Entwicklungsexperten: Diana Kraft-Schäfer und Simone Iltgen nennen sich EZ-Scouts Foto: Link

Firmen im Südwesten profitieren mehr als andere von einem Förderprogramm der Entwicklungshilfe. Zwei „Scouts“ der IHK Reutlingen und Karlsruhe beraten beim Sprung nach Asien, Südamerika und Afrika.

Stuttgart - Das Förderprogramm gibt es seit 1999, doch der frühere Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel (FDP) hat ihm neuen Schub gegeben: Wenn das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sich in armen Ländern engagiert, dann könnte die deutsche Wirtschaft mit an Bord genommen werden – so die Grundidee. Seit 2011 beraten deutschlandweit 32 sogenannte EZ-Scouts, wie Firmen an öffentliche Zuschüsse im Rahmen des sogenannten DeveloPPP.de-Programms kommen können. Decken sich ihre Investitionen mit entwicklungspolitischen Zielen, können bis zu 200 000 Euro Staatsgelder fließen, mindestens die Hälfte der Gesamtkosten eines Projekts muss die Firma allerdings selbst übernehmen. EZ steht für Entwicklungszusammenarbeit.

Baden-Württemberg führt die Liste an

Die beiden EZ-Scouts Diana Kraft-Schäfer – ansässig an der IHK Karlsruhe – sowie Simone Iltgen von der IHK Reutlingen ziehen im Gespräch mit unserer Zeitung eine positive Bilanz für den Südwesten. „Mit 275 Projekten führt Baden-Württemberg die Liste der Länder an, aus denen sich Unternehmen im Rahmen von DevleoPPP.de in Entwicklungs- und Schwellenländern engagieren“, sagt Diana Kraft-Schäfer. Mit öffentlichen Beiträgen in Höhe von 56 Millionen Euro seien über 85 Millionen an privaten Beiträgen der Unternehmen mobilisiert worden – das sei doch eine „stolze Summe“.

Ein Blick in die Liste der Projekte gleicht dem Anschauen eines Who-is-Who der baden-württembergischen Wirtschaft. Natürlich sind es eher mittelständische Firmen, die Unterstützung für ihren Eintritt auf den riskanten aber interessanten „Emerging Markets“ von Lateinamerika, Asien und Afrika benötigen. Ab einer Größe von zehn Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von einer Million Euro können sie sich viermal im Jahr bewerben – allerdings sind selbst Global Player dabei. Als ein „Leuchtturmprojekt“ bezeichnet Diana Kraft-Schäfer das Vorhaben des auf natürliche Heilmittel spezialisierten Unternehmens Willmar Schwabe aus Karlsruhe: Sein Anliegen war es, aus Kirgisistan nachhaltig angebauten Baldrian von hoher Qualität zu beziehen und eine gute Liefersicherheit zu erreichen. Dies gelang mit einem auf vier Jahre ausgelegten Programm, in dem 1000 Kleinbauern für einen besseren Anbau der Pflanze und ihre Aufarbeitung vor Ort ausgebildet worden sind. 14 landwirtschaftliche Berater übernahmen die Schulung – ein klassischer Fall für eine Zusammenarbeit von Wirtschaft und Entwicklungshilfe, eine sogenannte Entwicklungspartnerschaft. Im Ergebnis steht eine Lieferung von 20 Tonnen pro Ernte.

Es geht einer Firma um den nachhaltigen Anbau der Abaca-Pflanze in Costa Rica

Ähnlich gelagert ist das Projekt der Glatfelter Gernsbach GmbH & Co, die spezielles Papier für hochwertige Teebeutel und Kaffeefilter fertigt und dazu nachhaltige Anbauprojekte für den Rohstoff – die Abaca-Pflanze – auf den Philippinen und in Costa Rica fördert. Auch mit DeveloPPP.de trainiert Aluplast (Karlsruhe) Mitarbeiter in Indien für den energieeffizienten Fensterbau, und die Peter Hahn GmbH (Winterbach) hat in China ein Projekt für ein integriertes Nachhaltigkeitsmanagement mit ausgewählten Lieferanten laufen.

Die Ideen sind unerschöpflich: So baut Heimerle und Meule (Pforzheim) in Honduras mit Hilfe des Bundesprogramms eine nachhaltige Lieferkette für Primärgold in Honduras auf, das Sanetta-Textilwerk (Meßstetten) hat in der Türkei neue Verfahrenstechniken in den Färbemaschinen eingeführt. Nicht nur Entwicklungspartnerschaften mit der Wirtschaft auch Klimapartnerschaften sind möglich – sie werden vom Bundesumweltministerium gefördert.

Kontakte im Ausland anbieten, Informationen erteilen, bei der Bewerbung für DeveloPPP.de beraten, Fachveranstaltungen organisieren – die Aufgaben der EZ-Scouts sind vielfältig. Gerade kleineren Unternehmen könne ein Mitmachen bei dem Förderprogramm des Bundes helfen, sagt Simone Iltgen. „Manchmal hilft es im Schriftverkehr mit den Behörden vor Ort schon, wenn ein Bundesadler sich auf einem Referenzschreiben findet.“

Selbst Konzerne wie Voith lassen sich beraten

Aber selbst große Firmen wie die Voith Hydro GmbH & Co KG aus Heidenheim nutzen die Hilfe von DeveloPPP.de, etwa um in Angola und Nepal die Mechanikerausbildung für Wasserkraftanlagen zu fördern. Eine Voith-Sprecherin sagte auf Anfrage, man lasse in Nepal eine Ausbildungswerkstatt errichten: „Ziel ist es, eine dreijährige akkreditierte Ausbildung von Mechanikern aufzubauen. Sie werden in Nepal benötigt, um bei der Nutzung und Erschließung der Wasserkraftressourcen mitzuarbeiten.“ Auch soll das Projekt die Lebensbedingungen der Menschen vor Ort verbessern. Ein EZ-Scout aus Hamburg habe geholfen, Kontakte zu lokalen Firmen in Nepal herzustellen. Ein Ziel sei, dass möglichst alle ausgebildeten Mechaniker, auch über Voith hinaus, eine Anstellung und „fair bezahlte Arbeit“ vor Ort finden.

Die IHK Reutlingen hat schon vor Jahren ein Kompetenzzentrum für das subsaharische Afrika gegründet. Martin Fahling, Bereichsleiter International bei der IHK Reutlingen sagt: „Wir sind froh, dass wir die EZ-Scouts haben.“ Die Wirtschaft der Region Neckar-Alb habe eine Exportquote von 54 Prozent, der Auslandsumsatz habe sich in den letzten 15 Jahren verdoppelt von 4,5 auf fast neun Milliarden Euro.

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