Auch Kindern kann sexualisierte Gewalt widerfahren (Symbolbild). Die Beratungsstelle Thamar ist auch für deren Angehörige da. (Symbolbild) Foto: Annette Riedl/dpa

Sexualisierte Gewalt kann jeden treffen. Die Beratungsstelle Thamar in Böblingen und Leonberg unterstützt Betroffene. Eine erfahrene Mitarbeiterin gibt Einblicke.

Eine Mutter von zwei Kindern geht mit Freundinnen in der Weihnachtszeit feiern. Ihr werden heimlich K.o.-Tropfen ins Getränk gemischt, später wird sie vergewaltigt. Die Freundinnen finden die desorientierte Frau und handeln schnell: Gemeinsam gehen sie zur Polizei und ins Krankenhaus, um Spuren sichern zu lassen. Zudem wendet sich die betroffene Frau an Thamar, eine Beratungsstelle gegen sexualisierte Gewalt im Kreis Böblingen.

 

Die Frau landet bei Karin Zimmermann. Die Diplom-Pädagogin arbeitet seit 13 Jahren bei Thamar und unterstützt mit vier weiteren Beraterinnen Frauen, Kinder und Jugendliche bei der Bewältigung von Gewalterfahrungen.

Sexualisierte Gewalt hat viele Gesichter

„Die meisten Betroffenen stellen sich die Frage: ,Wie gehe ich mit dem Erlebten um?‘“, erzählt Zimmermann. Gemeinsam mit ihnen sucht sie nach Lösungen und hilft bei der Verarbeitung der oftmals traumatischen Erfahrungen.

Dabei erleben Zimmermann und ihre Kolleginnen ein breites Spektrum an Erlebnissen, denn sexualisierte Gewalt hat viele Gesichter: Dazu zählen Stalking, Belästigung oder sexueller Missbrauch – unangemessene Berührungen, erzwungenes Küssen oder das Zeigen pornografischen Materials. Ebenso gehört die extremste Form sexualisierter Gewalt dazu, die Vergewaltigung, eine nicht einvernehmliche orale, anale oder vaginale Penetration.

„Es ist unfassbar, wie stark manche Menschen sind“, sagt Zimmermann über ihre Arbeit. „Aber es ist auch furchtbar zu sehen, wie manche daran zerbrechen.“

Qualifizierte Beratung für Betroffene und Angehörige

Die Mitarbeiterinnen von Thamar sind hoch qualifiziert. Sie nehmen regelmäßig an zertifizierten sowie an internen Fortbildungen bei Dachverbänden teil. So werden sie für den professionellen und zugleich sensiblen Umgang mit Kindern, Jugendlichen und Frauen geschult, die sexualisierte Gewalt erfahren haben. Auch psychosoziale und pädagogische Fachkräfte wie Lehrer oder Sozialarbeiterinnen sowie Freunde und Angehörige können sich hier beraten lassen.

Karin Zimmermann hilft Betroffenen sexualisierter Gewalt seit 13 Jahren. Foto: Thamar

So wandte sich kurz vor Weihnachten eine Mutter an Thamar. Sie machte sich Sorgen, weil ein Onkel ihren sechsjährigen Sohn zum „heimlichen Colatrinken“ in den Keller einlud – und die Tür abschloss. Die Mutter befürchtete Schlimmes. Karin Zimmermann führte mehrere Gespräche mit ihr und riet, auch den Vater mit einzubeziehen. So konnten die Eltern gemeinsam ihre Beobachtungen austauschen und letztlich ihren Sohn schützen.

Weitere Schritte werden nur dann gegangen, wenn sich die Angehörigen sicher sind, dass es sich um Anbahnungsversuche handelt. „Wir entscheiden nicht, sondern befähigen dazu, selbst zu entscheiden“, erklärt Zimmermann.

