Bernd Leno spielt für den FC Arsenal – im Nationalteam muss er sich hinten anstellen. Foto: Getty

Torhüter Bernd Leno spricht im exklusiven Interview über die Schwierigkeiten seiner Rolle, das einst angespannte Verhältnis zu Konkurrent Marc-André ter Stegen und den Abgang vor acht Jahren vom VfB Stuttgart.

Hamburg - Bernd Leno ist die Nummer drei in der Torhüter-Hierarchie der Fußball-Nationalmannschaft. Auch diesen Freitag gegen die Niederlande in Hamburg (20.45 Uhr/RTL).

 

Herr Leno, Sie erobern in London bei einem internationalen Topclub die Fußballwelt, sind jetzt gerade wieder mit der Nationalelf auf Reisen – wie wichtig ist Ihnen da noch Ihre Heimat?

Die bedeutet mir sehr viel. Ich habe durchweg schöne Erinnerungen an meine Jugend in Bietigheim und Stuttgart. Ich war jetzt im Sommer wieder drei Wochen in Bietigheim, ich habe dort noch sehr viele Freunde, so wie auch in Stuttgart, wo ich ja während meiner Zeit in der VfB-Jugend auf die Cottaschule gegangen bin.

Wie oft schaffen Sie es noch nach Hause in diesem eng getakteten Terminkalender – in England gibt es ja nicht einmal eine Winterpause.

Stimmt, das macht es nicht einfacher. Die Englischen Wochen kommen ja während der Saison auch noch dazu. Aber so alle sechs bis sieben Wochen bin ich in Bietigheim, das ist mir wichtig, und das gibt mir Kraft.

Und dann geht der Top-Keeper mit den alten Kumpels zum Kicken?

Das ist schwierig, weil die Jungs ja auch immer ihren Alltag haben und ich meist nach spätestens zwei Tagen wieder weg muss. Wir gehen dann was essen, ein bisschen quatschen, zusammen lachen, Spaß haben, das tun, was man in der Ferne vielleicht manchmal vermisst. Das geht dann immer besonders gut in der Sommerpause, wenn man wirklich mal ein paar Wochen zu Hause ist, um Zeit mit seinen alten Freunden und mit seiner Familie zu verbringen.

Von Bietigheim in die weite Fußballwelt – jetzt sind Sie gerade mal wieder mit der Nationalelf auf Reisen, in der Sie seit Jahren ein fester Bestandteil sind. Allerdings stehen Sie in der öffentlichen Wahrnehmung stets im Schatten der großen Zwei im Tor, von Manuel Neuer und seinem Herausforderer Marc-André ter Stegen. Wie gehen Sie mit dieser Rolle um?

Das gehört dazu. Ich freue mich sehr, wieder dabei zu sein, nachdem ich ja bei der WM 2018 am Ende nicht nominiert wurde. Die Torhüterposition ist sehr speziell. Es geht nicht von heute auf morgen, dass man spielt. Man muss sich die Dinge über Jahre erarbeiten. Manche Keeper haben sechs oder sieben Jahre lang gewartet, bis sie zum Zug kamen, man braucht Geduld. Ich selbst mache mich aber nicht verrückt, im Fußball kann es manchmal ganz schnell gehen. Man weiß nie, was passiert.

Aber wie bitter ist es, als Top-Keeper, der bei einem internationalen Top-Club in der mutmaßlich stärksten Liga der Welt Stammkraft ist, zur Nationalelf zu reisen und zu wissen, dass man nur die Nummer drei ist und zu 99 Prozent nicht zum Einsatz kommen wird?

Es fällt schwer, da muss ich auch gar nicht drumherum reden, so ehrlich muss man immer sein. Ich glaube, diese Leistungsdichte im Tor gibt es auch bei keiner anderen Nation auf der Welt. Trotzdem: man ist Teil der Nationalmannschaft, das sollte man generell immer zu schätzen wissen. Man hat ja auch nicht irgendwen vor sich, sondern zwei absolute Top-Leute. Man muss sich einordnen, ständig im Training anbieten und immer an sich arbeiten.

Mit welcher Hoffnung?

Es geht im Fußball manchmal sehr schnell. Ich wünsche keinem eine Verletzung, nie – aber als sich René Adler vor der WM 2010 verletzte, kam Manuel Neuer plötzlich zum Zug, und hat das Torwartspiel verändert. Mein tägliches Brot ist der FC Arsenal – wenn ich dort meine Leistung wie bisher bringe, habe ich immer die Chance, den nächsten Schritt zu machen.

Sie kennen Ihren Torwartkollegen Marc-André ter Stegen schon seit Jugendzeiten, Sie haben etliche Junioren-Nationalteams gemeinsam durchlaufen – über Ihr lange nicht ganz einfaches Verhältnis als Konkurrenten kursieren die wildesten Geschichten. Einmal sollen Sie sich zu Jugendzeiten sogar durchs Hotelzimmer gejagt haben.

Der Kindergarten ist vorbei. Wir wissen beide, wie der Hase läuft (lacht). Wir arbeiten professionell zusammen, auf und neben dem Platz. Wir standen zusammen im Kader bei der EM 2016 und ein Jahr später beim Confed-Cup, es passt alles zwischen uns.

Wie war und ist denn Ihr Verhältnis?

