Petra Funk-Wentzel rät zu ungekochtem Gemüse in der Vesperbox. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Kinder und Essen – um dieses Thema ranken sich viele Mythen. Eine Ernährungsberaterin aus Stuttgart erklärt, welche Ängste unbegründet sind und worauf es im Kita-Alltag ankommt.

Kein gesalzenes Essen? Hauptsache Gemüse? Und möglichst viel trinken? Wenn es um die Ernährung von Kita-Kindern geht, haben es Eltern, aber auch Erzieherinnen und Erzieher längst mit einer regelrechten Informationsflut zu tun. Die Stuttgarter Ernährungsberaterin Petra Funk-Wentzel ordnet ein, was aus ihrer Sicht bei diesem Thema wirklich wichtig ist.

 

Frau Funk-Wentzel, laut einer Studie des Bundesinstituts für Risikoforschung essen schon Kleinkinder zu süß und zu ungesund. Haben wir ein Problem bei der Ernährung im frühen Kindheitsalter?

Ja, auf jeden Fall. Hochverarbeitete Lebensmittel sind heutzutage üblich. Viele Lebensmittelfirmen sind da sehr raffiniert. Die Konsistenz der veränderten Produkte und insbesondere das Verhältnis von Zucker und Fetten führen dazu, dass die natürliche Sättigungsregulation nicht mehr so gut funktioniert. Bedeutet: Diese Lebensmittel regen dazu an, mehr zu essen, als der Körper eigentlich braucht. Das trägt auch zum zunehmenden Übergewicht bei Kindern bei.

Sehen Sie hierzulande Lücken bei der Ernährungsbildung?

Ich habe den Eindruck, dass in diesem Bereich schon viel Wissen da ist. Fast alle nehmen heute in der Schule die Ernährungspyramide durch. Aber die Werbung und das Angebot in den Supermärkten machen es uns oft schwer, dieses Wissen tatsächlich umzusetzen. Die Omnipräsenz von hochverarbeiteten Lebensmitteln hindert viele Menschen daran, auf naturbelassene Lebensmittel zu setzen.

Hinzu kommt, dass im Internet unterschiedliche Ernährungstrends zu finden sind, mit teils widersprüchlichen Inhalten. Erschwert das die Orientierung?

Auf jeden Fall. Gerade für junge Eltern ist das keine leichte Situation. Ich stelle zum Beispiel immer häufiger fest, dass Eltern total Angst haben, ihren Kindern gesalzenes Essen zu geben. Dabei verträgt jedes Kind ab einem Jahr gesalzenes Essen, nur eben nicht im Übermaß. Es gibt einerseits die Eltern, die sich viele Gedanken um das Thema Essen machen und damit oft auch Ängste entwickeln, etwas falsch zu machen. Und andererseits Eltern, die tatsächlich noch mehr Kenntnisse über gutes Essen für Kinder benötigen.

Was ist bei der Ernährung von Kindern im Kita-Alter entscheidend?

Man sollte versuchen, Kinder an möglichst vielfältige Kost zu gewöhnen: verschiedene Obst- und Gemüsesorten, verschiedene Getreideprodukte und so weiter. Mir ist bewusst, dass das nicht immer einfach ist. Aber es spielt eine große Rolle. Genauso wie die Gewöhnung an naturbelassene Lebensmittel. Wenn man Kindern einen Naturjoghurt anbietet, dann essen sie den. Wenn man ihnen aber gesüßte und geschmacklich veränderte Joghurts anbietet, dann gewöhnen sie sich eben da dran.

Woran können sich Eltern und Kita-Personal orientieren?

Ich bin nach wie vor großer Fan der Ernährungspyramide. Sie zeigt: Wichtig ist es zunächst einmal, regelmäßig zu trinken. Wobei die Vorstellung, dass Kinder besonders viel trinken müssen, so nicht stimmt. Normalerweise haben Kinder ein gutes Durstgefühl. Wenn sie Durst haben, dann trinken sie auch. Allerdings befürchten viele Eltern, ihre Kinder würden zu wenig trinken. Dann fangen sie häufig an, gesüßte Getränke anzubieten. Das trinken die Kinder natürlich, aber nicht aus Durstgefühl. Gesüßte Getränke sind ein großes Problem, auch wegen der Entstehung von Karies. Am allerbesten ist einfach Wasser.

Und beim Essen?

Hier sollte man schauen, dass zumindest bei jeder Hauptmahlzeit Gemüse dabei ist. Kinder sind oft große Rohkostfans. Ich stelle immer wieder fest, dass sie Gemüse viel lieber roh als gekocht essen. Wenn man als Elternteil dem Kind eine Vesperbox für die Kita mitgibt, kann man also ein eher kleines Stück Brot einpacken, dafür aber auch Obst und Gemüse. Und bei Getreideprodukten ist es gut, wenn ab und zu Vollkorn dabei ist, etwa in Form von Haferflocken, Brot oder Nudeln. Das ist gut für die Darmgesundheit, genauso wie frische oder fermentierte Lebensmittel, zum Beispiel Sauerteigbrot.

