drittel aller 45 Millionen Erwerbstätigen hierzulande hat jedoch eine Berufsunfähigkeitspolice. „Die Arbeitskraft ist aber das wichtigste materielle Gut eines Menschen“, betont DAV-Chef Schneidemann. Er glaubt, dass Deutsche das Risiko unterschätzen: „Die Menschen versichern ihr Smartphone, aber nicht ihre Arbeitskraft und damit ihre Existenzgrundlage.“
Verbraucherschützer bemängeln die Praxis der Policen
Verbraucherschützer dagegen bemängeln, dass eine solche Police oft nur teuer oder gar nicht abgeschlossen werden kann. Denn wer zum Beispiel eine Vorerkrankung mitbringt, muss einen Risikoaufschlag zahlen. Normalverdiener können sich eine solche Police dann oft nicht mehr leisten.
Vier Prozent aller Antragsteller erhalten von Versicherern auch gar kein Angebot, sagt der GDV. Grund sei ein zu hohes oder nicht kalkulierbares Risiko bei bestimmten Berufsgruppen oder Vorerkrankungen. Der Bund der Versicherten (BdV) empfiehlt deshalb den Abschluss einer Berufsunfähigkeitsversicherung in jungen Jahren auch schon vor Berufsbeginn. Antragsteller hätten dann oft keine Vorerkrankungen und keinen prämiensteigernden Risikoberuf.
Berufsunfähigkeit ist nicht gleich Erwerbsunfähigkeit
Eine Berufsunfähigkeitspolice ist für alle wichtig, die nach dem 2. Januar 1961 geboren sind. Bis zu diesem Stichtag besteht nämlich ein staatlicher Schutz. Alle danach Geborenen können sich nur noch privat gegen das Risiko versichern, nicht mehr im zuletzt ausgeübten Beruf arbeiten zu können. Davon unterscheiden muss man Erwerbsunfähigkeit, die weiterhin gesetzlich abgesichert ist. Diese Absicherung greift aber erst, wenn man gar keinen Beruf mehr ausüben kann. Das kommt weitaus seltener vor als Berufsunfähigkeit, die auf die ausschließlich auf die zuletzt ausgeübte Tätigkeit zielt und statistisch jeden Vierten bis Fünften im Arbeitsleben trifft.