Der Freiburger Architekt Wolfgang Frey plant riesige Passivhaussiedlungen in China. Jetzt soll ein Megaprojekt in Korntal bei Stuttgart dazukommen. Was treibt ihn an? Eine Begegnung.
Ganz schön schnell meldet er sich, der berühmte Wolfgang Frey. Kaum ist die Anfrage für ein Treffen per E-Mail losgeschickt, ruft er an, etwas aus der Puste. Er komme gerade aus Amerika. Vortrag in Harvard, Boston. Und ein Treffen mit Politikern in Argentinien. Nächste Woche: China.
Der aus Emmendingen am Fuß des Schwarzwaldes stammende Frey, Jahrgang 1960, ist Architekt, Investor, Projektentwickler, Immobilienverwalter. Und er hat eine Mission, und die muss unter die Leute. Mit dem Fernsehen, mit Zeitungsredakteurinnen zu sprechen gehört dazu.
Häuser ohne Heizung
Wolfgang Frey baute 1999 das erste Passivhaus unter ausschließlicher Verwendung regenerativer Materialien. Er plant heute Wohnhäuser, die so gut gedämmt sind, dass sie gar keine Heizung mehr brauchen. „Ein Haus darf erst im Frühling merken, dass es im Winter mal kalt war“, wird er im Gespräch in einem Stuttgarter Café sagen. Seit der Gesellschaft klar geworden ist, dass nicht nur das Bauen klimaschädigendes CO2 freisetzt, sondern vor allem das Wohnen, kann sich Frey vor Anfragen kaum retten.
„Ich erlebe das als Revolution und gebe mein Wissen gern weiter“, sagt er. Und nein, es stimme ihn nicht säuerlich, dass die Welt das erst Jahrzehnte nach ihm kapiert. „Ich bin begeistert über diese Bewegung“, sagt er. „Das ist ein weltweiter Move.“
Es bewegt sich tatsächlich eine Menge – anderswo. In China entstehen monatlich eine Million Wohnungen, während Deutschland nicht die staatlich anvisierten 400 000 schafft – im Jahr. Das rechnet Wolfgang Frey jetzt bei einer Tasse Tee im Café vor. „Wissen Sie“, sagt er, „nachhaltig zu bauen hat nichts mit Öko- und Müsli-Romantik zu tun. Aus altruistischen Gründen macht das keiner.“
Öko-Park in Korntal
Er zeige den Leuten, dass man damit als Investor zugleich wirklich Geld verdienen kann. Und in Ländern mit anderen Regierungssystemen gehe die Umsetzung dieses Wissens eben schneller. „Andererseits, mit Blick auf die aktuelle politische Weltlage bin ich froh, dass wir hier ganz basisdemokratisch demonstrieren können, auch wenn dadurch manches länger dauert.“
Das betrifft das Projekt, das ihn in den nächsten Jahren öfter nach Korntal-Münchingen bei Stuttgart führen könnte. Frey plant das „Terra Project“, Porsche zeigt Interesse, dort zu produzieren. Die Pläne und Bilder suggerieren eine schöne Utopie mit blühenden Landschaften inklusive Industrie auf 16 Hektar Grund.
Alles energieautark, klimaneutral. Und gestapelt, um Boden zu sparen: Unten Produktionshallen, darüber Geschäfte, Grünflächen, Sozial- und Freizeitbereiche und Büros; auf den oberen zehn (!) Ebenen Wohnungen und weitere Büros. Vorsichtig geschätzt 1,1 Milliarden Baukosten. Ein Wow-Projekt.
Probleme mit Tierschützern
Monatelang, berichtet Frey, sei er von Haus zu Haus marschiert, habe bei allen Besitzern der Grundstücke geklingelt, das Projekt erklärt, eigens für den Grunderwerb eine GmbH gegründet. Für alle Äcker habe er sich das Vorkaufsrecht gesichert. „Im Gegenzug bezahle ich den Besitzern, bis es dazu kommt, die fünffache Pacht.“
Auch mit den Tierschützern, die gegen das Projekt mobil machen, habe er gesprochen, ihnen gezeigt – jetzt steht er auf und breitet die Karte auf dem Teetisch aus – , wo überall die zu schützenden Rebhühner gesichtet worden sind und wo nicht. Nicht auf den Grundstücken, die er bebauen will.