Wir müssen nicht die besten Freunde sein, um gut zusammenarbeiten zu können und auch unseren Spaß zu haben. Es ist alles gut, wir respektieren uns beide sehr. Unsere Rivalität war auch früher schon nie so groß, wie sie medial oft gemacht wurde. Man hat uns immer ein bisschen zwanghaft mit den großen Rivalen Oliver Kahn und Jens Lehmann verglichen, weil Marc eben immer der etwas Extrovertiertere auf dem Platz war und ich eher der Ruhigere. Also war Marc plötzlich Kahn und ich Lehmann, das war aber eher ein Medienthema und wurde höher gehängt als es war – es ist dann gefühlt bei jedem so hängen geblieben in der öffentlichen Wahrnehmung.

Sie beide haben schon jetzt große Karrieren hingelegt, ter Stegen steht beim FC Barcelona im Tor, Sie seit vergangenen Sommer beim FC Arsenal – und die Einigung mit den Gunners erfolgte ausgerechnet an jenem Tag, als Sie der Bundestrainer Joachim Löw aus dem WM-Kader 2018 strich.

Ja, das war schon verrückt. Es war ein trauriger Tag für mich – aber dann aufgrund der Einigung mit Arsenal auch irgendwie wieder ein guter Tag. So läuft das manchmal im Fußball. Ich habe gar nicht so lange über die verpasste WM nachgedacht, weil ich auf das neue Abenteuer beim FC Arsenal vorbereiten konnte und musste.

Nach mehr als einem Jahr auf der Insel – wo liegen die Unterschiede zwischen dem deutschen und dem englischen Fußball?

Die Premier League ist tatsächlich die beste Liga der Welt. Die Spiele haben mehr Qualität. Es gibt mehr Fernsehgelder, mehr Sponsoreneinnahmen, dazu Investoren, das führt zu teureren Transfers. So können auch vermeintlich kleinere Clubs mal mehr als 100 Millionen Euro für neue Spieler ausgeben. Das Geld lockt dann natürlich viele gute Profis nach England, weshalb die Kader besser aufgestellt sind als in anderen Ligen.

Wo gibt es sonst noch Unterschiede zum deutschen Fußball?

Der Rasen in England hat in jedem Stadion eine unfassbare Qualität, egal, wo du hinkommst. Das ist unglaublich. Ich weiß nicht, wie die das alle hinbekommen. Und die Schiedsrichter lassen viel mehr laufen und durchgehen, weshalb das Spiel viel schneller ist – und ich mich auch im Fünfmeterraum ganz anders behaupten muss als in der Bundesliga.

Und was erleben Sie mit Ihrem Club?

Das ist der Wahnsinn! Der Verein hat eine enorme Strahlkraft auf der ganzen Welt, das habe ich sogar im Vorfeld etwas unterschätzt. Wir waren im Sommer in Los Angeles und haben gegen den FC Bayern gespielt. Es waren 50 000 Zuschauer da, und das waren gefühlt alles Arsenal-Fans. Am vergangenen Wochenende hatten wir das Nord-London-Derby gegen Tottenham (2:2, Anm. d. Red.), da war die ganze Stadt in Aufruhr. Schon Tage vorher sind die Leute mit Arsenal-Trikots rumgelaufen. Arsenal ist der mit Abstand bedeutendste Club in London, nicht Tottenham, nicht Chelsea, nicht West Ham. Das hätte ich so alles nicht erwartet, das ist echt verrückt.

Verrückt war gewissermaßen auch Ihr Ende in Stuttgart vor acht Jahren, als Sie nach Jahren in der VfB-Jugend und in der zweiten Mannschaft ohne ein einziges Bundesligaspiel auf dem Konto mit 19 Jahren zu Bayer Leverkusen wechselten. Wie genau kam das damals zustande, im Sommer 2011?

Es gab ja eine Vorgeschichte – ich hatte zuvor zwei Jahre lang in der zweiten Mannschaft des VfB in der dritten Liga gespielt, ich habe gute Leistungen gebracht, und mir wurde von Vereinsseite immer wieder gesagt, wie toll ich bin. Nur durfte ich nie mit den Profis trainieren - und als ich dann offiziell aus der A-Jugend rausgekommen bin, hat sich schnell gezeigt, dass ich erst einmal weiter in der zweiten Mannschaft bleiben soll. Das war enttäuschend für mich – aber ich war ja auch erst 19, das darf man nicht vergessen.

Und dann kam das Angebot aus Leverkusen.

Genau. Der damalige Bayer-Stammkeeper René Adler hatte sich schwer verletzt, und Leverkusen hat mich zunächst für ein Jahr ausgeliehen. Ich habe meine Chance genutzt und durfte bleiben.

Sie starteten ohne jede Erstliga-Erfahrung sofort durch, spielten nach ein paar Wochen Champions League beim FC Chelsea – wie groß war und ist die Genugtuung noch heute, es in Stuttgart allen gezeigt zu haben?

Ich hatte nie das Gefühl, dass ich es beim VfB irgendjemandem beweisen musste, ich habe auch nie Groll gehegt, im Gegenteil. Der VfB hat damals die Entscheidung gegen mich getroffen – es hatte für beide Seiten im Rückblick etwas Gutes. Der VfB hat meine Ablöse (rund 7,5 Millionen Euro, Anm. d. Red.) in einen neuen Stürmer investiert (Vedad Ibisevic) und man muss auch sagen, dass Sven Ulreich als damaliger Torwart gut gehalten hat. Ich bin jedenfalls überhaupt nicht sauer oder nachtragend – und wünsche dem VfB sehr, dass er schnell wieder aufsteigt. Denn dieser Verein gehört in die Bundesliga.