Das Berlinale-Leitungs-Duo Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian musste eine politische Entscheidung treffen. Foto: dpa/Jens Kalaene

Das Berlinale-Festival muss mehr tun für den Anspruch, als weltoffen und tolerant zu gelten. Die ausgewählten Filme für sich sprechen zu lassen, reicht nicht, kommentiert Redakteurin Carolin Klinger.

Mit dem Beginn der 74. Berlinale wird in der Hauptstadt wieder zeitgenössische Filmkunst gezeigt, Stars der Filmbranche auf dem roten Teppich begrüßt und die Preisvergabe mit den Goldenen Bären zelebriert. Die Berlinale gilt als eines der bedeutendsten Filmfestivals der Welt – und, wie es im eigenen Leitbild heißt, als das politischste. In diesem Jahr spielen politische Themen auch abseits der Leinwand eine große Rolle. Gewerkschaften wollen den roten Teppich nutzen, um auf die Arbeitsbedingungen in der Filmbranche aufmerksam zu machen. Internationale Krisen wie der Nahostkonflikt nehmen Einfluss auf die Filmwelt. Und nicht zuletzt musste das Leitungsduo der Berlinale selbst eine politische Entscheidung treffen, als es um die umstrittenen Einladungen an AfD-Abgeordnete zur Eröffnungsgala ging.

 

Das traditionsreiche Filmfestival, das an diesem Donnerstagabend mit dem Film „Small Things like These“ von Regisseur Tim Mielants eröffnet wird, steht für Weltoffenheit und Toleranz und will bewusst einen Raum für friedliche Dialoge bieten. Leider verpassten die Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek und der Künstlerischen Leiter Carlo Chatrian die Chance, diesen Dialog auch selbstbewusst zu führen, als sie selbst in die Kritik gerieten.

200 Filmschaffende wandten sich gegen eine Einladung der AfD

Es verwundert kaum, dass in einer politisch aufgeladenen Zeit manches zum Problem wird, was vorher keine Beachtung fand. Konkret geht es um die Einladungen zur Eröffnung der Berlinale, die an Mitglieder des Kulturausschusses des Deutschen Bundestages gingen. Darunter befinden sich auch zwei AfD-Abgeordnete, die die Einladung annehmen wollten. Seit 2017 sitzt die AfD im Bundestag und im Berliner Abgeordnetenhaus und seitdem erhält sie auch Einladungen zur Berlinale.

Doch in diesem Jahr nahmen rund 200 nationale und internationale Filmschaffende daran Anstoß und forderten die Berlinale-Führung in einem Offenen Brief dazu auf, die Einladungen zurückzunehmen. Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek wollte dies zunächst nicht tun, berief sich darauf, dass die AfD-Vertreter nun mal durch demokratische Wahlen in die Parlamente gelangt sind. Diese Ansicht hätte sie weiterhin vertreten können. Aufgrund des öffentlichen Drucks ruderte die Berlinale-Leitung zurück und lud die Abgeordneten aus.

Hochaktueller Film über Auschwitz-Prozess wird nicht gezeigt

Es ist verständlich, dass sich einige Filmschaffende unwohl bei dem Gedanken fühlten, die Berliner AfD-Landesvorsitzende Kristin Brinker, die an einem Treffen mit Rechtsextremen teilgenommen haben soll, zu einem Filmfestival der Weltoffenheit einzuladen. Doch was wäre mehr passiert, als dass sie die Möglichkeit bekommen hätte, ihren cineastischen Horizont zu erweitern? Dies auszuhalten, gehört zum demokratischen Prozess dazu. Stellung beziehen kann man trotzdem.

Ob es für ein politisches Filmfestival reicht, die ausgewählten Filme für sich sprechen zu lassen, wie es Rissenbeek ursprünglich wollte, muss man anzweifeln. Zumal die Berlinale den historisch hochaktuellen Film „Die Ermittlung“ von Regisseur R.P. Kahl über den ersten Auschwitz-Prozess in Frankfurt überraschenderweise ablehnte.

Richtig problematisch ist allerdings ein Satz von Rissenbeek, den sie vor der Ausladung der AfD-Abgeordneten in einem Interview mit dem Radiosender „Deutschlandfunk Kultur“ äußerte: „Als Festival politisch zu agieren, gerade in Zeiten, wo man nicht weiß, wo die Politik sich hinentwickelt, ist ja auch eine große Gefahr.“ Dem muss man klar widersprechen. Gerade weil man nicht weiß, wo sich die Politik hinentwickelt, ist es wichtig, Stellung zu beziehen. Weil sonst ein so weltoffenes Filmfestival eines Tages nicht mehr möglich sein könnte.