Es sei ein Vorurteil, dass naturwissenschaftliche Berufe vor allem etwas für Männer sind, lernen die Wilhelms-Gymnasiasten. Foto: Tilman Baur

Fade Theorie geht anders: Zwei Wissenschaftlerinnen haben rund 40 Schülern des Wilhelms-Gymnasiums in Stuttgart-Degerloch Appetit auf ein naturwissenschaftliches Studium gemacht.

Degerloch - In welchem Bereich arbeiten Mechatroniker denn so?“, fragt Carolin Birk ins Publikum, bestehend aus rund 40 Schülern in der Mensa des Wilhelms-Gymnasiums. Schulterzucken. Birk greift sich eine alte Beinprothese aus Holz, Leder und Kunststoff. „So wurden die Prothesen früher gemacht. Heute sind das High-Tech-Produkte mit Mikrochips. Dafür braucht man Mechatroniker.“ Keine Frage: Die 28-jährige Biotechnologin und Umwelttechnikerin und ihre Kollegin, die 32-jährige Biologin Cathrin Brinkmann, wissen genau, wie man Dinge veranschaulicht und Schüler bei der Stange hält. Das Team von „Coaching4Future“, das die Werbetrommel für naturwissenschaftliche Studienfächer rührt, legt keinen Wert auf Monologe, sondern bezieht die Schüler mit ein.

Durch ein Quiz zum Beispiel, das ganz im Stil des TV-Formats „Wer wird Millionär?“ gehalten ist. Natürlich geht es um eine naturwissenschaftliche Frage. „In deutschen Haushalten lagern circa 85 Millionen alte Handys. Wie viel Gold enthalten diese?“, lautet sie. Ein Schüler meldet sich freiwillig. Er tippt auf 200 Kilo. Es sind 2000. Einen Trostpreis gibt es trotzdem.

Forschung funktioniert, auch wenn sie langwierig ist

Unter dem Motto „Wir wollen die Welt retten!“ zeigen die beiden Frauen, wie man sein Wissen als Biologe, Umwelttechniker oder Ingenieur sinnvoll und nachhaltig anwenden kann. Welche Probleme plagen denn die Welt, will Carolin Birk wissen. Die Schüler strecken: „Überbevölkerung“, sagt einer, „Wassermangel“ ein zweiter, und ein dritter denkt an den Klimawandel.

Ein Problem bestehe im vielen Müll, der in den Weltmeeren schwimmt, erklärt Birk. Er zersetze sich in kleine Teile, werde dann von Fischen geschluckt und lande so wieder auf dem Teller der Verbraucher. 450 Jahre dauere es, bis er wieder ganz abgebaut ist. Doch es gibt Hoffnung: Ein 21-jähriger holländischer Wissenschaftler hat mittlerweile ein „Ozeanreinigungssystem“ entwickelt, das in einem Videoclip präsentiert wird. „Forschung funktioniert, auch wenn sie oft langwierig ist, das zeigt dieses Beispiel“, sagt Cathrin Brinkmann.

Die Veranstaltung hat Interesse geweckt

Auch Studium und Berufsbild spielen in der Präsentation eine Rolle. Was ist der Unterschied zwischen einer Universität, einer Fachhochschule oder einer Dualen Hochschule? In welchem Job sitzt man vorrangig im Büro, und in welchem tigert man auf Baustellen herum? Was machen Bauzeichner eigentlich? Ein weiterer Videoclip zeigt die Ergebnisse einer Straßenumfrage. „Wer ist Ingenieur?“ wurden da Passanten gefragt. „Jemand, der ein bissle höher ist als ein Meister“, sagt da ein Rentner. Eine Frau meint, Ingenieure seien „die perfekten Schwiegersöhne“ und eine andere hält sie für „Mathegenies, die kein Deutsch und kein Englisch können.“ Viele Vorurteile seien das, meint Carolin Birk. Eines davon sei, dass viel mehr Männer als Frauen MINT-Fächer studierten. „Das ist nicht unbedingt so. Im Bereich Biotechnologie gibt es mehr Frauen“, sagt sie.

Nach dem Vortrag kommen die Schüler nach vorn, betrachten die Exponate auf dem Tisch: eine 3D-Brille aus Pappe, Induktionsladegeräte oder Stoffproben einer neuartigen Textiltechnologie, die Feuchtigkeit schneller verdunsten lässt. Für Alexander Vogel hat sich die Veranstaltung gelohnt. „Wie die beiden das visuell umgesetzt haben, das hat mir gefallen“, sagt der 17-jährige. Das sieht auch der 16-jährige Dominic Burckhardt so. Er steht den MINT-Fächern neutral gegenüber, die Veranstaltung habe aber sein Interesse geweckt. Und Tatjana Möller, Mutter zweier Söhne, ist begeistert. „Sie haben es altersgerecht gemacht, die Teenies mit einbezogen und geschafft, dass sie am Ball bleiben.“ Schulleiter Peter Hoffmann sieht das ähnlich: „Es wurde gut dargestellt, was in den Studienfächern konkret läuft. Im Unterricht fehlen dazu oft Zeit und Mittel.“

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