Sexueller Missbrauch: Wie man bei einem Verdacht richtig handelt

Zudem betont sie, wie wichtig es sei, mit Kindern zu sprechen und ihnen klarzumachen, dass sie sich öffnen dürfen. Dabei sollten sie nicht suggestiv ausgefragt werden. Vielmehr gehe es darum, ihnen behutsam die Hand zu reichen. Ein Ansatz sei es, Kindern beizubringen, gute von schlechten Geheimnissen zu unterscheiden und ihnen zu vermitteln, dass schlechte Geheimnisse ausgesprochen werden dürfen. „Du darfst mit allem Bauchweh und komischen Dingen zu mir kommen“, sei etwa ein Angebot, das man machen könne.

Eine frühzeitige Konfrontation des potenziellen Täters mit den Beobachtungen empfiehlt Zimmermann hingegen nicht. Zu groß sei die Wahrscheinlichkeit, dass dieser leugne oder Druck auf das Opfer ausübe, um Stillschweigen zu erzwingen. Die Mutter habe daher genau richtig gehandelt, so Zimmermann: „Ruhe bewahren und sich Beratung holen.“ Von übermäßiger Recherche im Internet rät sie ebenfalls ab, da diese eher überfordern könne.

„Missbrauch und Gewalt kann überall und jedem passieren“

Mit ihrer Arbeit bei Thamar will Zimmermann das Thema sexualisierte Gewalt weiter enttabuisieren. „Sexueller Missbrauch und sexualisierte Gewalt kann überall und jedem passieren“, sagt sie. Viele Menschen wögen sich aber in falscher Sicherheit und wollten sich nicht mit dem Thema auseinandersetzen. Besonders das Thema sexualisierte Gewalt an Männern sei noch eine Tabuzone. Dabei seien etwa 20 Prozent der Betroffenen Männer und Jungen.

„Wir würden es deshalb sehr begrüßen, wenn es im Landkreis Böblingen ein Angebot für betroffene Männer gäbe“, sagt die Beraterin. Thamar selbst berät erwachsene Frauen, Kinder und Jugendliche, jedoch keine Männer. Die Beratungsstelle gehört zum Trägerverein Frauen helfen Frauen und soll Frauen einen geschützten Raum bieten.

Thamar: Kürzungen bedrohen die Arbeit der Beratungsstelle

Mit der Versorgung von Kindern, Jugendlichen und Frauen ist Thamar ausgelastet. Die Ressourcen sind knapp, und der Bedarf ist groß. Für das vergangene Jahr liegen die Zahlen noch nicht vor, doch 2024 bearbeitete Thamar 322 Fälle sexualisierter Gewalt in insgesamt 1460 Beratungsterminen. Darunter waren viele Einmalberatungen, viele Betroffene, Angehörige oder Fachkräfte kommen jedoch mehrfach.

Die Arbeit von Thamar mit Sitz in Böblingen und einer Außenstelle in Leonberg ist gleichwohl nicht gesichert: Der Landkreis kürzt ab 2026 die Gelder. Möglich ist dies, da es sich bei der Beratungsstelle um eine freiwillige Leistung handelt, die gesetzlich nicht garantiert ist. Karin Zimmermann fordert daher eine Regelfinanzierung. Sexualisierte Gewalt sei ein gesellschaftliches Problem, dem mit staatlich geförderten Beratungsstellen begegnet werden müsse.

Bis dahin werden laut Zimmermann auch bei Thamar Einschränkungen des Angebots notwendig sein. Trotz der schwierigen Lage findet sie hoffnungsvolle Worte: „Die Betroffenen stehen bei uns an erster Stelle. Wir werden niemanden abweisen, der Hilfe benötigt.“

Hilfsangebote bei sexualisierter Gewalt

Beratung
Telefonnummer 0 70 31/22 20 66. Website und Spendenmöglichkeit: www.thamar.de

Hilfe „Gewalt gegen Frauen“
Telefonnummer: 116 016 und via Online-Beratung: www.hilfetelefon.de

Portal Sexueller Missbrauch
Telefon: 0800 / 22 55 530. Website: www.hilfe-portal-missbrauch.de

Bei akuter Gefahr
Polizei anrufen, Notruf 110. Anzeige stellen bei jeder Polizeidienststelle oder Online-Anzeige: portal.onlinewache.polizei.de/de