Beruf: Servicehelfer Hier zählen Talente und nicht Zensuren

Von Martin Braun 

Die Servicehelferin Georgia Kirtzali (l.) und die Bewohnerin Marga Gärtner servieren gemeinsam das Mittagessen in der Senioren-WG Schozacher Straße. Foto: Martin Braun
Die Servicehelferin Georgia Kirtzali (l.) und die Bewohnerin Marga Gärtner servieren gemeinsam das Mittagessen in der Senioren-WG Schozacher Straße. Foto: Martin Braun

Der Beruf der Servicehelfer soll Pflegekräfte entlasten und Hauptschülern eine Perspektive am Arbeitsmarkt bieten. Eine Aufgabe, die Talente zum Vorschein kommen lässt, die ein Schulzeugnis nicht darstellen kann.

Zuffenhausen - Sie hätte auch gerne mehr Geld, kommentiert Rosemaria Röschner lachend den Streik bei der Bahn und in den Kitas. Die 90-Jährige wohnt in einer Senioren-WG an der Schozacher Straße. Neben ihr auf dem Sofa sitzt Georgia Kirtzali, 70 Jahre jünger, und liest ihr aus der Zeitung vor: Von der Situation in Saudi-Arabien, den Klimaschutz-Bemühungen der Bundesregierung und eben vom Streik in Deutschland.

Servicehelfer sollen Pflegekräfte entlasten

Georgia Kirtzali absolviert derzeit eine Ausbildung zur Servicehelferin bei der Else-Heydlauf-Stiftung, zu der auch die Senioren-WG gehört. Sie begleitet die Bewohner der WG durch den Alltag, bereitet das Frühstück vor, macht die Wäsche, geht mit den Senioren spazieren oder einkaufen und liest ihnen zwischendurch auch aus der Zeitung vor. „Wir wollten den Pflegekräften pflegeferne Tätigkeiten wegnehmen“, sagt Werner Feil, Einrichtungsleiter der Else-Heydlauf-Stiftung. Sieben Servicehelfer werden bei der Stiftung derzeit ausgebildet.

Ein Beruf, der gesellschaftliche Tendenzen aufgreift

Servicehelfer ist ein noch recht junger Ausbildungsberuf. Entwickelt wurde er von der Robert Bosch Stiftung. Almut Satrapa-Schill war daran maßgeblich beteiligt. Sie berichtet, dass im Jahr 2005 zwei gesellschaftliche Tendenzen aufgegriffen wurden: Zum einen der Arbeitskräftemangel in der Altenpflege. Zum anderen „sind Hauptschüler kaum im ersten Arbeitsmarkt integriert“, so Satrapa-Schill. Insbesondere Hauptschüler mit einem „nicht so guten Abschluss“ würden häufig durch alle Raster fallen. Für diese Zielgruppe sei die Ausbildung konzipiert worden.

„Es ist eine große Freude, diese jungen Menschen, die vielleicht etwas schulmüde sind, aber viele Talente haben, auszubilden“, sagt Ute Schienmann. Sie leitet das Bildungszentrum des Wohlfahrtswerks. Dort wird der theoretische Teil der Ausbildung unterrichtet – allerdings sehr praxisorientiert. Auf dem Stundenplan stehen Grundlagen der Ernährung ebenso wie motorische Übungen, die Kunst des Smalltalks und ein Ausbildungsknigge in Sachen Empathie, Wertschätzung und Höflichkeit.

Über jene Talente, die ein Schulzeugnis nicht widerspiegelt

Melanie Naumann ist Bildungsreferentin beim Wohlfahrtswerk. Sie sagt, die Berufsfähigkeit der Auszubildenden zu fördern und ihre Persönlichkeit zu stärken, seien die dominierenden Themen des Unterrichts. Sie sei immer wieder überrascht, was die jungen Menschen schon alles erlebt hätten, sagt Naumann. „Deren Talente sieht man im Zeugnis eben nicht.“ Das bestätigt auch Ute Schienmann. Sie hat bei den Auszubildenden „einen unglaublich wertschätzenden, offenen Umgang mit Menschen mit Demenz“ beobachtet. Zudem würden viele von ihnen durch das positive Feedback aus der Praxis zum Weiterlernen motiviert und in ihrem Selbstvertrauen gestärkt.

„Wir erledigen ja auch eine gesellschaftspolitische Aufgabe“, betont Almut Satrapa-Schill. Volkswirtschaftlich sei die Ausbildung hoch interessant, da die Hauptschüler direkt nach ihrem Abschluss in den Arbeitsmarkt integriert und ihnen so berufliche Perspektiven geboten würden. Auch auf der menschlichen Ebene eröffnen sich andere Perspektiven. „Sterben gehört bei uns zum Alltag“, sagt Barbara Barth. Die Leiterin der Senioren-WG erzählt, wie Georgia erst vor wenigen Wochen einem Bewohner in seinen letzten Stunden beigestanden hat. „Das ist eine ganz große Entwicklung für Georgia gewesen.“ Die Zwanzigjährige sagt, sie glaube, dass es dem Mann jetzt besser geht. „Aber man merkt schon, da fehlt was.“ Gelacht wird trotzdem viel an der Schozacher Straße. Auf dem Sofa beim Zeitunglesen und auch jetzt, als die Servicehelferin zusammen mit Marga Gärtner den Tisch fürs Mittagessen deckt. Auch von ihr hat die Auszubildende schon fürs Leben gelernt: „Frau Gärtner hat mir das Backen beigebracht.“ Zur Persönlichkeitsentwicklung tragen in der Senioren-WG also nicht nur existenzielle Erfahrungen bei, sondern auch ganz triviale.

Redaktion Zuffenhausen

Ansprechpartner
Bernd Zeyer
zuffenhausen@stz.zgs.de

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