Null Gegenwartsbezug: „Pinocchio“ mit Roberto Benigni (links) Foto: Berlinale//Greta de Lazzaris

Die erste Hälfte der Berliner Filmfestspiele unter neuer Leitung ist geschafft. Und: weht da ein frischer Wind? O weh, höchstens ein laues Lüftchen – daran kann auch ein neuer „Pinocchio“-Film mit Italiens Schauspielstar Roberto Benigni nichts ändern.

Berlin - Wie eine kleine Heilige wirkt die Klima-Aktivistin Greta Thunberg auf einer großen Anzeige, die einen in Arbeit befindlichen Dokumentarfilm über sie bewirbt: Mit gefalteten Händen und ernstem Gesicht blickt sie in die Kamera. Wenn 17-Jährige zu Erlöserfiguren stilisiert werden, muss wirklich etwas im Argen liegen, weit übers Meteorologische hinaus. Umso erstaunlicher ist, wie wenig sich die Apokalypse, die Greta zu Recht beschwört, in den Arbeiten anderer Filmemacher spiegelt – zumindest, wenn man auf die Hauptreihen der derzeit laufenden Berlinale schaut.

Der frühere amerikanische Krawall-Regisseur Abel Ferrara („Bad Lieutenant“) zum Beispiel zeigt in „Siberia“ (Wettbewerb) einen alten weißen Mann, der seine Seele dort sucht, wo abgesehen von ihm selbst die allermeisten Zuschauer nichts werden finden können. Man sieht Willem Dafoe, wie er Eis- und Sandwüsten durchwandert, in der Küche seiner Kindheit landet und unterwegs immer wieder mit blutiger Gewalt und kryptischen Dialogen konfrontiert wird. Dieser Film erinnert an jenen, in den einst der britische Komiker Mr. Bean in seiner zweiten Kinosatire (2007) beim Filmfestival in Cannes geriet: „Playback“ heißt das Werk, das einen mittelalten weißen Mann auf Sinnsuche zeigt – gespielt ebenfalls von Willem Dafoe. Ferrara ist also immerhin eines gelungen: Realsatire.

Walt Disney war schon 1940 weiter

Der Italiener Matteo Garrone hat 2018 in „Dogman“ das Elend im Stiefelstaat gezeigt am Beispiel einer tristen Küstensiedlung, in der ein kleiner Hundefriseur einem lokalen Gewalttäter die Stirn bietet. In seiner aktuellen Verfilmung von „Pinocchio“ (Berlinale Special) dagegen, der schätzungsweise 30. des Kinderbuches von Claudio Collodi von 1881, schafft es Garrone, nicht den kleinsten Gegenwartsbezug herzustellen. Völlig unkommentiert werden in hübscher Märchenkulisse werkgetreu Kinder geschlagen, wird Pinocchio erhängt und später in Eselgestalt mit einem Stein um den Hals im Meer versenkt, alles unterlegt mit der wüsten Gehorsamsmoral, mit der schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts das deutsche Kaiserreich die späteren Schergen für Hitler heranzog. Ein lustig dazu kaspernder Roberto Benigni als Gepetto macht die Sache sogar noch schlimmer. Da war Walt Disney schon 1940 weiter, nicht nur tricktechnisch – und die brillante Märchensatire „Shrek“ (2001) sowieso.

Schon unter Berlinale Ex-Chef Dieter Kosslick gab es Ausfälle im Hauptprogramm, weil A-Fimfestivals wie in Berlin nun mal Weltpremieren im Wettbewerb wollen, und die sind nicht einfach zu bekommen. Dem neuen Festivalchef Carlo Chatrian eilte aus Locarno der Ruf eines versierten Kurators voraus. Zur Halbzeit fehlen aber, von wenigen Ausreißern wie Christian Petzold abgesehen, die großen Höhepunkte. Eine Theorie dazu geht so: In Locarno (Anfang August) bekam Chatrian die Abgelehnten aus Cannes (Mai), die beim Zweitversuch auch aus Venedig (Anfang September) eine Absage eingeheimst hatten. Bis zur nächsten Berlinale (Februar) mochte dann aber niemand mehr warten – also schenkte man die Premiere Locarno. Und weil das Berliner Festival-Einkaufszentrum am Potsdamer Platz, das euphemistisch „Arkaden“ heißt, gerade saniert wird alle Geschäfte vernagelt sind, fallen auch die die Schlangen an den einsamen Kartenhäuschen diesmal deutlich kürzer aus.

Brasiliens Befreiung als Kammerspiel

Im Kino freut man sich deswegen schon über kleine Ansätze. Den von Gewalt begleiteten Umbruch Brasiliens von einer Sklavenhaltergesellschaft zur Republik Ende der 1880er Jahre zeigen Caetano Gotardo und Marco Dutra in „Todos os mortos“ („All die Toten“, Wettbewerb). Das hätte „Vom Winde verweht“ auf brasilianisch werden können. Doch im Kammerspiel im Stadthaus ruinierter Kaffeebarone stecken die befreiten Sklaven in ihren Traumata fest, und die weißen Ex-Herrscher in Untergangsfantasien. Da wird geredet und geredet, während draußen vorm Gittertor der Karneval vorüberzieht, den man gerne aus der Nähe gesehen hätte.

Noch gibt es die zweite Berlinale-Hälfte. Wenn sie so wird wie die erste, könnte Willem Dafoe in seinem nächsten Film das Festival selbst verkörpern – auf Seelensuche.

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