Tag der Deutschen Einheit in Berlin. Foto: dpa

Was tun, wenn die Lage besser ist als die Stimmung? Zum 3. Oktober suchen Politiker nach Rezepten gegen die Fliehkräfte im Land. Ein Vorschlag dabei lautet: Mehr Respekt füreinander.

Berlin - Vom Glück ist häufig die Rede, wenn es am jüngsten Feiertag der Republik um die Deutsche Einheit geht, oder von einem Geschenk. „Nur mit Euch“ heißt das Motto an diesem 3. Oktober, ausgedacht hat man sich das im Roten Rathaus, weil die Hauptstadt dieses Jahr die Feiern veranstaltet. Doch die lange vorbereitete Bürgerfestmeile hat es schwer, bei Regen und eiskalten Windböen die Menschen aus ihren Häusern zu locken. Ministerien, Bundesländer, Behörden haben ihre Zelte aufgestellt – praktisch an allen Orten will der Staat mit seinem Souverän ins Gespräch kommen. Nur der Souverän, der ist ein bisschen zurückhaltend.

Die zentrifugalen Kräfte

Die friedliche Revolution, so sagt es der Regierende Bürgermeister Michael Müller beim Festakt in der Staatsoper Unter den Linden, die habe es nur gegeben, weil Menschen gemeinschaftlich für Demokratie und Menschenrechte gestritten hätte. Und so will er auch diesen Tag verstanden wissen: als Zeichen an diejenigen, die einen Keil in diese Gesellschaft treiben wollten. Gesucht also wird ein Wir-Gefühl – nur: es versteckt sich im Moment irgendwo. Wo immer sich gerade Politiker zu Wort melden, so eint sie quer über die Parteigrenzen hinweg ein Befund: Im Land geht es gerade mitunter zu wie in einer Zentrifuge.

„Die Mauer, die uns trennte, ist Geschichte. Dafür entstehen heute an anderer Stelle Fliehkräfte, die unsere Gesellschaft auseinander treiben wollen“, sagt der evangelische Berliner Bischof Markus Dröge beim ökumenischen Gottesdienst im Berliner Dom. Danach findet das statt, was im offiziellen Protokoll des Tages den Titel trägt „Programmpunkt: Begegnung der Verfassungsorgane mit der Bevölkerung“. Doch wer aus dem Dom heraus die Stufen hinunter zum Berliner Lustgarten tritt, den erwarten Absperrgitter und dahinter vielleicht drei Dutzend Menschen.

Vielleicht ist dieses traditionell berlinerische Desinteresse an den Repräsentanten des Staates ein Fortschritt im Vergleich zu den hassdurchwirkten Szenen von vor zwei Jahren in Dresden. Aber die Wut von Dresden ist nicht verschwunden. 2000 rechte Demonstranten sind bei der Einheitsfeier aufmarschiert und haben sich mit etwa 1000 Gegendemonstranten Schreiduelle geliefert. Seit dem Wochenende sitzen acht Männer in Untersuchungshaft, weil sie einen rechtsterroristischen Anschlag gegen die Republik geplant haben sollen, die hier gefeiert wird. Die Männer entstammen jener gewalterfahrenen Neonaziszene, die in Chemnitz auf die Straße ging. Nun wird zum Festakt deutlich, dass die Ereignisse von Chemnitz möglicherweise als Weckruf in die Mitte hinein wirken. Den längsten Applaus erhält Michael Müller, als er Demokratie, Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Solidarität als Erfolgsrezept dieses Landes dekliniert und fordert: „Wir dürfen nicht zulassen, dass die Minderheit einer neuen Rechten die Deutungshoheit über das Errungene an sich reißt und dabei unsere Grundwerte missachtet.“

Respekt für harte Lebenserfahrungen

Aber auch die Sache mit den Fliehkräften und den Gründen für deren Entstehen beschäftigt die Festredner. „Viele von uns können sich kaum vorstellen, was es heißt, wenn über Nacht alle Gewissheiten wegbrechen“, sagt Müller. Als „Zeit tiefer Einschnitte und Verlustängste“ beschreibt er die Lebenserfahrungen vieler Ostdeutscher in den vergangenen 28 Jahren. „In dieser Zeit entstanden auch Wunden.“

Bekenntnis zum Unperfekten

Dass in der gegenwärtig polarisierten Debatte die mühsame demokratische Kernkompetenz des Differenzierens gern vergessen wird, daran erinnert Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble. „Ohne den Versuch, einander anzuhören geht es nicht“, so Schäuble – und die Vielfalt bezeichnete er als „Wert an sich“, der Neugierde erfordere, und das Interesse am Austausch. „Auch in Deutschland begegnet uns die populistische Anmaßung, wieder das ‚Volk’ in Stellung zu bringen, gegen politische Gegner, gegen vermeintliche und tatsächliche Minderheiten, gegen die vom Volk Gewählten.“ Der Souverän aber sei keine Einheit, sondern eine „Vielheit widerstreitender Kräfte“.

Der Bundestagspräsident spricht in seiner Rede auch den wachsenden Wunsch nach raschen, perfekten Lösungen an. Die Politik müsse eingestehen, dass sie nicht alle Probleme lösen könne. „Wir müssen lernen, mit dem Unperfekten zu leben. Wer das Perfekte anstrebt, landet in der Diktatur.“ Schäubles Rezept: ein „Dreiklang für einen zeitgemäßen Patriotismus: Selbstverstrauen, Gelassenheit, Zuversicht.“

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