Beratungsstelle in Stuttgart Unabhängige Patientenberatung vor dem Aus

Von Carolin Stihler 

Patientenberaterin Monika Müller im Gespräch mit einer Patientin Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Patientenberaterin Monika Müller im Gespräch mit einer Patientin Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Die Stuttgarter Beratungsstelle wird es voraussichtlich nur noch bis Ende des Jahres geben. Künftig soll die Beratung wohl ein Call-Center übernehmen, dessen Unabhängigkeit bezweifelt wird.

Stuttgart - Die Rechnung von ihrem Zahnarzt kommt der 70-jährigen Dame recht hoch vor. Weil sie aber keine Vergleichsmöglichkeiten hat, ist sie einfach zur Beratungsstelle in der Gaisburgstraße nahe dem Olgaeck gekommen. Obwohl sie vorher keinen Termin ausgemacht hat, wird sie von Patientenberaterin Monika Müller beraten. Doch beim Verabschieden muss diese der älteren Dame mitteilen: „Wir sind noch bis Ende Dezember 2015 für Sie da. Wie und ob es danach mit uns weitergeht, können wir leider noch nicht sagen.“

Seit 2006 gibt es die Beratungsstelle in Stuttgart – eine von insgesamt 21 regionalen Anlaufstellen der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland (UPD). Im Dschungel des Gesundheitswesens, in dem es die Patienten mit Ärzten, Krankenhäusern, Krankenkassen, Pharmaindustrie und vielen anderen zu tun haben, sollen die Beratungsstellen Patienten über ihre Rechte aufklären und ihre Möglichkeiten aufzeigen. Die Anfragen kommen per Telefon oder E-Mail. Doch viele Ratsuchende schnappen sich auch ihre Unterlagen und lassen sich persönlich beraten. „Im Schnitt kommen 15 Ratsuchende pro Woche vorbei, 65 rufen an“, sagt Müller. Egal ob diese sich eine zweite Meinung bei medizinischen Fragen einholen wollen oder das Gefühl haben, von der Krankenkasse zu wenig Unterstützung zu bekommen – Monika Müller und ihre beiden Kolleginnen beraten sie – und zwar kostenlos, neutral und unabhängig, wie es der Gesetzgeber verlangt. Alle fünf Jahre wird der Beratungsauftrag neu ausgeschrieben.

Der Auftrag wird mit neun Millionen Euro pro Jahr ausgestattet

Doch bei dem aktuellen Vergabeverfahren ging die UPD leer aus. Angeblich soll die Firma Sanvartis aus Duisburg stattdessen den Zuschlag bekommen. Diese betreibt Call-Center für Krankenkassen und Pharmafirmen. Die Entscheidung trifft der Spitzenverband der Krankenkassen, der das Beratungsangebot laut Gesetz auch bezahlen muss. Der Auftrag gilt künftig für sieben Jahre und wird mit neun – statt wie bisher mit fünf Millionen Euro – pro Jahr ausgestattet.

„Es ist für uns ausgeschlossen, dass eine Firma, die auch für die Krankenkassen arbeitet, unabhängig beraten kann“, kritisiert Monika Müller. Ihrer Meinung nach liegt der Verdacht nahe, dass der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) die bisherige UPD loswerden will, weil sie zu kritisch war. „Ein Großteil der Ratsuchenden kommt zu uns, weil sie Probleme mit den Krankenkassen haben“, sagt Müller. Die bisherige UPD ist nicht davor zurückgeschreckt, die Interessen der Patienten gegenüber der Krankenkassen zu vertreten und Probleme mit den Kassen öffentlich zu machen. „Dazu sind wir schließlich per Gesetz verpflichtet“, bekräftigt Müller.

Ob diese Verpflichtung auch eingehalten werden kann, wenn eine Firma gegen den eigenen Brötchengeber beraten muss? Einige Vertreter aus Politik und Ärzteschaft zweifeln das inzwischen an. „Ich halte es für sinnvoll, dass eine Kostentransparenz der Krankenkassen durch die Patientenberatung gewährt wird. Das wird aber künftig nicht mehr funktionieren, weil bei dem Call-Center eine Abhängigkeit da ist“, sagt Dr. Markus Klett, Vorsitzender der Ärzteschaft Stuttgart.

IGES-Institut bescheinigt der Patientenberatung gute Qualität

Dagegen ist sich Karin Maag (CDU), Bundestagsabgeordnete aus Stuttgart, sicher, dass die Unabhängigkeit der Beratungsstellen auch künftig garantiert sein wird. „Allerdings dürfen wir uns zu einem laufenden Vergabeverfahren nicht äußern“, sagt sie.

So halten sich auch die Bundesregierung und der GKV-Spitzenverband mit Verweis auf das laufende Verfahren bedeckt. „In Zukunft sollen die Beratungsstellen besser erreichbar sein als bisher“, sagt Karin Maag. Dies sei ein wichtiges Kriterium bei der Vergabe gewesen. Dass Ratsuchende im Schnitt 2,5-mal anrufen müssen, bis sie einen Berater erreichen, hat das Berliner IGES-Institut herausgefunden. Abgesehen von diesem Kritikpunkt bescheinigte das Institut der UPD jedoch immer eine hohe Beratungsqualität. Zudem sind die Berater in den Regionen stark vernetzt.

„Was gibt es für einen Grund, von uns abzurücken?“, fragt sich Monika Müller. Schließlich stehe künftig mehr Geld für die Beratungen zur Verfügung: „Damit können wir auch effizienter arbeiten.“ Sie und die anderen Berater der bundesweiten Anlaufstellen verlieren zum Jahresende ihren Job: „Dabei waren sind wir mit viel Herzblut dabei.“ Sie befürchtet, dass durch ein Call-Center der regionale Bezug und die Möglichkeit zu einem persönlichen Gespräch verloren geht.

„Die regionalen Beratungsstellen werden mit Sicherheit erhalten bleiben“, verspricht Karin Maag. Ob diese jedoch das Vertrauen der Ratsuchenden gewinnen können, bleibt abzuwarten. Eine Petition, die man im Internet unterschreiben kann, hat bereits über 20 000 Unterstützer gefunden. Die Träger der UPD haben Einspruch gegen das Verfahren bei der Vergabekammer in Bonn eingelegt. Bis Ende August wird das Ergebnis erwartet.

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