Rastloses Werben für ökologisches Bauen
Dass sich aktuell wenig bewegt in Korntal („vor der Bürgermeisterwahl passiert da nichts“), trägt er offensichtlich mit Fassung. Er hat ja genug anderes zu tun, in Freiburg, in Straubenhardt im Enzkreis, in China, Korea und Mittelamerika. Warum tut er das an? Fast nie Zeit, um Fugen von Bach am Klavier zu spielen und in seiner Dreizimmerwohnung zu entspannen. Dafür monatelang Klinken putzen bei schwäbischen Äckerlebesitzern. Studenten in Harvard und Bauleitern in China erklären, warum Solarpaneele an Balkons, Häuserbegrünungen sinnvoll sind. Rastlos über den Erdball eilen. „Es ist ja keine Arbeit, es ist Berufung“, sagt Wolfgang Frey.
Der Mensch kann etwas bewegen
Und mit Politik hat es auch zu tun, genauer: Atommeiler. Wolfgang Frey ist als Teenager in den 1970ern sonntags regelmäßig mit seinem Vater, der ein angesehener Baumeister im Rheintal und Schwarzwald war, mit dem Bürgermeister, dem Pfarrer und bis zu 30 000 anderen Mitstreitern demonstrieren gegangen – gegen den Bau des Atomkraftwerks Wyhl. Die Anti-Atomkraft-Bewegung siegte, das AKW wurde nicht gebaut.
Man habe die Gegner damals gefragt, wie sie denn ohne Strom im Winter überleben wollten. „Mein Vater hat dann schon 1972 erste Kollektoren daheim aufs Dach gepackt. Er hat mit Dämmungen, die damals völlig unbekannt waren, und mit alternativer Energiegewinnung experimentiert. Ich habe von ihm gelernt, dass man nicht nur gegen etwas sein kann, man muss auch für etwas sein. Das hat mich geprägt.“
Jeder Mensch zählt. Wer etwas tun kann, um die Welt besser zu machen, sollte es versuchen. „Wir müssen uns bewegen, dringend handeln“, sagt Wolfgang Frey. Angefangen hat alles mit ersten Bauprojekten im Raum Freiburg, bei denen er zeigte, man kann materialsparend und gut bauen.
Die Projekte wurden größer, Neues kam hinzu, etwa 2010 das deutschlandweit erste mehrgeschossige Mehrfamilienhaus in reiner Holzbauweise. Experimente mit begrünten Fassaden: „Wir haben mit dem Meteorologischen Institut der Uni Freiburg ausgerechnet: Die Temperatur im Stadtraum könnte man dadurch um 2,7 Grad senken.“ Natürlich nur mit selbstrankenden Pflanzen wie Wildem Wein, denn der „brennt fast gar nicht. Efeu dagegen brennt wie Zunder und beschädigt geht in den Putz.“
Und immer wieder: der Rückgriff auf die Bautradition. Frey schiebt sein Laptop über den Tisch, zeigt Bilder von asiatischen Holzhäusern und von Bauernhöfen im Schwarzwald. „Sehen Sie die Gemeinsamkeit?“ Umlaufende Balkone, Holzbretterfassaden senkrecht, großer Dachüberstand.“ So wird das Holz geschützt, das Haus verschattet. „Als junger Architekt will man aber nicht provinziell sein. Und dann wählt man keine vertikale Bretteranordnung, weil es horizontal moderner und besser aussieht.“ Er zieht die Augenbrauen in die Höhe, streicht über seinen Kopf. „Kann ich verstehen, die Eitelkeit. Ich habe mir früher die Haare geschoren, weil es cooler aussah. Haare schützen wie ein uncooler Dachüberstand aber bei Hitze.“
Freiburger Hausbau live zu sehen in China
Heute weiß er es besser. Und er beweist es der Welt. 2010 war die Expo-Weltausstellung in China. Thema: eine bessere Stadt, ein besseres Leben. Deutschland beteiligte sich mit einem Projekt von Frey. „Ich wollte da nicht etwas importieren, was später Müll wird, also haben wir in Echtzeit per Webcam gezeigt, wie in Freiburg ein nachhaltiges Haus entsteht. 80 Millionen Menschen haben das gesehen.“
Seither ist er mit einigen Entscheidern in China gut bekannt. „Es geht immer um Menschen, um die jeweiligen handelnden Personen. Man bekommt Zugang zu den ,big heads’, dem Bauminister zum Beispiel, der jetzt Staatsratbeauftragter ist“, sagt Frey. „Ich habe ihn als aufrichtigen Menschen kennengelernt, der die Stadtplanung wirklich im Guten reformieren will.“
Wald aufforsten in China und Freiburg
Er hilft, etliche Hektar Wald mit aufzuforsten im chinesischen Taiyuan und in der mongolischen Kubuqi-Wüste (Renaturierungsprojekte macht er aber auch im – eigenen – Schwarzwald), zudem entstehen in China riesige Solaranlagen, „die bieten 45 Prozent Abschattung, sodass darunter Gemüsepflanzen gedeihen“.
