Sabine Wörner-Fischer im Beratungsgespräch. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Die ambulante Beratungsstelle ist für Krebskranke und Angehörige eine notwendige Anlaufstelle zur Orientierung. Wenn sich kein dritter Financier findet, muss sie schließen.

Stuttgart - Jedes Jahr suchen rund 2800 Menschen den Rat der Krebsberatungsstelle. 460 Erkrankte und 241 Angehörige aus Stuttgart und der Region sind im Lauf des vergangenen Berichtsjahres zu Einzelberatungen, Gruppenangeboten, psychologischer Betreuung oder Gesprächen gekommen. Im April wollte das Team aus sechs Psychologinnen und Sozialpädagoginnen mit seinen Klienten und Partnern das Zehn-Jahres-Jubiläum feiern. Doch nicht allein die Corona-Pandemie machte dem Fest einen Strich durch die Rechnung: „Wegen der unwägbaren Finanzierung der Krebsberatungsstelle ist uns dies leider nicht möglich“, lässt die Psychoonkologin Sabine Wörner-Fischer wissen. „Das ist nicht der richtige Zeitpunkt für ein Fest.“

Krebs! Die Krankheit ist lebensbedrohlich, die Diagnose niederschmetternd. Sie setzt ein wildes Kopfkino in Gang, und nur im Umgang mit Krebskranken Geschulte sind in der Lage, Orientierung zu geben. Die ambulante Krebsberatungsstelle ist eine Anlaufstelle, in der Betroffene und ihre Angehörigen zur Ruhe kommen können, wo ihnen bei den ersten Schritten geholfen wird, wo Gespräche Halt und sozialrechtliche Informationen Sicherheit geben. In Zusammenarbeit mit Kliniken, Praxen und Institutionen entstehen Wegweiser im Behandlungsdschungel, für Jüngere gibt es separate Gruppenangebote.

Stiftung springt seit Jahren ein

Im Grunde setzt die Krebsberatungsstelle Stuttgart eines der Ziele des Nationalen Krebsplans von 2008 um: die flächendeckende psychoonkologische Versorgung aller Erkrankten und Angehörigen. Damit sie für alle zugänglich ist, sind die Angebote kostenlos, Einnahmen über Gebühren gibt es also nicht. „Seit mehr als zehn Jahren kommt die Deutsche Krebshilfe, eine Stiftung, unter anderem für diese Krebsberatungsstelle in Stuttgart auf“, sagt Ulrika Gebhardt, die Geschäftsführerin des Krebsverbands Baden-Württemberg. Der Verband ist Träger der Beratungsstelle und mithin auch Arbeitgeber des dort tätigen Teams. Wäre die Stiftung nicht eingesprungen, „hätten wir schließen müssen“, sagt Gebhardt. Bisher sei jedes Jahr im Oktober die Zusage der Stiftung fürs folgende Jahr gekommen, diesmal sei sie ausgeblieben. „Momentan bezahlen wir die Personalkosten von jährlich 270 000 Euro aus Rücklagen und aus einer kleinen Erbschaft. Auch die Stadt unterstützt uns, trotzdem halten wir ohne Regelfinanzierung nicht lang durch“, so Ulrika Gebhardt.

Sozialversicherungsträger gefragt

Seit 2017 warte man auf eine Regelfinanzierung, zumal das Sozialgesetzbuch V eine solche vorsieht: Für die gesetzlichen und privaten Krankenversicherungen ist festgeschrieben, dass sie sich vom 1. Juli 2020 an und rückwirkend seit 1. Januar 2020 an der Förderung der Krebsberatungsstellen beteiligen, mit bis zu 21 Millionen Euro jährlich. Dies entspräche dem Anteil psychoonkologischer Leistungen, die rund 40 Prozent der Arbeit der Beratungsstellen ausmachten, erläutert die Bundestagsabgeordnete Karin Maag (CDU) und gesundheitspolitische Sprecherin der CDU/CSU Bundestagsfraktion. Die Summe decke jedoch nicht den gesamten Leistungsumfang ab. „Mir persönlich ist es ein wichtiges Anliegen, dass die Finanzierung der Krebsberatungsstellen gesichert ist. Mit Kolleginnen und Kollegen aus Union und SPD habe ich am 13. November 2019 den Bundesminister für Arbeit und Soziales gebeten zu prüfen, ob auch die anderen Sozialversicherungsträger einen Beitrag leisten können, habe aber bislang keine Antwort erhalten“, lässt Karin Maag wissen.

Auch eine Anfrage unserer Zeitung bei Bundesminister Hubertus Heil brachte keine Klarheit. Laut Bundesministerium für Arbeit und Soziales „dauert die Prüfung noch an“. Und: „Die Ergebnisse der Prüfung bleiben abzuwarten.“ Nun ist das Fest, das geplant war für 600 bis 1000 Leute, wegen des Coronavirus ohnehin abgesagt worden. Aber auch ohne Pandemie hätte man dafür keine 10 000 Euro ausgeben können, sagt Sabine Wörner-Fischer von der Krebsberatungsstelle Stuttgart. Sicher ist nur: „Wir holen das Fest nach.“

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