Welche Anlage darf es sein? Wenn Roboter in der Zukunft auch Finanzberatung machen, sollten sie freundlicher schauen als dieses auf der Hannover Messe im Frühjahr präsentierte Exemplar. Foto: dpa

Der Roboter – Dein Freund. Bei deutschen Banken ist die Digitalisierung der Finanzberatung noch nicht so ganz angekommen. Das soll sich jetzt ändern.

Stuttgart - Schon in ein paar Jahren vielleicht könnte die persönliche Bankberatung kaum mehr eine Rolle spielen. Statt am Schalter werden Geldanlagen dann im Internet gesteuert, Aktienkäufe mit Hilfe von Robotern abgewickelt und Anlagenstrategien per App geplant. Tatsächlich geschieht vieles davon schon jetzt so oder ähnlich, sagt Christian Rieck, Professor für Finance und Wirtschaftstheorie an der Frankfurt University of Applied Sciences. „Was die Bankberater heute machen, ist im Grunde eine Übersetzungsrolle. Sie vermitteln den Kunden lediglich das, was Zentralabteilungen oder Algorithmen im Hintergrund zusammenstellen“, sagt Rieck.

Elektronik statt Fleisch und Blut

Finanzberatung durch Roboter statt Anlagenberater aus Fleisch und Blut: Was in den USA schon weit verbreitet ist, ist hierzulande ein noch immer kaum bekanntes und wenig bedachtes Phänomen, mitunter gar ein Horrorszenario für viele aus der Branche. Werden also künftig monoton sprechende Metallkästen die Bankberater ersetzen? Christian Rieck winkt ab. In seinem Buch „Können Roboter mit Geld umgehen?“ skizziert er, wie die Veränderung vonstatten gehen könnte – nämlich „völlig unspektakulär“. „Wir werden kaum merken, wie sich das Ganze allmählich in unser Leben einschleichen wird“, sagt der Wissenschaftler.

Das Ganze funktioniert denkbar einfach: Die Kunden verraten dem Roboterberater via Internet ihre Risikoneigung, Vermögensdetails und Sparziele – und bis wann sie diese Ziele erreichen möchten. Mittels Algorithmen berechnet die Maschine dann ein individuelles Portfolio, legt das Geld entsprechend an, stößt fallende Aktien ab und verteilt die Anlagen neu. Auch die Roboterberater arbeiten nicht fehlerfrei – aber emotionslos und nüchtern. Sie können das Netz in Sekundenschnelle durchforsten, pausenlos rechnen. Als künstliche Intelligenzen bezeichnet Rieck die Beratungstechnologie.

Banken haben Trend verschlafen

Doch die Banken hierzulande haben sich dem Trend zur elektronischen Anlageberatung bislang eher verweigert. „Sie haben das Problem durchaus erfasst“, sagt Rieck. „Aber sie sind in einer schlechten Position, weil sie das Filialnetz haben – und ja auch nicht von heute auf morgen ihre ganze Organisation entwerten können.“ Denn: Elektronische Anlagenberatung durch Roboterberater greifen die Arbeitsplätze klassischer Finanzberater an – und machen diese nach und nach ersetzbar. Statt sich mental auf die Veränderungen einzustellen, setzen Banken noch auf Vorteile wie Vertrauen, persönlichen Kontakt und Sympathie. „Ein Auslaufmodell“ nennt Rieck die persönliche Bankberatung in der Filiale. Auch Kaufportale im Internet haben sich inzwischen durchgesetzt – obwohl sie zunehmend die Geschäfte aus den Innenstädten vertreiben.

„Das veränderte Kundenverhalten wird in den kommenden Jahren einen Rückgang der Filialkapazitäten von 30 bis 50 Prozent erfordern“, sagt Til Klein, Retail-Banking-Experte der Boston Consulting Group. Die Digitalisierung von Beratungsleistungen werde sich auf die Erträge deutscher Banken insbesondere im Privatkundengeschäft auswirken, zeigt eine Untersuchung des Beratungsunternehmens. Bis zu 25 Prozent könnten die Erträge in den nächsten fünf Jahren im schlechtesten Fall sinken. „Die Digitalisierung erlaubt es, gleichzeitig den Kundennutzen und die Effizienz zu steigern. Um diese Chance wahrzunehmen, sollten die etablierten Banken ihre Geschäftsmodelle fundamental ändern. Dafür bleibt ihnen nicht mehr viel Zeit“, sagt Klein.

Kleine Firmen springen in die Bresche

Denn während die großen Banken hierzulande in Schockstarre verweilen, machen sich kleine Start-ups in der Finanzbranche die Möglichkeiten der Digitalisierung zunehmend zunutze: Fintechs werden sie genannt – eine Abkürzung für „Financial Technology“. Sie bieten ein breites Spektrum an Finanzdienstleistungen, die Kunden in einer App oder mittels eines Online-Kontos ganz ohne Bankberater nutzen können. Dazu gehören Bezahlsysteme fürs Smartphone, mobile Girokonten, Kreditplattformen oder eben automatisierte Anlagenberatungen.

Mehr als 12 000 solcher Fintechs gibt es inzwischen weltweit. Sie sitzen im Silicon Valley, in London und zunehmend auch in Berlin. Lange wurden die innovativen Start-ups von den etablierten Banken nur als Bedrohung wahrgenommen. Inzwischen investieren einige deutsche Banken zumindest zögerlich in Fintechs, gehen Kooperationen mit ihnen ein oder bauen eigene Labors auf.

Unaufhaltsame Digitalisierung

Die Digitalisierung der Finanzberatung scheint also unaufhaltsam. Ganz ungefährlich ist sie aber nicht, sagt Christian Rieck. „Wir bekommen durch die Vernetzung Abhängigkeiten und Rückkopplungen, die vorher nicht da waren. Mitunter können solche Systeme ganz plötzlich zusammenbrechen und keiner weiß, warum – ähnlich wie die spontanen Börsenstürze Ende der 80er Jahre.“ Eine Gefahr sei auch, dass die Finanzmärkte irgendwann ein Eigenleben entwickeln, völlig losgelöst von der Realität. Dann würde – vielleicht – gar ein Horrorszenario wie aus den „Terminator“-Filmen Wirklichkeit: Von Robotern, die ein Eigenleben führen und alles kontrollieren – auch das Geld.

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