Damit erklärt er auch seine CO2-unfreundlichen Flüge. „Wenn ich durch meine Arbeit Hunderte Ingenieure in China dazu bringen kann, vor Ort nachhaltige Wärmedämmsysteme kennenzulernen, Wissen in Handwerker-Akademien weitergebe, wenn ich helfen kann, weniger den Planeten zu zerstören, rechtfertigt das meine Fliegerei, auch mein Engagement in Ländern mit fragwürdigem Regime. Weil es nicht um Profit geht, sondern um die Bewahrung der Schöpfung.“
Also hat er nicht gezögert, als die Politik rief. Auch wenn es womöglich erst mal um Imagepflege ging – Deutschland als ökologischer Vorreiter in der Welt – hat Frey die Chance genutzt. Sein 2021 fertiggestelltes Wohnquartier im „German-Sino Ecopark“ ist das Referenzprojekt der chinesischen Regierung für energiesparende Architektur. Eine Passivhaussiedlung in Qingdao auf 70 000 Quadratmetern.
Investor, Bauherr, Planer, Architekt: alles in einem Wolfgang Frey. Nur wenn er alles in Händen habe, könne er garantieren, dass alles so gut wird, wie er angekündigt habe. Was er nicht mehr machen würde: mit einem profitorientierten Baukonzern zusammenarbeiten. „Ich sage: moderate Gewinne ja, Profitgier nein.“
Nein zur Profitgier
Das habe er im „Heidelberg Village“ erlebt, einem Quartier aus 163 Wohneinheiten mit Grünfassaden und Dachgärten. Es habe ihn schier die Existenz gekostet. „Der Konzern stellte vier Monate vor Bauende die Arbeiten ein, weil die Rendite nicht mehr gestimmt hätte. Ich musste 15 Millionen Euro privat leihen, alles verkaufen.“ Es ist gut ausgegangen, das Projekt wurde fertig – aber in Eigenregie, das Grün wächst über die Chose.
So groß gedacht und großartig manches ist, vieles liegt im Argen, in Heidelberg, in China, überall. Und jünger wird Frey auch nicht. „Ja“, gibt er zu, der Tee ist längst ausgetrunken, „ich würde gern manchmal zur Ruhe kommen.“
Aber es müsse jemanden geben, der mit Politikern wie mit Handwerkern reden, Themen erklären, schmackhaft machen, verkaufen kann. „Und was soll ich machen, wenn wieder jemand fragt? Dann muss ich doch hin.“ Manchmal mache das müde, und die Unvernunft der Welt deprimiert auch einen Optimisten wie Wolfgang Frey. „Aber wenn man gegen etwas ist, muss man auch für etwas sein.“
Info
Bücher
Wolfgang Frey hat auch schon Bücher veröffentlicht, darunter „Free Energy .Energiewende verblüffend einfach“ (Herder Verlag). Und „Das Fünf-Finger-Prinzip“ (Herder-Verlag), in dem er seine fünf Prinzipien für Nachhaltigkeit formuliert und mehrere beispielhafte Projekte zeigt.