Welche Rolle spielt das Essen in der Kita bei der Ernährung der Kinder?

Kinder verbringen oft einen Großteil des Tages in der Kita, insofern sollte das Essen dort auch den Großteil einer ausgewogenen Ernährung abdecken. Ein Vorteil der Kitas ist, dass dort eine Gruppendynamik wirkt. Meine Kinder waren in einer Einrichtung, die Süßigkeiten nur in einem ganz kleinen Umfang erlaubt hat. Das hat dort sehr gut funktioniert. Wenn es klare Regeln gibt, an die sich auch die anderen halten müssen, dann lässt sich eine gesunde Ernährungsweise bei Kindern einfacher umsetzen.

Dennoch: Ist es angesichts der Herausforderungen im Kita-Betrieb überhaupt möglich, dort für eine gesunde, ausgewogene Ernährung zu sorgen?

Viele Einrichtungen machen das schon sehr gut. Es gibt genug Möglichkeiten, auch in der Kita für Vielfalt zu sorgen. Eine stärker pflanzenbasierte Kost wird heute beispielsweise durchaus empfohlen. Da können dann als Eiweißlieferanten Hülsenfrüchte und hier insbesondere Soja angeboten werden.

Wie können Eltern auf die Ernährung ihrer Kinder im Kita-Alltag einwirken?

Auf jeden Fall das Abendessen und manchmal auch das Frühstück finden ja weiterhin zu Hause statt. Da können Eltern darauf achten, das Kita-Essen sinnvoll zu ergänzen. Bei Einrichtungen mit Catering gibt es aus technischen Gründen oft vorgekochtes, warmgehaltenes oder wieder aufgetautes Essen. Dann ist es wichtig, zu Hause die Ernährung mit frischen Produkten – etwa rohem Gemüse oder Obst – abzudecken.

Viele Ratgeber sprechen sich gegen häufige Snacks aus – etwa auf dem Heimweg von der Kita. Sehen Sie das ähnlich?

Ja. Heutzutage wird sehr viel gesnackt. Viele Eltern setzen auf kleine, dafür aber häufigere Mahlzeiten. Für manche Kinder reicht das, um sich immer gesättigt zu fühlen. Aber ohne wirklichen Hunger essen sie zum Abendessen dann nur die „Leckerlis“. Also eher das Brot mit dem Schokoladenaufstrich als das mit dem Frischkäse. Das ist einer gesunden Ernährung hinderlich. Klar, wenn Kinder von der Kita abgeholt werden, fragen sie oft: „Mama, hast du was mitgebracht? Papa, gehen wir noch dieses und jenes essen?“ Aber auch da helfen klare Regeln. Und: Wenn man sich den ganzen Tag nicht gesehen hat, sollten die Eltern Zuwendung nicht zu oft über Snacks ausdrücken. Sondern lieber dadurch, dass sie aktiv Zeit mit ihren Kindern verbringen.

Welche Verantwortung kommt Erzieherinnen und Erziehern in der Kita zu?

Einer meiner Lieblingssprüche lautet: Erziehung ist überflüssig, Kinder machen sowieso alles nach. Das heißt, wenn Erzieherinnen und Erzieher nur Brot mit süßem Belag essen, dann ahmen Kinder das nach. Diese Vorbildfunktion ist sehr wichtig. Heutzutage setzen viele Erwachsene auf besondere Ernährungsformen wie Intervallfasten oder Diäten. Das kann für Kinder verwirrend sein.

Inwiefern?

Es gibt dann nicht mehr diese regelmäßigen gemeinsamen Mahlzeiten. Dabei hat Essen neben der Nährstoffversorgung auch einen sozialen Aspekt. Meiner Meinung nach ist es wichtig, eine oder besser mehrere gemeinsame Familienmahlzeiten am Tag zu haben. Das bietet die Chance, sich länger zu unterhalten und die Kinder ein bisschen beobachten zu können – auch mit Blick auf ihre Ernährung.

Eine Ernährungsberaterin und ihr Fach

Laufbahn
Diplom-Ökotrophologin lautet der wissenschaftliche Titel von Petra Funk-Wentzel. Die Disziplin kombiniert die Ernährungswissenschaft mit der Haushaltswissenschaft. Funk-Wentzel studierte sie an der Universität Bonn, bevor sie zunächst an einer Klinik im Bereich Kinder- und Jugendmedizin arbeitete. Vor rund 20 Jahren machte sich die gebürtige Schwäbisch Gmünderin dann selbstständig. Seitdem leitet sie in Stuttgart-Sillenbuch eine Praxis für Ernährungsberatung.

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Eine Orientierungshilfe für das Essen im Kita-Bereich bietet der Qualitätsstandard der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Er richtet sich an Träger, Kita-Leitungen, Caterer und Eltern. In Baden-Württemberg ist außerdem die Landesinitiative Bewusste Kinderernährung (BEKI) Teil der Ernährungsbildung.