Wolfgang Schaible war maßgeblich daran beteiligt, dass das Bergwerk in Spiegelberg-Jux wieder besichtigt werden kann. Zum Zehn-Jahr-Jubiläum offenbart ein 200 Seiten starkes Buch nun Geheimnisse seiner Geschichte.
Eigentlich war es keine Idee, sondern eine Notwendigkeit. Oder besser gesagt: Manfred Schaible fühlte sich geradezu verpflichtet, die ganzen Aufschriebe aus dem Arbeitsheft sowie die recherchierten Materialien zu einem Buch zu verarbeiten. Herausgekommen ist ein knapp 200 Seiten dickes Werk, in dem der 73-Jährige die Leser mitnimmt auf eine Zeitreise zur Wetzsteinmacherei in Spiegelberg-Jux. Sie beginnt im späten Mittelalter, folgt anhand alter Gemeinderatsprotokolle dem genossenschaftlich organisierten Abbau im 19. Jahrhundert, der von 1880 bis 1911 mit dem europaweit einzigartigen Wetzsteinstollen seinen Höhepunkt erreichte.
Wolfgang Schaible dokumentiert den Weg bis zum Besucherbergwerk
Aber auch die Wiederentdeckung des Stollens im Jahr 2001, seine Aufwältigung – also die erneute Inbetriebnahme des bereits stillgelegten Bergwerkes – und der Weg bis zur Eröffnung als Besucherbergwerk schließlich im Jahr 2012 finden Raum in den Kapiteln von Schaible. Herausgebracht hat der Pädagoge, Gemeinderat, Heimatforscher und Tüftler das Buch anlässlich des zehnjährigen Bestehens des Wetzsteinstollens als Besucherbergwerk. Das Jubiläum wurde zum Tag des Schwäbischen Waldes groß gefeiert, mit Überraschungswanderungen, zahlreichen Führungen, einem offiziellen Akt und natürlich mit Genuss.
Dass die historische Stätte im Spiegelberger Teilort Jux wieder öffentlich begangen werden kann, geht maßgeblich auf Manfred Schaible zurück. Er hatte immer wieder von seinem Plan erzählt, den alten Stollen aufzuspüren. Schaible erinnert sich an viele Gespräche, doch die Hinweise waren immer falsch. Doch dann stieß er tatsächlich auf einen damals 82-jährigen Mann, der sich erinnerte. Sein Vater habe einst in dem Stollen gearbeitet, so der alte Mann. Er führte Schaible zu dem Ort, an dem der sogenannte „Neue Bruch“ eröffnet worden war.
Die Ehrenamtlichen wühlten sich durch Matsch und Gestein
Manfred Schaible und ein paar Helfer machten sich sofort an die Arbeit, sie wühlten sich mit Spaten und mit einem Bagger durch den Waldboden. Nach ein paar Tagen stießen die Höhlensucher auf die rechte obere Ecke des Stollenmunds. Die Höhle war zunächst kaum mehr zu erkennen, denn die Sohle war meterhoch mit Gesteinsbrocken und Matsch bedeckt. „Ich bin da einfach so reingerutscht in das ganze Projekt. Seitdem gibt es unermüdlich zu tun, und uns fehlt der Nachwuchs. Wie ich mich da mal zurückziehen soll, ist mir nicht klar.“ Bedenkt man, dass Schaible und zwei, drei andere Ehrenamtliche in den vergangenen Jahren unermüdlich geschuftet, ungezählte Samstage geschaufelt haben, verwundert das nicht.
Während ihrer Arbeit führten die Männer ein Arbeitsheft, eine Art Tagebuch. Darin wurde täglich penibel festgehalten, wer was wann gemacht hat. „Das diente als Grundlage fürs Buch. Nebenher hab ich recherchiert und alte Gemeinderatsprotokolle gefunden“, so Schaible. Er stöberte im Juxer Archiv. Ein Nachbar, der noch Sütterlin lesen konnte, half ihm bei der Übersetzung. Der Vorsitzende des Fremdenverkehrsvereins, Klaus Frank, half bei der Fleißarbeit. „Ich habe mich um den Text und die Bilder gekümmert, er war für die Formatierung zuständig.“ Schaible rekonstruierte chronologisch die Geschichte der Wetzsteinmacherei. Eigentlich wollte er zur Eröffnung 2012 fertig sein, aber damals war er noch berufstätig, und es gab einfach zu viel zu tun, bis das Besucherbergwerk damals Ende September eröffnet werden konnte. Bis es soweit war, wurde aber nicht nur fröhlich gebuddelt, sondern die Hobby-Historiker erlebten auch Rückschläge.
