Das Berliner Schloss steht schon, die Schale davor nicht – der Projektentwurf. Foto: Milla&Partner

Gut, dass der Tag der deutschen Einheit vorbei ist. Denn wie wenig es da zu feiern gibt, zeigt ja auch das Elend um das Berliner Denkmal für dieselbe, meint unser Kolumnist Tim Schleider.

Gut, dass unser nationaler Festtag vorbei ist – inzwischen weiß man ja wirklich gar nicht mehr, wie all die offizielle Einheits-Freiheits-Friedlichkeits-Symbolik noch zu ertragen ist angesichts eines politischen Apparates, der vor sich hin bröselt, und einer Gesellschaft, in der die Wutpöbeleien immer neue Tabugrenzen reißen. „Tag der deutschen Einheit“? Nie seit 34 Jahren wirkte er so verzwungen wie gestern.

 

Ein Traum von Preußen

Und an keinem anderen Ort symbolisiert sich die Malaise für mich so klar wie in der Mitte unserer Hauptstadt, am Berliner Stadtschloss. Nach außen wirkt die penibel rekonstruierte Barockfassade des Preußenschlosses wie eine sauber ziselierte 3-D-Simulation, ein Schein-Wahrheit gewordener süßer Traum vorwiegend älterer Semester von deutscher Geschichte – und im Innern müht sich eine Humboldt-Forum titulierte völkerkundliche Sammlung, aus fernen Ländern exotische Boote, Hütten und Masken zu präsentieren, dabei irgendwie aber auch mit der seit einiger Zeit brodelnden postkolonialen Debatte konform zu gehen. Der Gesamteindruck aus diesem kakophonen Neben- und Ineinander ist schlicht bizarr.

Und sollte nicht auch noch vor dem Schloss ein topmodernes Denkmal an die friedliche DDR-Revolution von 1989 und die durch sie möglich gewordene Vereinigung von West- und Ostdeutschland 1990 erinnern? Der Bauplatz, auf dem seit Jahr und Tag die sogenannte Einheitswaage entstehen soll, ist seit Wochen und Monaten schon verwaist; irgendjemand aus dem Baukonsortium ist wohl pleite gegangen. Gibt der Bundestag nicht noch mehr Geld, bleibt’s dabei.

Was sollte noch mal auf den Deckel?

Wir erinnern uns: die einst vom Stuttgarter Büro Milla und Partner konzipierte begehbare Betonschale kann je nachdem, wie sich die Menschen auf ihr platzieren, in sanfte Bewegung geraten. Das war eine tolle Idee, um den legendären historischen Ruf „Wir sind das Volk“ in leibhaftig erlebbare Gegenwart zu überführen. Aber womöglich kriegen wir Deutsche gerade auch so etwas einfach nicht mehr hin. Das einzig Gute daran: Es bleiben uns so die vermutlich unerträglichen Reden zur Eröffnung erspart. Und vielleicht fragt sich ja dann die übernächste Generation mal, was auf diesem komischen Deckel mitten in Berlin eigentlich stehen sollte.