Am 30. November schließt die Bereitschaftspraxis in Herrenberg, ein halbes Jahr später auch die Notaufnahme der Klinik. Welche Alternativen gibt es für Patienten zu den Randzeiten?
Akute Bauchschmerzen, hohes Fieber oder starke Schmerzen beim Wasserlassen – wenn einem eine dieser Erkrankungen am Abend oder am Wochenende heimsuchen, bleibt oft nur noch der Gang zur Praxis des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes. In Herrenberg ist diese am Klinikum angesiedelt. In der Gäustadt wird es dieses Angebot bald aber nicht mehr geben, denn am späten Nachmittag des 30. November gehen in der Bereitschaftspraxis die Lichter aus.
Für die Entscheidung, die Anlaufstelle bei Anliegen, die sonst auf dem Tisch eines niedergelassenen Arztes landen würde, zu schließen, erntete die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) Kritik. Allein der Böblinger Landrat warf der KVBW vor, „verantwortungslos“ zu handeln.
Bereitschaftspraxis sei nie „Notfallpraxis“ gewesen
Eine Kehrtwende in dieser Frage ist kaum denkbar. Kai Sonntag, Sprecher der KVBW, verteidigt den Beschluss, ab Dezember keine Bereitschaftspraxis mehr in der Gäustadt zu betreiben, so: „Die KVBW hat den Auftrag, die Regelversorgung sicherzustellen. Das heißt, Patienten müssen zu den regulären Praxissprechzeiten die Möglichkeit einer ärztlichen Behandlung erhalten. Die Versorgung in den Randzeiten, am Wochenende und an Feiertagen ist durch die Lücke nicht zu stemmen.“ Notfälle müssten ohnehin durch die Klinik-Notaufnahmen und den Rettungsdienst behandelt werden, sagt der Sprecher.
Drei-Kriterien-Konzept soll Versorgungssicherheit gewährleisten
Rund 1000 Ärztinnen und Ärzte fehlten laut KVBW aktuell im Land. Das erschwere die Besetzung des Bereitschaftsdienstes. Da immer mehr Ärzte angestellt seien, fielen auch diese weg, denn sie unterliegen keiner Dienstpflicht. „Das Reservoir wird weiter schrumpfen, da die Quote an angestellten Ärzten ansteigen wird und 20 Prozent der Hausärzte im Land 65 Jahre und älter ist“, betont Kai Sonntag. Die in den nächsten Jahren anstehende Ruhestandswelle bei der Babyboomer-Generation verstärke die Entwicklung.
Mit der Schließung des Herrenberger Bereitschaftsangebots sollen Bürgern in Zukunft dennoch ein medizinisches Netz offen stehen – in größerer Fahrdistanz. Das Konzept sieht vor, dass – erstens – in jedem Stadt- und Landkreis eine Bereitschaftspraxis besteht. Zweitens, diese Anlaufstellen sind an Notaufnahmen angebunden. Und drittens: Praxen müssen für 95 Prozent aller Bürger innerhalb von 30 Minuten, für 100 Prozent innerhalb von 45 Minuten eine Praxis erreichbar sein. Auf die Kritik, dass künftig nur noch Patienten mit Auto Bereitschaftspraxen erreichen könnten, antwortet Sonntag: „Schon heute müssen Patienten abends oder am Wochenende faktisch ein Auto nehmen.“
Konkret stehen Gäubewohnern von Dezember an die Praxen in Sindelfingen und Tübingen zur Verfügung. Beide Einrichtungen verstärkten ihre Kapazitäten. Ein Monitoringsystem soll Aufschluss darüber geben, wie stark die beiden Ausweichpraxen sowie die Notaufnahmen ausgelastet sind. „Wir werden im ersten Quartal wöchentlich eine Auswertung vornehmen. Sollte es in den Ambulanzen eine Patientenflut geben, können wir personell dagegensteuern“, versichert der Sprecher. Digital wurde das Angebot der KVBW bereits ausgebaut: „Telemedizinische Angebote wie die Videosprechstunde über „docdirekt’ oder die Unterstützung durch die 116 117 stehen immer zur Verfügung“, so Sonntag.
Die Kreisärztevorsitzende Annette Theewen sieht keine Versorgungskrise: „Wer Versorgung benötigt, wird sie finden.“ Dass die Unannehmlichkeiten größer werden, ist sie dennoch überzeugt: „Für Patienten wird es unbequemer, bei einfachen Erkrankungen einen Arzt aufzusuchen.“ Herrenberg sei unter der Woche ohnehin nur wenige Stunden offen gewesen, merkt die Ärztin an. Die Einrichtung von Ausweichpraxen, die digitalen Angebote sowie die Entwicklung der 116 117 bewertet Theewen positiv. Und: „Es wird in Herrenberg und Umgebung weiter einen Hausbesuchsdienst geben.“
Die von Theewen erwähnten Leistungen der KVBW haben den Böblinger Landrat bei seiner Bewertung nicht milde gestimmt. Aufgrund der wegbrechenden, wohnortnahen Versorgung von Patienten in und um Herrenberg schoss Bernhard scharf: „Die KVBW entzieht sich ihrer Verantwortung, wälzt ihren Sicherstellungsauftrag und die Kosten eiskalt auf unsere Kliniken ab.“ Der betroffene Klinikverbund Südwest kritisierte die Entscheidung ebenfalls. Beim finanziell gebeutelten Klinikbetreiber befürchtet man ein höheres Aufkommen in den Notaufnahmen. Das erhöhe nicht nur die Arbeitsbelastung, sondern auch das Millionedefizit.
Kreisärzteschaft sieht keine dramatische Entwicklung kommen
Welche Auswirkungen die Praxisschließung haben wird, ist noch ungewiss. Da im Mai 2026 aber auch die noch bestehende Notaufnahme des Klinikums Herrenberg dicht machen wird, müssen sich Patienten im Gäu spätestens ab Sommer nächstes Jahr Gedanken über die Versorgung von medizinischen Problemen außerhalb der regulären Sprechzeiten machen.
Ärztliche Versorgung im Kreis
Bereitschaftspraxis
Am 30.11. wird die Herrenberger Bereitschaftspraxis am Klinikum zum letzten Mal Patienten betreuen. Ingesamt 900 Patienten haben pro Jahr die Praxis aufgesucht.
Infoveranstaltung
Am Montag, 24. November, informiert die Kassenärztliche Vereinigung ab 18.30 Uhr Patienten über die bevorstehende Einstellung des stationären ärztlichen Bereitschaftsdienstes in Herrenberg. Veranstaltungsort ist die Alte Turnhalle, Seestraße 31, in Herrenberg.