In Jux seien bereits Anfang des 19. Jahrhunderts Wetzsteine hergestellt worden. Als die Brüche nicht mehr ergiebig waren, habe man sich entschieden, einer Gesteinsschicht in den Berg hinein zu folgen. Es blieb ihnen gar keine andere Wahl: Die Juxer mussten sich in den Hang hinein graben. Bald wurde eine unterirdische Rollbahn gebaut, um die Steinbrocken an das Tageslicht zu befördern.
In alten Dokumenten heißt es, der Stollen führte im Jahr 1899 bereits 150 Meter weit waagerecht ins Erdreich hinein. 1903 wurde von der Sparkasse ein Darlehen gewährt zur Erneuerung des hölzernen Ausbaus des Bergwerks. 1911 bewirkte ein Gutachten des Gewerbeamts, dass die Wetzsteinproduktion in Jux eingestellt werden musste. Drei Jahre später pachtete ein Spiegelberger Geschäftsmann den Stollen, ließ ihn wieder frei graben und nahm die Produktion wieder auf. 1922 wurde der Stollen erneut geschlossen.
Rund ein Viertel des alten Bergwerks ist mittlerweile freigelegt
Heute sieht es anders aus: Rund ein Viertel des alten Bergwerks ist freigelegt, der Stollen ist so gut ausgebaut, dass er gefahrlos betreten werden kann. Alle 80 Zentimeter sind Stahlträger installiert. Ohne Führer und Helm dürfen Besucher den Stollen aber nicht betreten. Führungen werden von Mai bis September jeweils am 2. und 4. Sonntag des Monats angeboten. Für Gruppen sind nach Absprache auch Führungen unter der Woche möglich. „Gerade Geologen sind begeistert, weil der Stollen den Blick in verschiedene Gesteinsformationen zulässt“, sagt Schaible.
Das Buch „Die Wetzsteinmacherei in Jux“ ist zum Preis von 12,50 Euro während der Öffnungszeiten am Stollen erhältlich oder über m.schaible−spi@t-online.de bestellbar. Vor der Winterpause ist der Stollen noch am 3. und am 9. Oktober geöffnet. Weitere Infos gibt es unter http://www.wetzsteinstollen.de.
Geschichte der Wetzsteinproduktion
Großer Bedarf
Unterhalb von Spiegelberg-Jux wurde schon seit dem Mittelalter Kieselsandstein abgebaut und zu Wetzsteinen zum Schärfen von Sensen und Messern verarbeitet. Das Besucherbergwerk Wetzsteinstollen ist ein stummer Zeuge dieser Zeit, in der – europaweit einzigartig – das wetzsteintaugliche Material im Bergwerk abgebaut wurde. Der Bedarf an Wetzsteinen war überall sehr groß, denn zum Mähen von Gras oder Getreide benutzten die Bauern lange Zeit ausschließlich Sensen oder Sicheln.
Begehrtes Spitzenprodukt
Um 1800 beschäftigten sich auch Bauern aus Jux im Nebenerwerb mit der Wetzsteinmacherei und sicherten durch dieses begehrte „Spitzenprodukt“ in ihrem Hausierhandel das Überleben ihrer Familien. Im Jahr 1825 verbot dann aber die königliche Forstverwaltung das „wilde Graben nach Wetzsteinen“ und erhob die nicht unerhebliche Gebühr von einem Gulden. Daraufhin beschloss der Juxer Gemeinderat, einen Steinbruch offiziell zu betreiben und so der Bevölkerung ihr Zubrot zu erhalten. Die Gemeinde übernahm die Pacht und stellte zwei „Plattenbrecher“ für den Betrieb des Steinbruchs ein.