Endstation Bernhausen: Der Feldhamster auf der Verlängerungstrasse nach Sielmingen und Neuhausen zwingt Filderstadt zu verkehrspolitischen Alternativen. Foto: Jacqueline Fritsch

Der Feldhamster ist neben dem Juchtenkäfer und der Fledermaus ein erfolgreicher Projektverhinderer. Jetzt hat er das Ende der S-Bahnverlängerung von Bernhausen nach Neuhausen eingeleitet – freilich aber nur am 1. April, liebe Leser! Der Hamster war also eine Ente und mehr nicht! Ente gut, alles gut.

Bernhausen - Der Feldhamster hat die S-Bahnverlängerung von Bernhausen über Sielmingen nach Neuhausen zu Fall gebracht. Der Harthäuser Biologe und Naturfotograf Prin Tente hat auf seinem Spaziergang entlang der geplanten S-Bahn-Trasse einige der vom Aussterben bedrohten Tiere fotografiert. „Ich habe auf der Trasse 25 Feldhamster gezählt. Das lässt auf einen Bestand von mehreren hundert hoffen“, sagt der Biologe und BUND-Mitarbeiter italienisch-albanischer Wurzeln. Fotos von der Sensation habe er Oberbürgermeister Christoph Traub gezeigt: „Er ist ganz blass geworden vor Freude.“

Komfortbauten als Lockmittel

Auf Anfrage unserer Zeitung sagte OB Traub: „Mir ist der Feldhamster lieber als der Halsbandschnäpper.“ Kaum vernehmbar ergänzte er: „Trotzdem könnte ich dem Vieh den Hals umdrehen.“ Zum voraussichtlichen Ende der S-Bahn-Verlängerung sagte er: „Das ist bedauerlich, aber wir werden in guter Weise mit dem Problem umgehen. Das Tiefbauamt entwirft gerade unterirdische Komfortbauten für Feldhamster. Wenn wir sie in einiger Entfernung der Trasse bauen und die Hamster überzeugen, dass sie dort angenehmer wohnen können als in ihren eigenen, dann klappt es mit der S-Bahn-Verlängerung doch noch.“

Die Pläne werde Baubürgermeister Reinhard Molt schon am 10. Mai im Technischen Ausschuss präsentieren: „Wir wollen die Kosten in den Doppelhaushalt 2018/19 aufnehmen. Danach werden wir in bewährter Weise Bürgerinformationen in den Stadtteilen veranstalten.“ Und wenn sich die Hamster den neuen Bauten aller Mühe zum Trotz doch verweigern? „Dann geht die Welt nicht unter, denn wir haben ja im Gemeinderat im vergangenen Jahr schon einmal ein Grobkonzept für eine Seilbahn präsentiert. Dann gehen wir eben nicht auf die Schiene, sondern in die Luft.“

Der Hamster muss von der Trasse auf die Fläche

In der Verwaltung und im Gemeinderat, sagte der OB, sei man sich einig, dass der Feldhamster der Stadt unter die Arme greifen könne. Dabei hat der OB die Ortsumfahrung Sielmingens im Blick. Die Stadt lehnt diese ab, aber der Verband Region Stuttgart hat sie im Regionalverkehrsplan seit Ende 2016 wieder auf die Tagesordnung gesetzt. „Wenn wir den Feldhamster von der Trasse in die Fläche bringen können, dann ist auch dieses Projekt erledigt.“

Bei einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz mit Vertretern der Gemeinderatsfraktionen erhielt der OB Unterstützung von den Landwirten. Diesen gingen zwar die Überlegungen der Verwaltung, wegen des Wegfalls der S-Bahn die Feldwege seniorengerecht mit Geländern und alle 500 Meter mit einer Dixi-Toilette für Inkontinente zu versehen, zu weit. In Sachen Hamster zogen sie mit der Verwaltung an einem Strang. Ernst Schumacher, Obmann der Bernhäuser Landwirte und stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Freien Wähler, sagte: „Der Feldhamster ist ein Freund der Bauern. Für ihn geben wir lieber Geld aus als für Straßen, die das fruchtbarste Ackerland der Welt zerstören.“

Hamster haben Potenzial

„Zuerst haben wir uns geärgert, weil eine ökologisch sinnvolle Verkehrsverbindung zerstört ist. Als Verhinderer von Bodenversiegelung hat der Hamster aber Potenzial“, sagte Catherine Kalarrythou, Fraktionsvorsitzende der Grünen. Bessere Bauten wie von der Verwaltung vorgeschlagen, reichten nicht aus: „In freiem Gelände haben die Tiere keinen Schutz vor Greifvögeln. Man muss auch Unterstände bauen.“ Walter Bauer, Fraktionsvorsitzender der Rathaus-SPD, verwies auf betagte Hamster: „Wenn man neue Bauten entwirft, müssen sie behinderten- und seniorengerecht sein und Aufzüge haben.“ In seiner Fraktion gebe es zum Hamster keine einheitliche Meinung: „Frank Schwemmle ist zwar hamsterfreundlich, sieht aber im Vorgehen der Verwaltung vorauseilenden Gehorsam vor dem Naturschutz. Deshalb wird er sich bei Abstimmungen enthalten.“ Alfred Weinmann (SPD) äußerte sich neutral: „Nach am Krieg bin i als Kind über d‘ Felder glaufa. Do hat mr ab und zu an Hamschter gsä. No waret se uff oimal weg. Jetzt sind se halt wieder do, do hanna do.“

Männchen sind kleiner als Weibchen

Der Polizeibeamte und CDU-Fraktionsvorsitzende Willy Stoll sagte: „Solange sich die Feldhamster nichts zu Schulden kommen lassen, haben wir keine Handhabe gegen sie. Wir vertrauen aber darauf, dass sie das Ordnungsamt im Auge behält.“ Die Tatsache, dass Männchen kleiner sind als Weibchen, brachte Monika Strobel (CDU) auf den Plan: „Wenn wir in die Situation kommen sollten, dass wir die Hamster füttern müssen, wie stellen wir dann sicher, dass die Männchen nicht aus Mitleid mehr Futter bekommen als die Weibchen?“

Die scherzhafte Antwort des OB, er esse schließlich auch immer ein Schnitzel mehr als seine Frau, ohne dass die Ehe Schaden nehme, vermochte die pensionierte Richterin nicht zufriedenzustellen: „Mir geht es darum, dass wir nicht zum Nachteil der Frauen handeln, nur weil sie größer sind. Wer ist denn für die Fütterung zuständig, wenn sie einmal von Nöten ist, und sind da auch Frauen dabei, die darauf achten, dass alles gerecht verteilt wird?“ – „Zum Füttern kommen die Männer vom Bauhof infrage. Wir werden sie mit Politessen des Gemeindevollzugsdiensts ergänzen“, sagte der OB.

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