Arbeitsministerin Andrea Nahles und Forschungsministerin Johanna Wanka stellen den Berufsbildungsbericht 2015 vor Foto: dpa

Ein Grund für den Negativrekord: Immer mehr junge Menschen studieren. Der Berufsbildungsbericht 2015 liefert neue Zahlen. In Baden-Württemberg sind vergangenes Jahr rund 6000 Lehrstellen unbesetzt geblieben

Stuttgart - „Papa, Handwerk ist scheiße“ – Rudolf Küchlin war ziemlich perplex, als sein 11-jähriger Sohn ihm dieses Urteil an einem Nachmittag nach der Schule verkündete. „Ich habe mich wirklich gefragt, woher er das hat“, sagt Küchlin, Er ist Abteilungsleiter für Nahrungsberufe an der beruflichen Schule im Hoppenlau in Stuttgart und mit seinem Sohn nicht einer Meinung: „Im Handwerk kann man sich nach wie vor eine goldene Nase verdienen. Es fehlt diesen Berufen an positivem Image.“

Wie wenig eine Ausbildung gegenüber dem Studium wertgeschätzt wird, zeigt sich in den neuen Zahlen des Berufsbildungsbericht 2015, der am Mittwoch vom Kabinett verabschiedet wurde. Die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge sank weiter, die Zahl der unbesetzten Lehrstellen erreichte einen Höchststand, und nach wie vor beginnen viel weniger junge Menschen ohne deutsche Pass eine Ausbildung als Deutsche. In der Region Stuttgart wurden in den IHK-Berufen 2014 im Vergleich zum Vorjahr 2 Prozent weniger neue Ausbildungsverträge abgeschlossen. Der Bericht zeigt Handlungsbedarf. Die Bundesregierung will der betrieblichen Ausbildung mit einem 1,3 Milliarden Euro schweren Förderprogramm auf die Sprünge helfen.

Ob zusätzliches Geld auch Umdenken bei Eltern und Schülern anregen kann, ist fraglich. Genau hier müsse man aber ansetzen, so Küchlin von der Hoppenlau-Schule. Zum Beispiel häuften sich für den Erzieherberuf zur Zeit die Forderungen, ihn zu akademisieren. „Wir drücken Wertschätzung durch ein Studium aus“, sagt Küchlin, „aber viele Eigenschaften, die ein guter Erzieher braucht, kann ein Studium gar nicht ermitteln.“

Auch Christian Rauch fordert, dass Eltern nicht nur auf das Gymnasium schielen und Arbeitgeber zugleich nicht nur auf die Noten der Bewerber schauen sollten. Rauch leitet die Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit. Ebenso warnte IHK-Hauptgeschäftsführer Andreas Richter gegenüber dem Südwestrundfunk, dass die Vorstellung, nur ein Hochschulstudium biete Perspektiven, inzwischen zu einem „Wahn“ geworden sei.

Richter sieht auch im Ausbildungssystem selbst Handlungsbedarf: Hauptschüler könnten den Bedarf der Betriebe nicht decken, da sie den hohen technischen Anforderungen nicht gerecht würden. Eine kürzere Ausbildung mit weniger Theorie und mehr Praxis könnte Hauptschülern größere Chancen eröffnen, so Richter.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: