Sie führen viele Jugendliche in gute Jobs und geben benachteiligten Menschen eine Chance. Doch in der Bildungsreform sind die beruflichen Schulen kaum beachtet worden. Das können wir uns nicht leisten, meint der Rektor Felix Winkler und spricht Klartext.
Die Zahlen sprechen für sich: In Stuttgart gibt es 20 berufliche Schulen, die zahlreiche verschiedene Bildungsgänge anbieten. Etwa 36 Prozent der Stuttgarter Schülerschaft besuchen eine berufliche Schule. Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen können dort allgemeine Schulabschlüsse vom Hauptschulabschluss bis hin zum Abitur erwerben. Allein an den beruflichen Gymnasien machen jedes Jahr etwa 750 Schülerinnen und Schüler Abitur. An den Berufskollegs wird jährlich 780 mal, an den Fachschulen 450 mal die Fachhochschulreife vergeben. Zudem können junge Menschen an den beruflichen Schulen eine Ausbildung oder eine Weiterbildung machen.
Rektor wünscht sich mehr Wertschätzung – auch in Bildungsreform
„Diese Vielfalt deckt eine große Bandbreite ab“, sagt Felix Winkler. Er ist der geschäftsführende Rektor der beruflichen Schulen in Stuttgart und ergänzt: „Wir haben viele Schülerinnen und Schüler aus gut situierten Elternhäusern mit klaren Bildungsbiografien.“ Viele würden über das berufliche Schulwesen in eine sehr erfolgreiche Zukunft starten. Darum hat er kein Verständnis dafür, dass manche Eltern ihre Kinder zum Abitur drängen, obwohl deren Stärken in anderen Bereichen liegen. Winkler wünscht sich ein Umdenken und mehr Wertschätzung für die Ausbildung im dualen System.
Das berufliche Schulwesen umfasst aber auch die sogenannten „Berufsvorbereitenden Bildungsgänge“. Dort werden viele Jugendliche aufgefangen, die es im Leben schwer haben. Manche von ihnen sind abgetaucht, kommen nicht mehr zur Schule, ihre Eltern sind nicht erreichbar.
Rektor Winkler: „Wieder einmal das Gymnasium im Fokus“
Mit dieser Spannweite müssen Felix Winkler und seine Kolleginnen und Kollegen umgehen. Dabei gehe es auf der einen Seite um Innovation. Die beruflichen Schulen sind nah dran an der Wirtschaft und bereiten direkt auf den Job vor, sie bieten „Unterricht auf höchstem Niveau“ und müssen auf der Höhe der Zeit sein. Auf der anderen Seite geht es aber auch um Integration von leistungsschwächeren Jugendlichen oder solchen, die erst seit Kurzem in Deutschland leben. „Wir stehen insgesamt vor immensen Herausforderungen“, sagt Winkler.
Vor diesem Hintergrund findet er es falsch, dass die beruflichen Schulen in der Bildungsreform so wenig Aufmerksamkeit bekommen haben. „Ich sehe die Gefahr, dass die Schwächeren jetzt noch weiter verlieren. Und das können wir uns einfach nicht leisten“, sagt der Rektor. Diese Missstände hinterher wieder aufzufangen und auszugleichen, komme die Gesellschaft um ein Vielfaches teurer als ausgewogene Investitionen ins gesamte Schulsystem. Doch bei der aktuellen Bildungsreform sei wieder einmal das Gymnasium im Fokus gewesen. Weil die Akademikereltern laut gewesen seien. Die schwächeren Schüler hätten hingegen keine Lobby, die eine Elterninitiative ins Leben rufe und Unterschriften für sie sammele. „Die Politik hätte dieses Ungleichgewicht erkennen müssen“, sagt Winkler. „Die Bildungsreform ist eine vergebene Chance.“
In Stuttgart gibt es 20 berufliche Schulen. Sie gliedern sich in verschiedene Schularten:
- Berufsschule – Ausbildung im dualen System (früher die klassische Lehre)
- Berufskolleg – mit engem Theorie-Praxis-Bezug bis zur Fachhochschulreife
- Berufsfachschule – berufliche Bildung bis zur Fachschulreife oder Berufsabschluss
- Berufsoberschule – auf dem zweiten Bildungsweg bis zur allgemeinen Hochschulreife
- Fachschule – Weiterbildung im Beruf bis hin zur allgemeinen Hochschulreife
- Berufliche Gymnasien – das besondere Abitur
Das Kultusministerium informiert im Internet ausführlich über das berufliche Schulwesen.