Der Platz vor der Michaelskirche ist kein Ort der großen Worte. Foto: Michael Werner

Falls wieder ein Lockdown ausgerufen wird, bedarf es Sitzgelegenheiten im öffentlichen Raum. Was kann geschehen, wenn man auf ihnen Platz nimmt? Heute: Degerloch.

Degerloch - Maddin, der in Wirklichkeit vermutlich Martin heißt, hat es wahrscheinlich nicht leicht zu Hause. Darauf lassen zumindest die Äußerungen der Frau mit fränkischem Zungenschlag schließen, die sich mit einer womöglich als Freundin zu bezeichnenden Begleiterin auf einer der beiden soliden Metallbänke auf dem Degerlocher Agnes-Kneher-Platz niedergelassen hat. Wenn nicht gerade die Glocken der von schläfrigem Licht beleuchteten Michaelskirche dazwischenfahren, hört man die Fränkin über Maddin schimpfen, mutmaßlich ihren Mann. Die Quintessenz: Maddin stelle sich bei Gehaltsverhandlungen mit seinem Chef ungeschickt an, sodass sie, die Fränkin, in einer Küche kochen müsse, deren Ausstattung sie offenbar nicht als angemessen betrachtet. „Maddin ist ein Loser“, sagt die Fränkin. Ihre Freundin sagt nichts.

Das Schweigen ist charakteristisch in dem kleinen Park, wodurch die Kirchenglocken gut zur Geltung kommen, und die Anfeuerungsrufe vom hinter Grünzeug verborgenen nahen Sportplatz zuweilen zu verstehen sind. Weiter weg sitzt ein Vater, der seiner Tochter stumm beim Skateboard-Üben zusieht. Irgendwann kommt eine Frau, die ihre Tattoos betrachtet. Später finden sich ein paar Hunde zum gegenseitigen Beschnuppern, was ihre Besitzer jedoch nicht dazu zu veranlassen scheint, mehr Worte zu wechseln, als unbedingt nötig.

Einblicke in fremde Leben

Aber Worte sind hier auch nicht unbedingt erforderlich: Der schmale Weg, der direkt an den beiden Eisenbänken vorbeiführt, eröffnet nonverbale Einblicke in fremde Leben, etwa wenn Leute ihre Einkäufe vom nahe gelegenen Supermarkt durch den kleinen Park in ihre Wohnung tragen: Nach einer Weile auf der Eisenbank ist man jedoch noch nicht imstande, klare Muster zu erkennen, etwa dass die Obst- und Gemüseträger im Durchschnitt gesünder aussehen würden als die Süßigkeiten-Schlepper. Sicher ist: Die Radfahrer sind lauter. Aus der Kirche dringt derweil Chorgesang.

Der ist imstande, dem Aufenthalt rund um die Michaelskirche am frühen Abend etwas Feierliches zu verleihen. Das gilt auch auf der anderen Seite der Kirche, wo man sich zwischen Gotteshaus und Bezirksrathaus auf Steinquadern niederlassen kann und – wenn man Glück hat – einer Ameise dabei zusehen, wie sie einen Kronkorken besteigt, der auf dem gepflasterten Platz vor der Kirche liegt. Aus dem Gemeindehaus dringt Chorgesang, der die Leichtigkeit der Ameisenübung zu unterstreichen scheint. Beneidenswert, möchte man denken.

Etwas muss geschehen sein

Bemitleidenswert, könnte man denken, wenn man bei der Rückkehr vom Platz in den Park und vom Steinquader auf die Eisenbank von der Fränkin an Maddin erinnert wird. Jetzt schildert sie ihrer Freundin lautmalerisch die Geräusche, die Maddin ihrer Aussage zufolge beim Verzehr mancher Speisen von sich gebe. Man möchte nicht Maddin sein. Lieber die Ameise. Oder einer der Chorsänger. Oder die Wespe, sie sich an einem Fleck Schokoladeneis auf der Bank labt, der doch vorhin noch nicht sichtbar war. Etwas muss hier geschehen sein, während man selber auf der anderen Seite der Kirche einer Ameise auf dem Kronkorken zugesehen hat. Jemand hat ein Eis gegessen oder zumindest den größten Teil davon.

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